Neugierig wie am ersten Tag

35 Jahre Scharoun Ensemble Berlin

Unser Video zeigt den Kontrabassisten Peter Riegelbauer, eines der Gründungsmitglieder des Scharoun Ensembles Berlin, im Gespräch mit Gerhard Forck 

Das Scharoun Ensemble Berlin verdankt seine Existenz einem einzigen Werk: Franz Schuberts Oktett für Klarinette, Horn, Fagott, Streichquartett und Kontrabass. Um diese geniale Komposition einzustudieren und aufzuführen, beschlossen 1983 einige junge Philharmoniker, ein Ensemble zu gründen. Der Geiger Alessandro Cappone, der Kontrabassist Peter Riegelbauer, der Hornist Stefan de Leval Jezierski und die Violinistin Madeleine Carruzzo, die für dieses Projekt gerne zur Bratsche griff, zählten damals noch zu den Neulingen im Orchester und sie verband die unbändige Lust am kammermusikalischen Spiel. Für ihr Vorhaben konnten sie noch zwei Musiker gewinnen, die schon länger im Dienst der Philharmoniker standen: den Geiger Armin Brunner und den Klarinettisten Peter Geisler. Cello und Fagott wurden mit zwei »Externen« besetzt.

Begeisterung für Kammermusik

Es war ein mutiges Unterfangen, weil es innerhalb des Orchesters bereits mit dem Philharmonischen Oktett eine traditionsreiche Kammermusikvereinigung in identischer Besetzung gab. Gegen diese Formation galt es zu bestehen. »Wir haben wochenlang nur geübt«, erzählt Peter Riegelbauer. »An die Öffentlichkeit haben wir uns eher vorsichtig herangetastet. Unser erstes Konzert fand in einem Steglitzer Gemeindehaus statt, also an einem Ort, der nicht so im Rampenlicht stand.« Es folgten einige Hauskonzerte, dann ein Auftritt bei einer Veranstaltung im Max-Planck-Institut; allmählich wurden Berliner Konzertveranstalter auf die Künstler aufmerksam. Nun hieß es, einen passenden Namen zu finden. Das war keine einfache Sache. »Philharmonisches Ensemble« oder ähnliches kam nicht in Frage. »Einerseits wollten wir nicht einfach die philharmonischen Vorschusslorbeeren einstecken, sondern unser Renommee selbst erarbeiten. Andererseits suchten wir nach einem prägnanten Begriff, mit dem wir ein markantes Profil entwickeln können.« Einen gewissen Bezug zur Philharmonie sollte der Name aber doch haben, und so entstand die Idee, sich nach ihrem Architekten zu benennen: Scharoun Ensemble. »Im Nachhinein hat sich die Wahl als sehr vorteilhaft herausgestellt,« bekennt Peter Riegelbauer.

Vom Duo bis bis Kammerorchester

Im Laufe der Jahre haben im Scharoun Ensemble eine ganze Reihe von Philharmonikern mitgewirkt. Von der Erstbesetzung sind heute noch Peter Riegelbauer und Stefan de Leval Jezierski dabei. Das Ensemble versteht sich als flexible Gruppe – sowohl hinsichtlich der Besetzung, die von Duo und Trio über Quartett und Quintett bis hin zum Kammerorchester variiert, als auch bezüglich des Repertoires, dessen Säulen zwar Schuberts Oktett und Beethovens Septett bilden, das jedoch von Kompositionen des Barock bis zu zeitgenössischen Stücken reicht. Außerdem hat das Ensemble viele Werke in Auftrag gegeben und uraufgeführt. Häufig wurden namhafte Instrumentalisten, Sängerinnen und Sänger sowie Dirigenten mit einbezogen, beispielsweise Heinz Holliger, Thomas Quasthoff, Annette Dasch, Simon Keenlyside und Barbara Hannigan sowie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Pierre Boulez, Peter Eötvös und – lange vor seiner Zeit als philharmonischer Chefdirigent – Simon Rattle. Besonders inspirierend gestaltete sich außerdem die Zusammenarbeit mit großen Komponisten unserer Zeit: Hans Werner Henze, Isang Yun, György Ligeti, Wolfgang Rihm, Matthias Pintscher, Thomas Adès, Jörg Widmann und George Benjamin. Und natürlich die Begegnung mit Loriot sowie die zahlreichen gemeinsamen Konzerte! Der große Humorist las seine Zwischentexte in Camille Saint-Saënsʼ Karneval der Tiere – eine wunderbare Erinnerung für alle Musiker, die damals mitwirkten, und ein großer Publikumserfolg.

Auf der Suche nach der idealen Klangbalance

Acht Instrumentalisten zu einem einheitlichen Ensemble zu verschmelzen war und ist keine leichte Aufgabe. Es gilt, die ideale Klangbalance zwischen den Streichern und den Bläsern zu finden. Derselbe Notentext wird von den beiden Gruppen oft sehr unterschiedlich interpretiert. Doch die gemeinsame Auseinandersetzung – so die Mitglieder einstimmig – sei eine Bereicherung. Im Scharoun Ensemble geht es bei den Proben demokratisch zu. Jeder Deutungsansatz wird ernst genommen und abgewogen. Diese Streitkultur kostet zwar Zeit und Energie, letztlich erwies sie sich jedoch als lohnend. Im Scharoun Ensemble mitwirken zu dürfen bedeutet für die Musiker Ehre und Herausforderung zugleich.

Ensemble mit eigenem Festival

Das Scharoun Ensemble gehört heute zu den erfolgreichsten Kammermusikgruppen der internationalen Musikszene. Es gastiert in ganz Deutschland, unternimmt Tourneen durch Europa, Japan und die USA. 25 bis 30 Konzerte pro Jahr sind der Schnitt. Regelmäßig tritt es bei internationalen Festivals auf und ist in Berlin im Rahmen der philharmonischen Kammermusikreihen zu erleben. Ein weiterer künstlerischer Fixpunkt ist das von der Formation 2005 gegründete Zermatt Music Festival, bei dem es nicht nur selbst konzertiert, sondern die Mitglieder auch in der Zermatt Festival Academy ihre Erfahrung und ihr Wissen an junge Musiker und Kammermusikgruppen weitergeben und ihnen neue Wege der Interpretation aufzeigen. Zudem widmen sie sich an der American Academy in Rom und im Europäischen Krzysztof-Penderecki-Musikzentrum in Lusławice der Förderung junger Musiktalente. Nach 35 Jahren ist das Scharoun Ensemble so offen, aufgeschlossen und neugierig wie am ersten Tag. Vieles möchte es noch entdecken und ausbauen. So streben die Musiker danach, noch intensiver am Repertoire zu arbeiten, die künstlerische Qualität zu steigern, sich neue, unbekannte Werke anzueignen und Auftragswerke an junge Komponisten zu vergeben. Und schließlich gibt es dann ja noch immer dieses unerschöpfliche Schubert Oktett. »An solch einem Stück«, strahlt Peter Riegelbauer »kann man immer noch Neues entdecken.«

Das neugegründete Scharoun Ensemble Berlin
(Foto: Cordula Groth)
Das Ensemble in den 1990er-Jahren
(Foto: Archiv Scharoun Ensemble)
25 Jahre Scharoun Ensemble: Konzert mit Pierre Boulez
(Foto: Markus Weidmann)
Bei der Aufnahme von Beethovens Septett
(Foto: Archiv Scharoun Ensemble)
Mit den Akademisten in Zermatt
(Foto: Archiv Scharoun Ensemble)
Das Ensemble heute
(Foto: Felix Broede)