»Ich versuche immer, dass die Musik wirklich strömt«

Bernard Haitink zum 90. Geburtstag / Von Frederik Hanssen

(Foto: Monika Rittershaus)

Ob so eine Karriere heutzutage noch möglich wäre? Der junge Bernard Haitink interessiert sich fürs Dirigieren, doch sein Instrument ist die Geige. Eine traditionelle Kapellmeisterlaufbahn ist ihm also verwehrt. Denn dafür muss man das Klavier beherrschen, im Studium mit einem Kommilitonen an zwei Flügeln das Orchester imitieren, während ein dritter den Taktstock führt, später als Probenpianist im Theater arbeiten. Der 1929 in Amsterdam geborene Haitink macht am Konservatorium darum die Aufnahmeprüfung für das Fach Violine, doch besucht er parallel auch die Dirigentenkurse, die der Stuttgarter Generalmusikdirektor Ferdinand Leitner regelmäßig mit dem Niederländischen Rundfunkorchester veranstaltet. Bei diesem Ensemble erhält Bernard Haitink nach dem Abschluss seine erste Anstellung, als Stimmführer der Zweiten Geigen. Doch weil Leitner ihn aktiv fördert, kann er innerhalb seines Orchesters 1955 zum Assistenzdirigenten aufsteigen. Schon im Jahr darauf bekommt er seine ganz große Chance: Weil Carlo Maria Giulini krankheitsbedingt einen Auftritt mit dem Concertgebouworkest absagt, darf der 27-Jährige als Einspringer das berühmteste Orchester seiner Heimat leiten.

Erfolgreicher Einspringer

Er meistert die Herausforderung mit Bravour, wird bald darauf Chef des Rundfunkorchesters, und kann 1959 zusammen mit Eugen Jochum die Leitung des Concertgebouworkest übernehmen, nach gerade mal fünf Jahren Berufserfahrung. Weder fachlich noch menschlich sei er damals reif gewesen für diese Herausforderung, hat Haitink später offenherzig bekannt. Doch die Musiker wissen sein hohes Arbeitsethos zu schätzen, die Gründlichkeit, mit der er sich vorbereitet, die ernsthafte Probenarbeit, bei der es auf jedes Detail ankommt. Sein oberstes Ziel ist es, den Kompositionen zu dienen, die auf dem Papier festgehaltenen Noten zu beleben. »Ich versuche immer, dass die Musik wirklich strömt, dass die Musiker den Sinn der Musik spüren«, erklärte er 2014 in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel anlässlich des 50. Jahrestages seines Debüts bei den Berliner Philharmonikern.

Von Amsterdam in die Welt

Nachdem er sich 1960 erstmals in der Mauerstadt vorgestellt hat, beim damaligen Radio-Symphonie-Orchester Berlin, engagieren ihn die Philharmoniker erstmals 1964, ein Jahr, nachdem er die alleinige Leitung des Concertgebouworkest übernommen hat. Auch nach Wien, New York und Boston wird Haitink in diesen Jahren eingeladen, 1967 beruft ihn das London Philharmonic Orchestra zum Music Director. In einer Karrierephase, in der Dirigenten normalerweise noch die so genannte Ochsentour durch die Provinz absolvieren, kann Bernard Haitink bereits im Kontakt mit den besten Ensembles der Welt künstlerisch reifen.

Spezialist für Mahler und Bruckner

Folgerichtig werden die ganz großen symphonischen Werke zu seiner Spezialität: Auf Wunsch des Concertgebouworkest nimmt er die Tradition der Amsterdamer Mahler-Pflege aus der Vorkriegszeit wieder auf, die Gesamteinspielung aller Mahler-Symphonien wird nicht nur zur interpretatorischen Pioniertat, sondern auch zum Schallplatten-Verkaufserfolg. Ebenso intensiv widmet sich Haitink dem Werk Anton Bruckners, sowie später, als Chefdirigent beim südenglischen Glyndebourne Festival und am Royal Opera House Covent Garden, auch Wagner und Strauss. Und er setzt sich für Dmitri Schostakowitsch ein, nimmt kurz nach dessen Tod 1972 bereits alle Sinfonien auf. Wobei er sich gegen den Mainstream stellt, die Werke allein auf ihre strukturelle Anlage hin betrachtet und auf ihre Beziehungen zur Tonsatztradition statt sie zeitgeschichtlich zu deuten, wie die meisten seiner Kollegen, als Reaktion auf politische Ereignisse und private Leidenswege.

Ein uneitler Maestro

Wenn Bernard Haitink sagt, das Wort »Interpretation« behage ihm wenig, wenn er stattdessen lieber von »Wiedergabe« spricht, macht er seinen Anteil an den Konzerten kleiner, als er ist. Aus der handwerklichen Redlichkeit gegenüber den Partituren mögen Haitink-Kritiker eine gewisse Biederkeit ableiten, einen Mangel an Pultmagie. In den besten Momenten aber vermag dieser uneitle Maestro beeindruckende orchestrale Kräfte zu entfesseln. Weil er den Musikern Raum zur Entfaltung gibt, den Aufbau von Steigerungen, die Staffelung der Stimmen meisterlich koordiniert – und dafür einen Klang von berückender Schönheit bekommt, die prachtvollste, üppigste Vielfalt an Orchesterfarben, die sich denken lässt.

Eine fruchtbare künstlerische Partnerschaft

Als 1989 in Berlin ein Nachfolger für Herbert von Karajan gesucht wird, gehört Bernard Haitink zu den Favoriten. Dass Claudio Abbado die Wahl gewinnt, verübelt er den Philharmonikern nicht, so dass diese einmalige musikalische Freundschaft weiterwachsen kann. Die außergewöhnlich lange Karriere, die Bernard Haitink vergönnt ist, hat es ihm ermöglicht, sein Wissen, seinen enormen Erfahrungsschatz gleich mit mehreren Generationen von Berliner Philharmonikern zu teilen. »Wenn Bernard Haitink mal wieder zu Gast war«, fasst Simon Rattle die Wirkung des Dirigenten auf die Berliner zusammen, »spielt das Orchester noch in der Woche darauf entspannter, räumlicher und ausdrucksstärker.« In diesem Sinne: Fijne verjaardaag, geachte heer Haitink!

Aus dem Fotoarchiv der Berliner Philharmoniker

Bernard Haitink 1996 bei einer Probe(Foto: Reinhard Friedrich)

Aus dem Konzertarchiv der Digital Concert Hall