»Pure Freude«

Frank Peter Zimmermann über das Violinkonzert Nr. 1 von Bohuslav Martinů

Frank Peter Zimmermann
(Foto: Irène Zandel)

Seit seinem Debüt beim Waldbühnenkonzert 1985 gehört der Geiger Frank Peter Zimmermann zu den Gastkünstlern, die oft und regelmäßig mit den Berliner Philharmonikern zusammenarbeiten. Sämtliche großen Violinkonzerte hat er im Laufe der Zeit mit dem Orchester interpretiert. Aber nicht nur das: Immer wieder brachte er auch weniger bekannte Werke des Repertoires zu Gehör. Raritäten, die es zu Recht verdienen, neu entdeckt zu werden. In dieser Saison spielt er unter der Leitung von Jakub Hrůša das Erste Violinkonzert von Bohuslav Martinů. In unserem Interview spricht Frank Peter Zimmermann über die Schönheiten und Herausforderungen dieses Werks.

Martinů gehört zu den großen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Warum werden seine Violinkonzerte so selten aufgeführt?

Martinů hat eine ganz eigene Tonsprache. Seine Musik lässt sich in keine Schublade stecken, weil sie so wandelbar ist: mal impressionistisch, mal expressiv, mal perkussiv, dann wieder sehr gesanglich und lyrisch. Sie widersetzt sich jeder stilistischen Einordnung. Hinzu kommt noch das tschechische Idiom von Martinůs Musik. Diese böhmischen Tanzrhythmen mit ihren vertrackten metrischen Verschiebungen! Die sind schwer zu realisieren.

2012 haben Sie bereits das Zweite Violinkonzert von Martinů mit den Philharmonikern aufgeführt. Jetzt interpretieren sie das Erste. Worin unterscheiden sich die beiden Werke?

Das Zweite Violinkonzert steht ganz in der Tradition des großen romantischen Konzerts. Martinů schrieb es 1943 im amerikanischen Exil für Mischa Elman, einen Geiger alter Schule. Ganz anders dagegen das erste Konzert, das zehn Jahre früher in Paris entstand: Martinů setzte sich damals intensiv mit dem Werk Igor Strawinskys auseinander und der Einfluss des russischen Komponisten ist vor allem in den beiden Ecksätzen des Konzerts stark zu spüren, zumal das Stück für einen Geiger geschrieben wurde, der viel und eng mit Strawinsky zusammengearbeitet hat: Samuel Dushkin, der u.a. die Uraufführung von Strawinskys Violinkonzert spielte. Außerdem beschäftigte sich Martinů zu der Zeit mit der barocken Form des Concerto grosso. Auch das schlägt sich in der Komposition des Konzerts nieder.

Wie stark merkt man dem Stück an, dass es für Samuel Dushkin geschrieben wurde? Gibt es Passagen, die typisch für sein Spiel sind?

Dushkin und Martinů hatten einen regen Meinungsaustausch. Der Geiger war allerdings nicht einfach zufriedenzustellen, weil er seinen Part sehr virtuos haben wollte. So gehen die dreistimmigen Akkordpassagen auf ihn zurück. Um diese zum Klingen zu bringen, muss man den Bogen sehr stark auf die Geige pressen. Das kommt für mein Empfinden fast einer »Vergewaltigung« des Instruments gleich. Und dann gibt es viele Quartintervalle und extrem weite Sprünge bis zur dreizehnten, vierzehnten Lage. Dabei den Ton sauber zu treffen ist fast wie ein Lottogewinn (lacht). Ich denke, auch diese Intervallsprünge waren Dushkins Idee. Übrigens hat Dushkin das Konzert nie gespielt. Die Partitur ging verloren und tauchte erst Jahrzehnte später wieder auf. Erst 1973 wurde das Konzert von Josef Suk uraufgeführt. Martinů war selbst ein professioneller Geiger.

Wie hat diese Tatsache die Komposition seines Violinkonzerts beeinflusst?

Das ist ja das Schöne daran! Man spürt sofort, dass dieses Werk von einem Geiger komponiert wurde. Trotz aller Schwierigkeiten ist es sehr geigerisch konzipiert. Es ist pure Freude dieses Stück zu spielen.

Was lieben Sie an diesem Konzert besonders? Wo liegen für Sie die Herausforderungen?

Ich habe das Stück als 13-Jähriger mit Josef Suk als Solist gehört und war sofort davon fasziniert. Diese unbändige musikantisch-böhmische Musizierlust, die das Stück besitzt, ist einfach mitreißend. Darin liegt gleichzeitig die Herausforderung für uns Interpreten. Jeder − egal, ob Solist, Dirigent oder Orchestermusiker − muss diese komplizierte Rhythmik mit ihren metrischen Verschiebungen, die von der tschechischen Tanzmusik inspiriert ist, verinnerlicht haben. Es gibt Stellen, bei denen sonst die Gefahr besteht, dass das Ganze auseinanderbricht. Ich habe mir diese Stellen ganz pragmatisch mit dem Metronom erarbeitet.

Wie gestaltet sich in diesem Konzert das Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester?

Das Orchester muss sehr durchsichtig, leicht und transparent spielen. Das Konzert sollte fast wie ein Stück aus der Barockzeit behandelt werden.

Worauf freuen Sie sich bei der Interpretation des Werks am meisten?

Die Auftritte bei den Berliner Philharmonikern sind für mich immer ein Highlight der Saison. Mich macht es stolz und glücklich, ein Werk aufzuführen, das wir bislang noch nicht zusammen gespielt haben und das das Orchester erst ein Mal 1980 mit Josef Suk als Solisten aufgeführt hat.