»Ich will hören, wie Musik klingt, nachspüren, ob sie mich bewegt oder verstört«

Die Geigerin Carolin Widmann im Gespräch

(Foto: Lennard Rühle)

Carolin Widmann gilt nicht nur als großartige Geigerin, sondern auch als leidenschaftliche Fürsprecherin moderner und zeitgenössischer Musik. Nachdem sie bereits mehrfach in den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker zu erleben war – zuletzt im vergangenen Juni gemeinsam mit Alexander Lonquich und dem Auryn-Quartett  –, tritt sie nun zum ersten Mal gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern auf. Und interpretiert mit Bernd Alois Zimmermanns Violinkonzert ein Werk, das unter dem Eindruck der traumatischen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs entstand. In diesem Interview verrät Carolin Widmann, was sie an dieser Komposition fasziniert.

Warum haben Sie für Ihrem ersten Auftritt in den Orchesterkonzerten der Berliner Philharmoniker dieses Stück ausgewählt?

Ich wurde vom Orchester explizit für das Violinkonzert von Bernd Alois Zimmermann angefragt. Ich habe das Stück vor vielen Jahren einige Male gespielt und es von Anfang an sehr geliebt. Zimmermanns Musik ist für mich so ehrlich und authentisch, versucht niemals etwas anderes zu sein, als sie ist. Oft ist sie rauh und schroff, sie kämpft und ist voller Widerstände. Nur verständlich, wenn man bedenkt, dass Zimmermann, der das Stück 1950 in Deutschland geschrieben hat, bis an sein Lebensende die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs nicht verarbeiten konnte. Und die Poesie und Zartheit des zweiten Satzes zeigen auch eine ganz andere Seite dieses großartigen Komponisten. Immer wieder blitzt in verschiedenen Momenten das Dies irae-Thema, die Melodie der liturgischen Totensequenz, auf. Eine Mahnung an uns Menschen von jemandem, der in seinem Leben den Abgrund gesehen hat.

Welche musikalischen und technischen Herausforderungen hat dieses Werk?

Zimmermann hat seine ganz eigene Sprache. Beispielsweise gibt es im zweiten Satz eine Melodie, die nicht melodiös ist, sondern sich schlangenartig um schwierige Intervalle windet oder große Sprünge absolviert. Hier gilt es, die Linie trotzdem zu ziehen, zu wissen, wo in diesem Geflecht von Themen und Instrumenten ich mich als Solistin befinde − manchmal als Prima inter Pares, manchmal mutterseelenallein, manchmal nur im Hintergrund. Solche Dinge sind in diesem Violinkonzert wesentlich komplexer als in vielen anderen Violinkonzerten. Soll die Solo-Violine das Dies irae-Thema umschmeicheln oder ihm Contra bieten? Die Lesart dieses Stückes lässt viele Interpretationsmöglichkeiten offen. So will ich im dritten Satz die Rumba verständlich machen; trotz allem aber bleibt es eine deutscher Rumba, fast apokalyptisch, die südamerikanische Lebensfreude bleibt eine Fiktion. Das entscheidende Element im ersten Satz ist der Rhythmus. Präzise und scharf, unerbittlich, auch im Orchester immer wieder mit »molto staccatissimo« bezeichnet, z.B. bei den Posaunen oder im Orchesterklavier. Im zweiten Satz schreibt Zimmermann dann oft »rubato«, »molto rubato« − hier suche ich nach Freiheit, die aber niemals vorhersehbar sein soll. Eine Gratwanderung, wie das gesamte Stück.

Sie sind mit einem komponierenden Bruder aufgewachsen: Jörg Widmann, der heute zu den führenden Komponisten unserer Zeit zählt. Wie hat das Ihr Verständnis für Neue Musik geprägt?

Weil Jörg mein Bruder ist, habe ich Komponisten nie als Menschen gesehen, die schon tot sein müssen. Ich empfinde »Neue Musik« nicht als Fremdkörper oder als Gegensatz zur »Klassischen Musik«. Unlängst habe ich Jörgs neues Violinkonzert in Tokio uraufgeführt und es wieder so genossen, dem Komponisten Fragen stellen zu können! Das ist wirklich ein Privileg, das ich so sehr genieße, wenn ich Stücke von lebenden Komponisten spiele. Und wenn es ein Familienmitglied ist, umso schöner! Vielen Konzertbesucher fällt es noch schwer, sich auf Neue Musik einzulassen.

Welchen Rat haben Sie für einen Hörer, der das Konzert von Bernd Alois Zimmermann zum ersten Mal hört?

Ist das Konzert von Bernd Alois Zimmermann »Neue Musik«? Von 1950? Ist dann also Picasso auch »Neue Malerei«? Oscar Niemeyers Gebäude sind »Neue Gebäude«? Schon diese Kategorisierungen fallen mir so schwer. Helfen uns diese Einordnungen denn wirklich dabei, Kunst zu rezipieren oder mehr/weniger zu genießen? Mir wird das vorurteilsfreie Hören immer wichtiger. Ich will hören, wie Musik klingt, nachspüren, ob sie mich bewegt oder verstört, was sie mir erzählt und wie sie es erzählt. Das ist die Essenz von Musikgenuss für mich. »Neue Musik« ist zunächst einfach Musik. Dass das Zimmermann'sche Violinkonzert vielleicht nicht täglich auf Klassik Radio gespielt wird, macht es doch qualitativ nicht schlechter oder besser!

Worauf freuen Sie sich bei ihrem philharmonischen Debüt am meisten?

Ich freue mich darauf, mit diesem wunderbaren Orchester und François-Xavier Roth in diesem tollen Saal das herrliche Violinkonzert von Zimmermann spielen zu dürfen. Für mich persönlich schließen sich in dieser Kombination von Faktoren sehr, sehr viele Kreise und ich bin unendlich dankbar für diese Möglichkeit.