Auf der Suche nach dem Groove

Interview mit dem Dirigenten Santtu-Matias Rouvali

(Foto: Kaapo Kamu)

Santtu-Matias Rouvali ist ein Senkrechtstarter. Mit 33 Jahren bekleidet der Dirigent, der seine musikalische Laufbahn als Schlagzeuger begann, zwei Chefpositionen: beim Tampere Philharmonic Orchestra und bei den Göteborger Symphonikern. In diesen Tagen gibt der energiegeladene Finne sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern. In unserem Interview erzählt er von seinem Werdegang und seiner Sicht auf den Dirigentenberuf.

128: Herr Rouvali, macht die Tatsache, dass Sie in Ihrem ersten Leben Schlagzeuger waren, das Dirigieren leichter für Sie?
Santtu-Matias Rouvali: Nein, das glaube ich nicht, und ich lege beim Dirigieren auch grundsätzlich nicht mehr Aufmerksamkeit auf den Rhythmus als auf andere Dinge. Vielleicht kann man aber an meiner Art zu dirigieren sehen, welches Instrument ich professionell gespielt habe. Denn der Taktstock ist für mich ein bisschen wie ein Drumstick. Ich benutze ihn in der gleichen Weise wie früher die Schlegel. [Er demonstriert es spontan mit einem der vier Taktstöcke, die auf dem Tisch liegen, und so präzise und virtuos, wie es nur echte Schlagzeuger können.]

Daran erkennt man den wahren Drummer. Macht dieser Drive den Unterschied zu einem geborenen Melodiker aus? Den Unterschied zwischen, sagen wir, Schlagzeug und Violine?
Das ist lustig, dass Sie danach fragen. Denn ich habe in der Tat beide Instrumente gespielt, das heißt, ich kenne den Unterschied sehr gut.

Ihre Familie war ja anscheinend ohnehin sehr musikalisch …
O ja, das kann man wohl sagen. Mein Vater war Klarinettist im Symphonischen Orchester Lahti, meine Mutter spielte dort Violine. Ich durfte ihr letztes Konzert dirigieren, bevor sie in Rente ging – ein sehr bewegender Moment!

Warum haben Sie sich dafür entschieden, Dirigent zu werden?
Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich liebe es einfach zu dirigieren. Als ich noch Perkussionist im Orchester war, habe ich während des Spielens die ganze Zeit über die Partitur studiert. Und ich dachte: Da ist doch vielleicht etwas mehr drin, als ich gerade höre; vermutlich könnte ich etwas mehr dazu sagen.

Kann man die Kunst des Dirigierens überhaupt erlernen? Oder hat man das einfach in den Händen, im Kopf, im gesamten Körper? Ist womöglich gar ein Hauch Metaphysik im Spiel?
Ich denke, man hat die Gabe – oder eben nicht. Sie können Dirigieren nicht wirklich studieren. Natürlich haben wir eine gute Dirigierschule in Finnland. Oder sagen wir es lieber so: Viele Menschen sind der Meinung, dass wir in Finnland eine gute Dirigierschule haben, einfach deswegen, weil sie daran glauben.

Macht es da für Sie einen Unterschied, ob Sie in Tampere, Göteborg, München, New York oder Berlin vor einem Orchester stehen?
Es gilt an jedem dieser Orte herauszufinden, was der Groove ist. Wenn Sie, um ein Beispiel zu geben, in London dirigieren, müssen Sie sehr schnell sein. Aber ich spüre das zum Glück nach wenigen Minuten: wie ein Orchester tickt, wie die Musiker reagieren, was sie mögen und was nicht, ob sie mehr oder weniger proben wollen. Und eines ist klar: Besonders viel Zeit habe ich nicht, um das herauszufinden, wenn ich als Gast zu einem Orchester komme. Man trifft sich bei der ersten Probe, hat eine zweite, vielleicht dritte, und dann steht schon das Konzert an. Das erfordert rasche Reaktionen. Immerhin kann man die Taktik ändern, je nach Orchester – sich selbst aber nicht.

Sie haben seit einigen Jahren großen Erfolg mit dem, was Sie tun. Was macht das mit Ihnen?
Es mag komisch klingen, aber es ist die reine Wahrheit: Mir geht es am besten, wenn ich meine Freizeit genießen kann. Ich liebe es, mich im Sommer auf mein Cottage zurückzuziehen, am See zu sitzen, in die Sauna zu gehen, Bier zu trinken, Fastfood zu essen, zu sinnieren. Ich liebe diese vermutlich typisch finnischen Dinge. Darüber hinaus habe ich noch einen fünfjährigen Sohn; um den kümmere ich mich natürlich auch. Und eine Gewissheit habe ich: Das Leben ist wichtiger als die Kunst.

Kommen wir zurück zur Musik: Fühlen Sie eine Nähe zum russischen Repertoire?
Ja, ich liebe die Klarheit der Harmonien, die rhythmische Faktur der Stücke, vor allem bei Sergej Prokofjew.

Das bedeutet, Sie bevorzugen Stücke mit einer rhythmischen Basis.
Ich denke, das ist so.

Aber Sibelius lieben Sie ganz besonders. Und er ist anders.
Ja, aber nur an der Oberfläche. Vergessen Sie nicht die Hemiolen im Hintergrund. Es ist kompliziert, aber man hört das meist nicht so klar. Deswegen hat der Dirigent die Aufgabe, diese Komplexität herauszukitzeln, sprich: die melodische Schönheit zu entdecken, die hinter der rhythmischen Struktur wohnt.

Was kann ein Dirigent eigentlich tun mit einem Stück? Da stehen schließlich Noten …
Ja, das stimmt. Aber schon ein Akzent ist nicht einfach nur ein Akzent. Es hängt an meinen Gesten, wie er klingt. Das verändert viel. Und dann die Tempi! Da gibt es unendlich viele Varianten. Und das ist ein Grund, warum ich so gerne mein Orchester in Tampere dirigiere: Sie spielen gut, wenn ich mit ihnen probe. Sie spielen für mich. Ich erziele wunderbare Resultate. Und die sind, ob Sie es glauben oder nicht, manchmal besser als die Resultate, die ich mit weit bedeutenderen Orchestern erziele.

Die Fragen stellte Jürgen Otten. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Interviews für das Magazin 128, das in unserem Online-Shop und in der Philharmonie erhältlich ist.