Starke Frauen

Kirill Petrenko dirigiert Puccinis »Suor Angelica« – Faith to Face / Von Malte Krasting

Im Video: Impressionen und Statements aus der Probenarbeit


Im Augustinerkloster von Vicopelago, knapp außerhalb von Lucca in südwestlicher Richtung, klopft es an der Pforte. Suor Giulia Enrichetta, die Oberin, lässt einen Mann von knapp 60 Jahren ein. Sie kann die Ausnahme von der Regel verantworten: Es ist ihr jüngerer Bruder. Die meisten Klosterschwestern sind schon im Saal versammelt, wo auch ein Klavier bereitsteht. Der Besucher ist ihnen nicht unbekannt. In den vergangenen Monaten war er gelegentlich für einige Tage zu Gast, aber was er bei diesen Visiten im Sinn hatte, wussten sie nicht. Nun wird das Geheimnis gelüftet: Er hat gerade eine Oper beendet, die er ihnen nun vorspielen will; sein Name: Giacomo Puccini.

Puccini ist nervös. Sein Stück gibt das Klosterleben in manchen Details und alltäglichen Verfehlungen wieder; vor allem aber ging es um eine schwere Sünde – ein uneheliches Kind in bester Familie. Würden die frommen Frauen Anstoß nehmen, wenn sozusagen eine von ihnen solcherart porträtiert wird? Puccini also singt und begleitet sich selbst auf dem Klavier, schlüpft in alle Rollen, samt und sonders Frauenpartien, und hofft auf eine günstige Aufnahme. Als die letzten Töne des erlösenden Engelschors verklingen, wendet er sich um und schaut in tränenerfüllte Augen.

Ein Schmerzenskind

Aber was will der vielleicht berühmteste Opernkomponist seiner Zeit im Jahr 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, in einem toskanischen Nonnenkloster? Das sieht natürlich ein bisschen nach Weltflucht aus. Und Flucht ist ein wiederkehrendes Motiv in seinem Leben: Aus seiner Dauerbeziehung zu Elvira flüchtete er sich in Affären, aus der Arbeit in Ablenkungen – Entenjagd, Motorboote, Automobile. Puccini fand sich nicht nur politisch zwischen den Stühlen, sondern auch ästhetisch isoliert von den europäischen Kunstströmungen. In dieser Lage entstand nun Suor Angelica. Das Stück, kaum eine Stunde lang, war Teil eines langgehegten Vorhabens: ein musiktheatralisches Triptychon aus drei miteinander verwandten, aber kontrastierenden Operneinaktern – mit Handlungen, die, dem Typus entsprechend, keiner langen Einleitungen bedürfen, sondern schlagartig konfliktträchtige Situationen mit einem Schlüsselmoment auf die Bühne stellen. Mittelstück eines klingenden Triptychons Während Il tabarro (um einen Ehebruch und Mord aus Eifersucht) und Gianni Schicchi (über eine geldgierige Familie und einen gerissenen Erbschleicher) schnell einschlugen, hat es die Oper über die junge Nonne am schwersten gehabt und wurde bei Aufführungen oft weggelassen. Puccini tat das weh: »Es macht mich wirklich unglücklich, die beste der drei Opern beiseitegelegt zu sehen«, gestand er Anfang 1921.

Insofern ist ein konzentrierter Blick auf ebendieses Werk mehr als gerechtfertigt, zumal manche seiner schon früh kritisierten Eigenschaften in Wahrheit seine Stärken sind. Zum Beispiel die ausführliche Exposition der verschiedenen Figuren, die wie ein Puzzle peu à peu Informationen zu dem Hauptkonflikt liefert, auf den die Handlung zusteuert. Subtil baut Puccini eine Spannung auf, während die Zuschauer anhand der wenigen Erkenntnisse, die ihre Mitschwestern über sie haben, zum Schicksal Angelicas nach und nach Indizien sammeln und sich das Beziehungsgeflecht offenbart, in dem kleine Boshaftigkeiten unter dem Deckmantel der Frömmigkeit ausgetauscht werden, sich Verletzungen und Hoffnungen zwischen Gebeten und Gesängen Bahn brechen. Bis das Geschehen im Zusammentreffen Angelicas und ihrer Tante kulminiert, einem monumentalen Schlagabtausch zweier starker Frauen, einem der großen Duelle der Opernliteratur, das den Vergleich mit Verdis Großinquisitor-Szene aus dem Don Carlo nicht zu scheuen braucht.

Musikvermittlung mit einer »hochaktuellen Geschichte«

Welchen Stellenwert es für Kirill Petrenko hat, Musik an jüngere Generationen weiterzugeben und zu vermitteln – und zwar sowohl angehenden Musikerinnen und Musikern wie für heranwachsende Zuhörerinnen und Zuhörer –, hat er bereits bei seinem Amtsantritt formuliert. Die Aktivitäten der Berliner Philharmoniker auf diesem Gebiet will er »mit ungemindertem Engagement fortführen« und dabei eigene Schwerpunkte setzen. »Vor allem möchte ich meine Liebe zum Musiktheater weitergeben und zeigen, was für unglaubliche Ausdrucksmöglichkeiten diese Kunst gerade für junge Menschen bereithält«, meinte er zum Saisonauftakt. Ganz bewusst hat er sich dabei für Puccinis Suor Angelica entschieden: einer weniger bekannten Oper eines bedeutenden Komponisten, von begrenztem Umfang, aber mit vielen kleinen, scharf profilierten Partien, außerdem geeignet für junge Stimmen – vor allem aber, weil in ihr ein brennendes Thema steckt: »Sie handelt von einer jungen Frau, die in einer inhumanen Umgebung um ihre ganz persönliche Humanität kämpft: eine berührende, hochaktuelle Geschichte mit herrlicher Musik.« Der Komponist und Pianist Matan Porat wird der Oper einen gemeinsam mit den Sängerinnen entwickelten Prolog voranstellen und die – schon von Puccini fast wie Kapitel einer Erzählung angeordneten – Szenen mit kurzen musikalischen Interventionen unterbrechen: als szenische Kommentare der Darsteller zur Handlung.

Weltflucht und Existenzkampf

Denn das betrifft einen weiteren, Kirill Petrenko wichtigen Aspekt dieser Einstudierung. Er hat eine Künstlerpersönlichkeit gesucht, die gemeinsam mit den jungen Sängerinnen nach zeitgenössischen Aspekten dieser Oper forscht und fantasievoll und ausdrucksstark auf die Bühne bringt. Dafür steht die Regisseurin Nicola Hümpel, weithin bekannt für ihr Ensemble Nico and the Navigators. Ein inhaltlicher Ausgangspunkt für das Regiekonzept ist die gefühlte Distanz moderner junger Frauen zu den Figuren aus Puccinis Oper: Warum, so könnte man fragen, begehren die Klosterschwestern nicht gegen die Ungerechtigkeiten ihrer Gesellschaft auf, sondern ermahnen sich bei Regelverstößen noch gegenseitig? Warum versagen sie sich selbst harmloseste Wünsche und gestatten sich gegenseitig nicht die kleinste Verfehlung? Doch auf den zweiten Blick ist uns solches Verhalten vielleicht weniger fremd als es scheint: Viele moderne Großstädter beschäftigen sich lieber mit ihrer eigenen geistigen Vervollkommnung anstatt mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Aber ein Rückzug in individuelle Selbstfindung ist keine Lösung für die großen Probleme, vor denen die Menschheit steht. »Poesie, reichhaltige Dichtung, verschiedenartige Szenen, kleine Dinge, andere weniger klein, aber immer menschlich gefühlt«, das sind – wie er es am 10. Juli 1911 an Carlo Clausetti schrieb – Puccinis Vorstellungen von einem guten Opernstoff. Wie das Kleine mit dem Großen zusammenhängt, untersucht er beispielhaft in »Suor Angelica«, und den Auswirkungen der kleinen auf die weniger kleinen Dinge will auch die Aufführung mit den Nachwuchskräften rund um die Karajan-Akademie und das Education-Programm der Berliner Philharmoniker nachspüren.

Der Autor ist Dramaturg an der Bayerischen Staatsoper und arbeitet seit vielen Jahren mit Kirill Petrenko zusammen. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags für das Magazin 128 (Band 04/2019), dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.


Michael Trippel