Europäer mit mährischen Wurzeln

Der Dirigent Jakub Hrůša debütiert bei den Berliner Philharmonikern

Jakub Hrůša
(Foto: Petra Klackova)

Wer heute auf einem der weit über 30 Grenzübergänge – Fußwege nicht mitgerechnet – von Deutschland in das EU-Land Tschechische Republik einreist, macht sich in der Regel kaum Gedanken darüber, in welchem Landesteil er dann ankommt. Tschechien – was war das nochmal im Unterschied zur Tschechoslowakei? Richtig, einer der beiden 1993 nach dem Zusammenbruch des Sozialismus neu gegründeten Staaten, die aus dem alten, 1918 entstandenen Doppelstaat hervorgingen. Also ist Tschechien identisch mit Böhmen? Oder war da nicht noch was? Wie verhält es sich mit Mähren? Jetzt sind Geografie- und Geschichtskenntnisse hilfreich. Oder ein Gespräch mit Jakub Hrůša.

Der – seit Herbst 2016 – Chefdirigent der Bamberger Symphoniker ist im östlichen Teil des Landes geboren, in Brno (Brünn). Musikfreunde wissen, dass dort jedes zweite Jahr ein großes Festival stattfindet zu Ehren jenes Komponisten, der in der mährischen Hauptstadt zu Hause war und dort auch begraben liegt: Leoš Janáček. Und der nicht zuletzt auch der bedeutendste Vertreter der mährischen Musik in der neueren Zeit war. Jakub Hrůša denkt nicht in Grenzen. Vielleicht, weil seine Karriere nicht geprägt war von Zwang und Müssen. Die Eltern – Vater Architekt, Mutter Ingenieurin – hatten seine früh erwachte Leidenschaft für die Musik unterstützt. Schon bald nach dem Eintritt in die Sekundarstufe sei für ihn klar gewesen: »Ich will Musiker werden. Musik war die wichtigste Sache in meinem Leben.«

Eine erstaunliche Karriere

Auch über die Option Dirigent habe er früh nachgedacht. »Ich liebe die Komplexität einer Partitur und den Reichtum des Orchesterklangs.« Also schien klar, »dass ich Dirigent werden wollte. Aber nicht, dass ich auch Erfolg haben würde«. Hrůša spricht von einem »very smooth start« seiner Dirigentenlaufbahn. Stetes Wachstum nährt die Karriere. Mit knapp 19 Jahren hatte er, im Jahr 2000, schon am Dirigentenwettbewerb des Festivals Prager Frühling teilgenommen. »Natürlich hatte ich nicht gewonnen« – aber der junge Mann aus Brünn fiel auf. Sicher ist Hrůšas breites musikalisches Interesse unter Beibehaltung bestimmter Fixsterne ein Geheimnis dieser Dirigentenkarriere – und seine Offenheit. An seinem Lehrer, dem Celibidache-Schüler Jiří Bělohlávek, schätzt er die Verbundenheit zu seinen Schülern: »Trotz seiner großen Karriere war ihm das Unterrichten sehr wichtig.« Gleichzeitig empfing – und empfängt – er Inspiration von vielen anderen, internationalen Kollegen.

Debüt mit tschechischer Musik

Sein Debütprogramm bei den Berliner Philharmonikern mag vorrangig, vordergründig tschechisch wirken: Dvořáks Symphonische Dichtung Das goldene Spinnrad, Bohuslav Martinůs Erstes Violinkonzert und Leoš Janáčeks Rhapsodie Taras Bulba. Das hat etwas mit Visitenkarte zu tun. Hrůša: »Die Leute wollen natürlich wissen: Was bist du, was kannst du?« Sein Interesse gelte aber gerade auch jenen tschechischen Stücken, die weniger bekannt sind. Taras Bulba etwa – die Freiheitsvision von Gogols gleichnamigem Kosakenhauptmann – komme in den internationalen Programmen weit seltener vor als die weit populärere Sinfonietta.

Natürlich richtet sich bei solch einem Debüt der Blick vor allem auch auf die Frage, wie sich ein junger aufstrebender Kapitän auf symphonischer See am Steuer eines Tankers mit dem Namen Berliner Philharmoniker verhält: Auf dem Orchesterklang aufbauen oder Neues formen? Die Antwort kommt überlegt, aber ohne Zögern. Beides sei oft nötig. »Zunächst aber muss ich herausfinden, was das Besondere eines Orchesters ist, seine ›genuine identity‹.« Neudeutsch: die DNA. Hrůša outet sich als Pragmatiker mit visionärem Anspruch. »Ein Dirigent sollte nicht kommen und versuchen, diese Identität zu verändern. Es kommt zum Clash, wenn der Dirigent etwas völlig anderes will als das Orchester. Das wäre auch dumm. Aber umgekehrt erwarten die Orchester von einem Dirigenten auch, dass er seine eigene Identität einbringt. Denn sein Charakter und seine Handschrift schlagen sich natürlich im Klang nieder.«

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags von Alexander Dick für das Magazin 128 (Band 03/2018), dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.

(Foto: Andreas Herzau)