»Ich habe komponiert, bevor ich wusste, wie man Musik aufschreibt.«

George Benjamin, Composer in Residence, im Gespräch

Der Komponist...
(Foto: Matthew Lloyd)

In der Saison 2018/2019 widmet die Stiftung Berliner Philharmoniker George Benjamin einen großen Schwerpunkt, der den gebürtigen Engländer zum ersten Mal in seiner ganzen künstlerischen Bandbreite in Berlin präsentiert: Zwei seiner Opern, Klavier-, Kammer- und Orchestermusik stehen dabei in Zusammenarbeit mit dem Musikfest Berlin auf dem Programm. George Benjamin vereint zwei für ihn vollkommen gegensätzliche Leidenschaften: Komponieren und Dirigieren. Wir sprachen mit ihm über diese Aspekte seiner Arbeit und seine Berliner Residency.

Mr. Benjamin, Sie haben viele Projekte zur Musikvermittlung gemacht. Wie würden Sie in einem Einführungsvortrag den Komponisten George Benjamin in zwei, drei Sätzen vorstellen?

George Benjamin: Oh, no! (lange Pause) Ich kann die Arbeit meines Lebens, in die ich mein Herz und meine Seele hineingebe, und meine Persönlichkeit nicht in drei Sätzen vorstellen. Meine Stücke sind so unterschiedlich. Sie haben sich in der Stimmung, im Temperament, in der Farbe, im Stil und der Technik über die Jahrzehnte hinweg gewandelt. Ich schreibe die Musik, die ich in meinem Kopf höre. Und ich bin sehr glücklich, wenn Menschen kommen, um sie zu hören.

Wie wünschen Sie sich das ideale Publikum?
Menschen. (lacht) Sie können alt oder jung sein. Sie sollten bitte ruhig sein. Sie sollten zuhören, mit offenen Herzen und offenem Sinn. Und neugierig sein.

Was ist ein Konzert?
Ein Konzert kann ein Quell unendlicher Freude sein, es kann auch ein Moment von schrecklicher Trauer und tiefer Emotion sein. Musik kann die Menschen bewegen und zu ihnen sprechen in der Tiefe ihrer Herzen, wie es auf anderem Wege nicht möglich ist. Das ist eine Kommunikation von außergewöhnlicher, mysteriöser Kraft, die schwer zu beschreiben und zu fassen ist. Ich glaube, als Kind habe ich das sehr intensiv gespürt, dass die Musik in der Lage ist, etwas Unglaubliches in uns auszulösen. Da wird etwas sehr tief in uns selbst wirksam.

Wollten Sie deshalb schon als Kind komponieren?
Ich habe mich in die Musik verliebt und bin ihr verfallen, als ich sechs oder sieben war. Kinder sehen ein Fußballspiel und wollen Fußball spielen, sie sehen Feuerwehrautos und wollen Feuerwehrmänner werden. Meine einzige oder mit weitem Abstand größte Leidenschaft war Musik, Musik, Musik. Ich habe gelernt, Musik zu spielen als Pianist, Oboist, Flötist, Perkussionist, ich habe auch schon sehr früh dirigiert. Aber vor allem wollte ich Musik erfinden. Ich habe komponiert, bevor ich wusste, wie man sie aufschreibt.

Mit 15 Jahren wurden Sie Schüler von Olivier Messiaen, der über Sie sagte, Sie hätten ein Talent wie Mozart. Ist solch ein Lob nicht auch eine Bürde? Brahms hat sehr darunter gelitten, dass Schumann ihn zum neuen Beethoven ausrief.
Damals warteten sie sehnsüchtig auf den Nachfolger, der die große deutsche Tradition weiterführen würde. Und man muss sagen: Brahms hat es geschafft. Für einen Engländer am Ende des 20. Jahrhunderts war Mozart weit weg. Nein, ich liebte Messiaen, seinen Enthusiasmus und seine Großzügigkeit. Sein Lob hat mich sehr berührt, aber ich konnte es nicht ernst nehmen.

Ist es schwerer geworden zu komponieren?
Es gibt so viele Möglichkeiten und eine unendliche Freiheit. Wenn es beim Komponieren schlecht läuft, verfluche ich die Freiheit. Läuft es gut, denke ich, wie toll es ist, dass ich tun kann, was ich will. Man ist heute mehr allein. Man wird nicht geleitet durch die Tradition, zumindest kommt es uns heute so vor, vielleicht wird man das mit 100 Jahren Abstand anders sehen. Eine der Herausforderungen für einen Komponisten besteht heute darin, sich selbst Grenzen zu setzen und das fruchtbarste Gebiet für die eigene Fantasie zu finden.

Sie haben selbst als Kernbegriffe für Ihre Musik genannt: Präzision, Klarheit, Transparenz.
Das habe ich mir nicht ausgesucht, das ist einfach so. Ich bin sehr detailverliebt. So waren meine Eltern, und so war auch ich schon als Kind. Das führt zu Präzision. Was ich schreibe, sollen die Instrumentalisten spielen können und das möchte ich hören können, wenn ich dirigiere. Es muss Phasen von Chaos und Tumult geben, aber das ist nicht der Normalzustand in meiner Musik. Ich liebe Transparenz – in der Malerei, im Denken, ich liebe Logik, Klarheit, britischen Empirismus. Klarheit ist der schnellste Weg, in die Tiefe der Dinge zu gelangen. Und selbst wenn es in einer Oper mal konfus wird, versuche ich auch die Konfusion transparent zu machen. (lacht) Damit klar wird, was ich will.

Wie beginnen Sie ein Stück? Sie haben mal gesagt, nicht aus einer Inspiration heraus.
Das stimmt. Es ist nicht so, dass man herumspaziert, in den Himmel guckt – und plötzlich kommt die Inspiration. Man muss auf die Jagd nach ihr gehen, man muss sie sich erarbeiten. Ein großer Autor, ich weiß nicht mehr wer, hat mal gesagt: Die Inspiration kommt zu denen, die bereit für sie sind. Als Komponist muss man für sich eine Arbeitsweise entwickeln.

Aus einem abstrakten Spiel entwickelt sich plötzlich Musik.
Genau. In der Oper ist es einfach, weil du den Text und die Form und einen literarischen Stil hast, der dir helfen kann. Aber bei abstrakten Stücken geht es dir wie einem Hund. Der schnüffelt die ganze Zeit am Boden herum, um etwas Interessantes zu finden. (lacht) Komponisten müssen auch herumschnüffeln, hier etwas probieren, dort etwas versuchen, und dann: Ah, das ist es! Der Trick ist, das Terrain abzustecken, das zu dir passt.

Wie komponieren Sie konkret?
Zu 90 Prozent in Stille und tiefer Konzentration. Ich benutze das Klavier, um Dinge auszuprobieren. Ich bin Pianist, ich denke durch meine Finger. Aber der weitaus größte Teil geschieht im Kopf. Ich benutze keinen Computer, sondern Papier, Bleistifte und Farbstifte. Die ersten Skizzen sind komplettes Chaos, Sie wären überrascht zu sehen, wie stark die sich unterscheiden von der Endfassung. Musik existiert in verschiedenen Dimensionen zugleich, vertikal, horizontal und mit vielen Querverbindungen, und man will die Illusion vermitteln, dass das alles mit einem Mal in Echtzeit erfunden wurde.

Warum komponieren Sie Opern?
Oper ist die wunderbarste, frischeste, aufregendste Kunstform: Drama durch und mit Musik. Aber noch wichtiger: Opern zu schreiben ist das, was ich am liebsten mache.

Waren die Stücke, die im Laufe Ihrer Residency erklingen, Ihre Auswahl?
Palimpsests war mein Vorschlag, ebenso Into the Little Hill, meine erste Oper, die noch nie in Berlin aufgeführt worden ist. Aber ich freue mich auch über die Wahl der anderen Stücke. Als großes Orchester sind die Philharmoniker nur bei einem Programm mit zwei Aufführungen während des Musikfests beteiligt. Dieses wunderbare Projekt hat sich mit der Zeit entwickelt. Es war nicht von Anfang als Residency geplant. Aber ich freue mich, dass es so gekommen ist. Und ich freue mich sehr, die Philharmoniker wieder dirigieren zu dürfen – nach meinem ersten Konzert 2006.

Ist Dirigieren ein wichtiger Teil Ihres Berufslebens?
Es wird immer weniger. Ich finde nicht mehr genug Zeit, mir ist es wichtiger zu komponieren. Aber ich liebe es nach wie vor, selbst Musik zu machen. Und als Dirigent meiner eigenen Musik kann ich zumindest das umsetzen, was der Komponist wollte. Das ist ein Privileg.

Konzerte

Sonntag,

20. Jan 2019,
20:00 Uhr

Kammermusiksaal

Karajan-Akademie | Aboserie: KA

So, 20. Jan 2019, 20:00 Uhr
Kammermusiksaal

Stipendiaten der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker

Gregor Mayrhofer Dirigent

Sophie Klußmann Sopran

Werke von Luigi Dallapiccola, Claudio Ambrosini, Stefano Gervasoni, George Benjamin, Gregor Mayrhofer und Franz Schreker

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Samstag,

16. Feb 2019,
20:00 Uhr

Kammermusiksaal

Kammermusik | Aboserie: Q

Sa, 16. Feb 2019, 20:00 Uhr
Kammermusiksaal

Scharoun Ensemble Berlin

und Gäste

Rinnat Moriah Sopran

Werke von George Benjamin, Arnold Schönberg, Mark Andre und Sofia Gubaidulina

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Montag,

15. Apr 2019,
11:00 Uhr

Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Konzertreise

Mo, 15. Apr 2019, 11:00 Uhr
Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Stipendiaten der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker

Gregor Mayrhofer Dirigent

Sophie Klußmann Sopran

Werke von Luigi Dallapiccola, Claudio Ambrosini, Stefano Gervasoni, George Benjamin und Gregor Mayrhofer

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