Ein unerschrockener Neuerer

Der Dirigent Teodor Currentzis und sein Ensemble musicAeterna

Teordor Currentzis
(Foto: Olga Runyova)

Es war im Jahr 2005, als Teodor Currentzis dem britischen Journalisten Peter Culshaw in Nowosibirsk, wo er damals als Chefdirigent des Staatlichen Akademischen Opern- und Ballett-Theaters wirkte, ein Interview gab. Man traf sich in einem Restaurant, ließ sich Borschtsch servieren, nahm ein paar Drinks. Die Atmosphäre lockerte sich zusehends – und so fiel der bemerkenswerte Satz: »Geben Sie mir fünf oder zehn Jahre«, sprach Currentzis, »dann werde ich die klassische Musik retten.« Das war eine starke Ansage: Erhob sich da einer, der bislang eher als Geheimtipp gehandelt worden war, selbst zum Erlöser des vermeintlich darbenden oder in Routine erstarrenden Musiklebens? Auch wenn Currentzis seine Botschaft später zu relativieren versuchte und erklärte, so habe er es dann doch nicht gemeint, ist ihm ein gewisser messianischer Zug nicht abzusprechen. Und manche seiner Auftritte haben etwas von einer Séance an sich.

Spirituell, transzendent, paradiesisch

Spiritualität ist für Currentzis der Schlüssel zur Interpretation, wobei er sogleich vorwarnt: »Das hat absolut nichts mit Wellness zu tun. Spiritualität hat etwas mit Transzendenz zu tun. Und das setzt die Anstrengung voraus, sich ernsthaft auf etwas einzulassen.« Die Musik empfindet er als ein »Echo des Paradieses«, zu dem er Zugang sucht. Und sein Ensemble, das ihm den Weg dahin bahnen soll, nennt sich selbst eine »Bruderschaft« (zu der allerdings auch einige Schwestern gehören). Wieder so ein Begriff aus dem geistlichen Milieu. Und dazu passt, dass Currentzis davon träumt, eines Tages ein »musikalisches Kloster« zu gründen: »ein Ort außerhalb der Kommunikation, wo Künstler leben, meditieren und zusammen Musik machen können. Manchmal gehen wir dann in die großen Städte, spielen Konzerte. Danach kehren wir wieder heim.«

Teodor Currentzis unterscheidet sich in vielem von »herkömmlichen« Dirigenten – auch in seinem Werdegang. Geboren wurde er 1972 in Athen, als Sohn eines Matrosen, der später zum Polizisten umschulte, und einer Musikerin. Aber es war der Vater, ein besessener Musikliebhaber, der in ihm die Leidenschaft für die Welt der Klänge weckte. Currentzis studierte Violine, dann auch Komposition und versuchte sich schließlich erstmals im Kreis befreundeter Musiker als Dirigent. Das Experiment verlief so vielversprechend, dass er sich für ein Kapellmeisterstudium entschied, das ihn 1994 zu Ilja Musin nach St. Petersburg führte, dem legendären Pädagogen, aus dessen Klasse auch Valery Gergiev und Semyon Bychkov hervorgegangen sind.

Eine ungewöhnliche Karriere

Zehn Jahre später, inzwischen Chefdirigent in Nowosibirsk, gründete Currentzis die musicAeterna, um barocke und klassische Werke im Originalklang aufführen zu können. Dass sein Aufstieg zum Weltstar ausgerechnet in der russischen Provinz erfolgte, in Perm, der bis 1991 gesperrten Stadt, die einmal Molotow hieß und einen großen Gulag beherbergte, dass sein Stern also nicht in einer der großen westlichen Kulturmetropolen erstrahlte – auch das gehört zum Mythos, der Teodor Currentzis umgibt. Die Saga lautet: Aus den tiefen, dunklen Wäldern kam ein unerschrockener Neuerer, der sich um keinerlei Regeln scherte und den Klassikbetrieb radikal umstürzte.

Man darf also gespannt sein, was passiert, wenn Currentzis und die musicAeterna beim zweiten ihrer beiden Konzerte auf Einladung der Berliner Philharmoniker, am 5. Dezember, einen anderen allbekannten Repertoirehit ausloten: Mahlers Vierte Symphonie, die am Ende pikanterweise auch ins Jenseits einkehrt. Eine echte Entdeckung bietet Currentzis aber am ersten der beiden Abende, wenn am 25. Oktober die Choroper Tristia des 1948 geborenen französischen Komponisten Philippe Hersant erklingt – ein Werk, das Currentzis, die musicAeterna und der dazugehörige Chor selbst in Auftrag gegeben und im Juni 2016 uraufgeführt haben. Hersant vertont darin Texte politisch verfolgter Autoren wie des 1938 im Gulag verstorbenen Ossip Mandelstam oder des sowjetischen Dissidenten Warlam Schalamow, aber auch französischer und japanischer Gefangener. Die Worte hat er dabei jeweils im Original vertont, auf Russisch, Französisch, Korsisch und Japanisch, und auch die Klangsprache passt sich entsprechend an, bezieht Einflüsse aus der Volksmusik dieser Kulturen mit ein. Manchmal klingt es wie eine mittelalterliche Ballade, dann wie eine Tarantella, ein Volkslied oder wie eine buddhistische Meditation, doch stets berührend und manchmal sogar seraphisch schön. Neue Musik, die um die Wurzeln der Tonkunst weiß und sich aus uralten Quellen speist.

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags von Susanne Stähr für das Magazin 128 (Band 03/2018), dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.

(Foto: Marina Dmitrieva) musicAeterna Chorus
(Foto: Nikita Chuntomov)
musicAeterna
(Foto: Olga Runyova)

Konzerte

Donnerstag,

25. Okt 2018,
20:00 Uhr

Kammermusiksaal

Kammermusik | Aboserie: V

Do, 25. Okt 2018, 20:00 Uhr
Kammermusiksaal

musicAeterna chorus of Perm Opera

musicAeterna orchestra of Perm Opera

Teodor Currentzis Dirigent

Philippe Hersant Tristia für gemischten Chor und Ensemble

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Mittwoch,

05. Dez 2018,
20:00 Uhr

Philharmonie

Aboserien: Z, Sonderkonzert

Mi, 05. Dez 2018, 20:00 Uhr
Philharmonie

musicAeterna orchestra of Perm Opera

Teodor Currentzis Dirigent

Anna Lucia Richter Sopran

Florian Boesch Bariton

Werke von Gustav Mahler

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