Hellmut Stern: Das philharmonische Gewissen

Eine Würdigung

(Foto: Sammlung Hellmut Stern)

Während seiner 34 Jahre im Orchester (1961–1994) und noch Jahrzehnte danach war der Geiger Hellmut Stern das Gewissen der Berliner Philharmoniker – ein Zeitzeuge mit feinem Humor. Seine Biographie, eine ungewöhnliche Odyssee von Berlin über China, Israel und Amerika zurück in seine Heimatstadt, führte zu einem Weltbild und einer Musikauffassung, die sich auf unerschöpfliche Neugier, Verantwortungsbewusstsein und Gerechtigkeitsempfinden gründeten. Am 21. März ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

»Einer der faszinierendsten Menschen, die ich je kennengelernt habe.« Fergus McWilliam, ehemaliger Hornist der Berliner Philharmoniker, erinnert sich noch sehr gut an seine erste Begegnung mit Hellmut Stern. »Es war 1985, auf meiner ersten Tournee mit den Berliner Philharmonikern. Ein Mann von kleiner Statur, aber erstaunlicher Energie, hielt mich an einer Straßenecke an und sagte zu mir in charmantem Englisch: ›Kommen Sie, reden wir ein wenig über das Leben als Philharmoniker.‹ Ich erwartete«, so McWilliam weiter, »dass er über musikalische Traditionen reden wollte, über die Gepflogenheiten, darüber, wie ich meine Probezeit bei den Berlinern bestehen konnte. Aber Stern wollte darüber sprechen, was es tatsächlich bedeutete, ein Philharmoniker zu sein – ein Bewusstsein für die politische Geschichte des Orchesters, die Dynamik seiner internen Politik, seinen zerbrechlichen, aber immens wichtigen Charakter als autonome Orchesterrepublik.«

Von Berlin nach China

Stern wurde 1928 in eine musikalische Familie in Berlin-Friedenau hineingeboren. Das Erlebnis der Pogromnacht im November 1938 erschütterte den Zehnjährigen tief, denn er hatte sich und seine Eltern eigentlich immer als eine typische deutsche Arbeiterfamilie empfunden. Als Juden sahen sich die Sterns gezwungen, Hitler-Deutschland zu verlassen. Sie flüchteten nach China, wo Hellmuts Eltern in Harbin (Mandschurei) als Musiklehrer arbeiten konnten. Im Schatten von Stalin, Hirohito und Mao Tsetung verbrachte Stern dort die Kriegsjahre; er besuchte eine von den Sowjets geführte russische Schule und lernte gleichzeitig Mandarin von den Einheimischen. Dabei ließ er nicht nur eine ungeheure Sprachbegabung erkennen, sondern auch ein feines Gespür für die unterschiedlichen Kulturen und Mentalitäten, das Teil seiner einmalig kosmopolitischen Weltsicht wurde. Am wichtigsten aber war, dass sich, trotz widrigster Verhältnisse in Harbin, die musikalische Begabung des Teenagers entwickelte. Nach zehn schweren Jahren in Asien siedelten die Sterns 1949 ins kurz zuvor gegründete Israel über. Um seine Eltern in der neuen Heimat zu unterstützen, spielte Stern in Bars und Nachtklubs Klavier.

Mitglied des Israel Philharmonic Orchestra

Sein ganzes Leben lang wehrte er sich gegen die Unterscheidung zwischen »ernster« und »Unterhaltungs«-Musik. Letztlich führte sogar ein Auftritt mit leichter Musik im Foyer des King David Hotels in Jerusalem zu einer schicksalhafter Begegnung mit seinem (nicht mit ihm verwandten) Namensvetter, dem großen amerikanischen Geiger Isaac Stern. Dieser leitete ein Probespiel beim Israel Philharmonic Orchestra in die Wege, das Hellmut Stern gewann, und ab 1951 gehörte er in diesem Orchester zu den Ersten Geigen. Beim Israel Philharmonic Orchestra sammelte der junge Mann nicht nur seine ersten Erfahrungen als Orchestermusiker, sondern lernte auch die Welt der Orchesterpolitik kennen. Ähnlich wie die Berliner Philharmoniker in ihren Anfängen war auch das Israel Philharmonic Orchestra eine musikalische Genossenschaft, die von den Orchestermitgliedern selbst betrieben wurde. »Es herrschte ein ungeheures Chaos«, erinnerte sich Stern, »und die Finanzierung stand permanent auf Messers Schneide, aber ich lernte daraus, wie wichtig es für Musiker ist, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen.« Trotz dieser inspirierenden Umgebung war das Leben in Israel für Stern und seine nicht mehr ganz jungen Eltern schwierig.

Orchestermusiker in den USA

1956 ging die Familie in die Vereinigten Staaten, wo ihm die Sprache förmlich zuflog, und er fand Anstellungen bei Orchestern in Chicago, Rochester und St. Louis. Zudem boten sich ihm prägende, lehrreiche Einblicke in die amerikanische Musikkultur: Stern erlebte Orchestermusik auf hohem technischen Niveau, wobei die Musiker jedoch wirkten, als würden sie zwischen der Tyrannei allmächtiger Dirigenten und der Unnachgiebigkeit ebenso tyrannischer Musikergewerkschaften zerrieben.

Rückkehr nach Berlin

Nach 23 Jahren als reisender Kosmopolit nahm Stern 1961 seinen Mut zusammen und kehrte nach Deutschland zurück. Bei aller sentimentalen Verklärung war Berlin im Jahre 1961 nicht mehr die pulsierende Metropole, die er in seiner Jugend gekannt hatte. Zu präsent war im Alltagsleben die Generation von Deutschen, die seine Familie in das zermürbende Exilleben getrieben hatte. Zudem wurde nur wenige Tage nach seinem erfolgreichen Probespiel bei den Berliner Philharmonikern im Juli 1961 die Berliner Mauer gebaut, die von da an die Westsektoren der geteilten Stadt von der umgebenden Welt trennte. Und doch: Beflügelt von seiner Freude über die erfolgreiche Rückkehr und begeistert vom Können des Orchesters und seines Chefdirigenten Herbert von Karajan nahm sich Stern fest vor, eine Verbindung der isolierten Philharmoniker mit dem Geist ihrer – und seiner eigenen – Verwurzelung in der Vorkriegszeit herzustellen.

Persönlichen Beziehung zu Karajan

Seine musikalischen Qualitäten brachten ihm die Beförderung zum Vorspieler der Ersten Geigen ein, aber am spannendsten fand Stern den internen Orchester-Mikrokosmos. »Hellmut sah die Kultur unter politischem Aspekt«, erinnert sich sein langjähriger Philharmoniker-Kollege, der Kontrabassist Rudolf Watzel, »was angesichts seiner schmerzlichen Zeit im Exil und seiner verschiedenen Erlebnisse in der ganzen Welt nur folgerichtig war.« Angetrieben von diesen Erlebnissen wurde Stern zu einer prägenden Kraft in der Orchesterpolitik. Stern stand viele Jahre lang in einer herzlichen persönlichen Beziehung zu Karajan, und als Orchestervorstand und Mitglied des philharmonischen Fünferrats spielte er eine wichtige Rolle bei einigen von Karajans ehrgeizigsten Projekten, etwa der Gründung der Salzburger Osterfestspiele 1967 und der Orchesterakademie 1972. Neben Errungenschaften wie diesen gab es aber auch deutlich strittigere Themen. »Wenn es um Dinge ging, von denen er absolut überzeugt war«, so Watzel, »schreckte Stern nie davor zurück, sich unbeliebt zu machen.«

Orchesterreformen

So etwa 1967, als er eine Reform der Gehaltsstruktur des Orchesters initiierte, bei der ein komplexes hierarchisches System zugunsten einer Gleichbehandlung aller Mitglieder abgeschafft wurde. Das Ergebnis war ein beträchtlicher finanzieller wie künstlerischer Zugewinn für die meisten Mitglieder, aber Stern wurde nicht wieder in den Vorstand gewählt. Oder: Bei der Diskussion über Frauen bei den Philharmonikern hatte Stern eine dezidierte Meinung. »Hellmut Stern war ein überzeugter Demokrat«, sagt die philharmonische Geigerin Madeleine Carruzzo, »und er kämpfte dafür, dass Frauen im Orchester zugelassen wurden – das war für ihn selbstverständlich. Als ich mein Probespiel gewonnen hatte [1982 als erste Frau im Orchester], sprach Hellmut mich an und sagte: ›Das ist ein historischer Moment.‹ Erst im Nachhinein«, so Carruzzo, »verstand ich, was ihm das auch persönlich bedeutete.« Anfang der 1980-er Jahre kippte das Verhältnis zwischen dem Orchester und Karajan. Stern, der keine faire Auseinandersetzung scheute, stand in vorderster Reihe bei einigen bitteren Konflikten, bei denen es um die allgemeinen Rechte des Orchesters und den Vorrang Karajans und seiner künstlerischen wie kommerziellen Interessen ging. »Sterns letzte Jahre im Orchester«, sagt Fergus McWilliam, »standen ganz im Zeichen seines Engagements für die Souveränität der Musiker.«

Symbolträchtiger Besuch

1990 wurde er noch einmal in den Vorstand gewählt, und mit seinem Einsatz erwirkte er schließlich eine neue Orchester-Verwaltungsordnung, die das Recht des Orchesters festschrieb, an Entscheidungen teilzuhaben und diese, wenn möglich, selbst zu treffen, sei es bei der Programmauswahl und der Tourneeplanung oder bei Verwaltung und Probespielen. Mit diesen Maßgaben legte man den Grundstein für die Stiftung Berliner Philharmoniker zehn Jahre später. Im gleichen Jahr plante Stern die erste Israel-Tournee der Berliner Philharmoniker. Dieser symbolträchtige Besuch war, wie McWilliam es ausdrückt, nicht nur »eine der bedeutungsvollsten Unternehmungen des Orchesters überhaupt«, sondern bedeutete für Stern persönlich, dass sich in seinem Leben ein Kreis schloss – von den frühen Erfahrungen als Künstler mit Bürgersinn im Israel Philharmonic Orchestra bis hin zum Höhepunkt seiner Laufbahn bei den Philharmonikern in seiner Heimat brachte er Menschen, Kulturen und Epochen zusammen. Noch lange nachdem er die Philharmoniker 1994 verlassen hatte und in den Ruhestand gegangen war, gab Stern seine Geschichten an junge Menschen weiter – als Beweis für die Wesensgleichheit von Musik und Politik, Kunst und Gesellschaft, Kultur und Geschichte. »Angestellte Künstler«, sagte Stern oft, »sind ein Widerspruch in sich.«

Überbrückung von Widersprüchen

Sein Leben lang strebte er danach, die scheinbaren Widersprüche seiner Identität – Deutscher und Jude, Berliner und Weltbürger, »ernster« Musiker und musikalischer Unterhalter, soziales Wesen und Einzelkämpfer, Kollektivist und moralische Instanz – zu überbrücken. Mit Esprit, Beharrlichkeit, Kreativität und Humor fügte er diese menschliche Vielschichtigkeit – und diejenige seiner Zeit – zu einem facettenreichen Gesamtbild zusammen, dessen Faszination sich niemand entziehen konnte. Und was seine geliebte Orchesterrepublik angeht, so meint Watzel: »Er schuf Konditionen für uns, unter denen wir uns als Orchester entwickeln konnten – und die uns halfen, uns besser zu verstehen und uns besser auszudrücken.« Für das Gewissen der Philharmoniker kann es kein größeres Lob geben.

Misha Aster
Der kanadische Politikwissenschaftler, Historiker und Dramaturg Misha Aster ist Autor des Buchs »Das Reichsorchester« – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus.

(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)Mit den Eltern auf der Überfahrt nach Shanghai, Dezember 1938Winter 1939/40 in Harbin, auf dem Schlitten links: Hellmut SternVon China nach Israel mit der Wooster Victory, 1949Hellmut Stern in Tel Aviv, 1953Während einer Probe mit Herbert von KarajanAls Orchestervorstand mit Daniel Barenboim2008: Feier zum 100. Geburtstag von Herbert von Karajan mit Madeleine Carruzzo