Missionar für Neue Musik

Der Cellist Alban Gerhardt

Alban Gerhardt
(Foto: Kaupo Kikkas)

Wenn Alban Gerhardt das Podium betritt, scheint es nur noch ihn und sein Cello zu geben. Die Ernsthaftigkeit und Leidenschaft, mit der er sich der Musik hingibt, besitzt einen Fokus und eine Sogkraft, die das Publikum förmlich zum Zuhören zwingt. Das ist ein Cellospiel auf der Stuhlkante, durchglüht vom subjektiven Gestaltungswillen des Interpreten. Hinzu kommt ein fast schon missionarischer Einsatz für die Neue Musik, nicht nur für die mittlerweile zu Klassikern gewordenen Cellokonzerte von Witold Lutosławski und Henri Dutilleux, sondern auch für Zeitgenössisches von Jörg Widmann und Unsuk Chin, die ihr Cellokonzert extra für Alban Gerhardt geschrieben hat – nachdem er jahrelang versucht hatte, sie davon überzeugen. Ganz ähnlich ging es ihm nun mit Brett Dean: »Er war ein Kollege meines Vaters bei den Berliner Philharmonikern und außerdem der Bratschenlehrer meiner Schwester. So richtig kennengelernt haben wir uns aber erst vor zehn Jahren, als ich bei einem Zwischenstopp in Melbourne bei ihm gewohnt habe. Schon damals habe ich ihn nach einem Cellokonzert gefragt, weil ich ihn und seine Musik sehr schätze. Daraus wurde jedoch zunächst nichts, aber ich blieb hartnäckig. Im Lauf der Jahre hat er mich dann mit den Konzerten von Dutilleux, Pintscher und Chin gehört – und gemerkt, dass es wohl doch nicht unmöglich ist, ein Cellokonzert zu schreiben.«

»Fragmentarisch, lyrisch, explosiv«

Warum aber fremdeln so viele zeitgenössische Tonschöpfer offenbar mit der Gattung Cellokonzert? Für Alban Gerhardt liegt es vor allem daran, »dass die Komponisten der letzten 50 Jahre gerne ins Volle gegriffen haben. Sie hatten einen gewaltigen Orchesterapparat zur Verfügung – und den wollten sie auch nutzen. Das klappt beim Cello aber nicht, denn es hat nicht den Obertonreichtum einer Geige oder die Power eines Klaviers. Es fehlt ihm also an Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Orchester. Außerdem ist es ein eher melodisches Instrument, man kann darauf kein so virtuoses Feuerwerk veranstalten wie mit der Geige oder dem Klavier.« Ende August wurde Brett Deans Konzert in Sydney uraufgeführt, um nun im Oktober nach Berlin weiterzuwandern. Durch einen Trauerfall in der Familie des Komponisten hatte sich die Arbeit an dem Stück ein wenig verzögert, Ende Mai war die Partitur noch nicht ganz vollendet. Alban Gerhardt hatte aber schon einen ersten Blick in das work in progress werfen dürfen – und geriet sogleich ins Schwärmen: »Es ist wie eine wundervoll verflochtene Erzählung: voller Farben, mal fragmentarisch, dann wieder sehr lyrisch – und es gibt auch ein paar explosive, virtuose Sachen. Ich habe ein bisschen Angst vor einigen Stellen, die sehr schnell sind und viele Taktwechsel haben. Das ist sehr schwer und gefährlich fürs Gedächtnis.«

Bei den Berliner Philharmonikern aufgewachsen

Dass Alban Gerhardt das Stück mit den Berliner Philharmonikern spielen kann, ist für ihn ein großer Glücksfall. »Es ist das mir liebste Orchester der Welt, weil ich mit denen aufgewachsen bin«, schwärmt er voller Bewunderung, die sozusagen in die Familien-DNA eingeschrieben ist, denn sein Vater war langjähriger Geiger der Philharmoniker. »Ich bin schon als Drei-, Vierjähriger in fast alle Konzerte gegangen. Entweder mit meiner Mutter oder allein: Mein Vater hat mich dann auf die Chortribüne auf dem Podium gesetzt – und nach dem Konzert wieder abgeholt. Als ich einmal meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, wurde ich damit bestraft, dass ich nicht mit in eine Bruckner-Symphonie gehen durfte – für andere Kinder wäre der Konzertbesuch vermutlich die Strafe gewesen.« 1991 gab er dann sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern unter Semyon Bychkov – und feierte damit seinen internationalen Durchbruch. Und bis heute schätzt er »sein« Orchester ganz besonders: »Was da auf der Bühne an musikalischer Energie, Willen und Gestaltungskraft passiert, ist schon einmalig. Wenn wir gemeinsam spielen, versuche ich mein absolut Bestes zu geben. Das tue ich natürlich in jedem Konzert, aber mit den Philharmonikern ist es noch eine Champions-League-Klasse höher.«

Der Text ist die gekürzte Fassung des Beitrags von Bjørn Woll für das Magazin 128 (Band 03/2018), dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.