Abbados Zöglinge

Das Mahler Chamber Orchestra gastiert im Kammermusiksaal

(Foto: Molina Visuals)

Was tun, wenn man als Musiker des Gustav Mahler Jugendorchesters die Altersgrenze für Mitglieder erreicht? Wenn man als angehender Berufsmusiker nicht auf das inspirierende Musiziererlebnis verzichten möchte, das man in diesem Klangkörper kennengelernt hat? Ganz einfach: Man gründet ein eigenes Orchester und bittet den Dirigenten des Jugendorchesters, Claudio Abbado, mit dem Ensemble weiterhin zu arbeiten. »Die Erfahrungen, die die Musiker beim Gustav Mahler Jugendorchester gemacht hatten, wollten sie für sich konservieren und weitertragen. Sie wollten in einem Umfeld arbeiten, in dem Zeit keine Rolle spielt, wenn es der künstlerische Prozess erfordert. Diese Einstellung haben sich die Musiker bis heute bewahrt«, erinnert sich Andrea Zietzschmann. Die heutige Intendantin der Berliner Philharmoniker gehörte 1997 zu der Gruppe begeisterter Jugendlicher, die sich zum Mahler Chamber Orchestra zusammenschlossen. Sowohl die jungen Instrumentalisten als auch Andrea Zietzschmann, die für das Organisatorische verantwortlich war, starteten mit viel Idealismus, zumal Claudio Abbado seine Unterstützung zugesagt hatte. Er ermutigte das junge Ensemble, unbeirrt seinen Weg zu gehen. »Unser Ziel war ganz klar: Wir wollten eines der besten Kammerorchester werden, uns vom Repertoire her breit aufstellen und mit den besten Dirigenten zusammenarbeiten. Dank Claudio Abbado gelang manches leichter, er öffnete uns Türen und vermittelte uns tolle Gastdirigenten.«

Ein Global Player

Einer der ersten Dirigenten, die durch Abbados Vermittlung am Pult des Orchesters standen, war Daniel Harding, der bald vom Ersten Gastdirigenten zum Musikdirektor aufstieg. Mit ihm realisierte das Mahler Chamber Orchestra eines der wichtigsten Projekte der Anfangsjahre: Mozarts Don Giovanni. Sein Ziel, eines der besten Kammerorchester zu werden, hat das Ensemble mittlerweile längst erreicht, mehr noch, es hat sich als Global Player mit Auftritten auf der ganzen Welt etabliert. Es gastiert u. a. in der Carnegie Hall, in der Elbphilharmonie Hamburg oder dem Concertgebouw Amsterdam, ist Partnerorchester des Heidelberger Frühlings, des Festival de Saint-Denis und der Mozartwoche Salzburg. Seit 2003 wirkt es jährlich beim Lucerne Festival mit und bildet den Kern des Lucerne Festival Orchestra. Das Erfolgsrezept? »Seine Musiker«, meint Managing Director Michael Adick, »sie besitzen eine künstlerische Flexibilität ohne jegliche Routine; beseelt von dem Wunsch, ständig über den eigenen Horizont hinauszuschauen. Hinzu kommt der absolute Willen zu höchster Qualität. Es gibt einen ständigen Dialog, sowohl mit künstlerischen Partnern als auch dem Publikum.« Ein weiteres Plus ist die demokratisch organisierte Struktur des Kollektivs.

Neugierig und offen

Auch wenn sich der Klangkörper in den vergangenen 20 Jahren strukturell und künstlerisch weiterentwickelt hat, so ist doch das Erbe Claudio Abbados nach wie vor präsent: Das Mahler Chamber Orchestra pflegt den von seinem Mentor favorisierten transparenten, kammermusikalischen Musizierstil selbst im symphonischen Repertoire, offen und neugierig konzentrieren sich die Musiker auf den Augenblick, lassen die Musik aus dem Moment heraus entstehen. Pflegte das MCO anfangs vor allem das klassisch-romantische Repertoire, so kam im Laufe der Zeit auch zeitgenössische Musik hinzu. Eines der wichtigsten Projekte hierbei war die Uraufführung der Oper Written on Skin beim Festival d’Aix-en-Provence 2012, die George Benjamin eigens für das Ensemble geschrieben hat und die das MCO in der vergangenen Saison unter seiner Leitung in der Philharmonie Berlin aufgeführt hat.

Auch in dieser Spielzeit ist das Orchester Gast in den philharmonischen Konzerten – mit einem Programm, das auf spannende Weise Musik des 18. und 20. Jahrhunderts gegenüberstellt. Unter der Leitung des französischen Dirigenten François-Xavier Roth präsentiert es zwei Symphonien von Joseph Haydn, die beide in der Tonart Es-Dur stehen. Zwischen ihrer Entstehung liegen rund 30 Jahre, beiden Werken gemeinsam ist jedoch der typische Humor, der in Haydns Musik immer wieder aufblitzt. Den Kontrapunkt dazu bilden zwei Konzerte von Bohuslav Martinů und György Ligeti. Solisten sind der Pianist Holger Groschopp und Stefan Dohr, Solohornist der Berliner Philharmoniker.

1997: das Mahler Chamber Orchestra kurz nach der Gründung
(Foto: Ulrike Weizsäcker)
1998 mit Claudio Abbado in Aix-en-Provence
(Foto: Elisabeth Carecchio)
Mit Daniel Harding 2003 beim Lucerne Festival
(Foto: Priska Ketterer)
Die Uraufführung von »Written on Skin« 2012
(Foto: Pascal Victor ArtcomArt)
November 2018: halbszenische Aufführung von George Benjamins »Written on Skin« in der Philharmonie Berlin unter Leitung des Komponisten.
(Foto: Adam Janisch)
Mai 2019: Auftritt des Mahler Chamber Orchestra im Kammermusiksaal
(Foto: Geoffroy Schied)