Zu Gast beim Publikum von morgen

Im Rückblick: Die China-Reisen der Berliner Philharmoniker

Peking 1979: Karajan und der Chefdirigent des Zentralen Symphonischen Orchester Peking
(Foto: Gustav Zimmermann/Archiv Berliner Philharmoniker)

Es muss eine niederschmetternde Aufführung von Beethovens Sechster Symphonie gewesen sein, mit der Henry Kissinger 1971 bei einem China-Besuch begrüßt wurde. »In manchen Momenten war ich nicht sicher, ob das Orchester vorwärts oder rückwärts spielte«, so der Politiker in seinen Memoiren. Dass die chinesischen Musiker sich mit Beethoven so schwertaten, lässt sich mit purer Unerfahrenheit erklären. Schließlich hatte Staatsführer Mao Zedong im Zuge der Kulturrevolution westliche Musik verboten, sodass klassische Komponisten gewissermaßen als Staatsfeinde galten.

Vor diesem Hintergrund ist kaum zu überschätzen, welchen Einschnitt die erste China-Reise der Berliner Philharmoniker im Jahr 1979 bedeutete. Drei Jahre nach Maos Tod war dies ein vorsichtiges Anzeichen der kulturellen Öffnung des Landes. Die großen Komponisten der Klassik waren bereits rehabilitiert, und so konnte Chefdirigent Herbert von Karajan in drei Konzerten einen Querschnitt durch sein Kernrepertoire präsentieren: Beethovens Symphonien Nr. 4 und 7, je eine Symphonie von Mozart, Brahms und Dvořák sowie Mussorgskys Bilder einer Ausstellung.

Insgesamt war dies eine Annäherung mit Hindernissen. Schon die Ankunft auf dem Flughafen von Peking erschien als schlechtes Omen, als wegen eines Defekts der Gangway zwei Musiker sechs Meter tief auf den Beton stürzten und mit Knochenbrüchen ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Zudem gab es in der Stadt keinen passenden Konzertsaal, weshalb das Orchester in einer akustisch ungeeigneten Sporthalle gastierte. Die Konzerte mit je über 4000 Besuchern waren dann ein voller Erfolg. Am Ende jedes Abends stand großer Jubel.

Dem Publikum entgegen

Dass das Orchester überhaupt versuchte, ein so fremdes Land für sich zu erobern, ist gewissermaßen in seiner DNA verankert. Unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahr 1882 gehörten die Berliner Philharmoniker zu den ersten Orchestern, die ihrem Publikum – im Wortsinne – entgegenkamen, die alle Reisestrapazen des Dampfmaschinenzeitalters auf sich nahmen, um ihr Können in den großen und kleinen Musikzentren zu demonstrieren. Auch die erste Reise nach Japan 1957 war eine Pioniertat und initiierte eine Beziehung zwischen Philharmonikern und Publikum, die sich als »Liebe auf den ersten Blick« beschreiben lässt. Dass die Musiker Japan zunehmend als zweite Heimat empfanden, verdankt sich zudem der 1986 eröffneten Suntory Hall in Tokio, die – am Herbert-von-Karajan-Platz gelegen – architektonisch wie eine Cousine der Berliner Philharmonie erscheint.

Ein weiterer Versuch, neue Freundschaften in Asien zu knüpfen, war 1984 das erste Gastspiel der Berliner Philharmoniker in Südkorea, das jedoch vorerst ein einmaliges Projekt blieb. So war während der letzten Karajan-Jahre und über die gesamte Ära Abbado hinweg Japan das alleinige Ziel aller Asien-Tourneen. Erst 2005 kehrte das Orchester unter Leitung von Sir Simon Rattle nach China und Korea zurück – im Rahmen einer aufsehenerregenden Konzertreise, die den Musikern viele neue Horizonte eröffnete. Peking, Seoul, Shanghai, Hongkong, Taipeh und Tokio: Das waren die Stationen der Tour, die in dem preisgekrönten Kinofilm »Trip to Asia« dokumentiert wurde.

Ein neuer Stellenwert

Zu den Erkenntnissen dieser Reise gehörte, dass ein Konzertbesuch in China inzwischen zu den unverzichtbaren Bestandteilen eines kultivierten Lebensstils zählte. Der neue Stellenwert der klassischen Musik verdankte sich zu einem Großteil der Weltkarriere des Pianisten Lang Lang. Seinem Vorbild folgend, drängte ein Millionenheer von Nachwuchspianisten in die Musikschulen. Simon Rattle beurteilte auf seiner ersten Pressekonferenz in Peking diese Entwicklung uneingeschränkt positiv: »Wahrscheinlich ist Lang Lang nur die Spitze eines Eisbergs, der auf uns zukommt, aber für die Entwicklung der westlichen klassischen Musik kann das nur gut sein. Jeder neue Einfluss hält die Kunst lebendig.« Das eindrucksvollste Publikum wartete auf die Berliner Philharmoniker indessen im chinesischen Inselstaat Taiwan. Rund 30.000 Fans verfolgten in der Hauptstadt Taipeh die Konzerte auf Großleinwänden im Freien. Als Rattle und einige Orchestermitglieder anschließend die Menge begrüßten, schlugen ihnen »Simon, Simon!«- und »Welcome to Taiwan!«-Chöre entgegen, illuminiert von einem Lichtermeer aus Handy-Displays. Selbst für die an Beifall gewöhnten Philharmoniker war das ein spezielles Erlebnis.

Selbstverständlich blieb Japan auch unter Simon Rattle ein Fixpunkt der philharmonischen Asien-Tourneen. Aber regelmäßig steuerte man auch Ziele in China an, um dem dort rapide wachsenden Publikum zu begegnen. Sichtbarstes Zeichen dieser Entwicklung sind die architektonisch und akustisch exzellenten Konzertsäle, die in den letzten Jahren in vielen chinesischen Großstädten eröffnet wurden. Dazu zählt etwa das 2007 eingeweihte Nationale Zentrum für Darstellende Künste in Peking, mit dem die Stadt nun über einen Aufführungsort der internationalen Spitzenliga verfügt und in dem die Berliner Philharmoniker erstmals 2011 gastierten.

Auch als das Orchester im vergangenen Herbst zur letzten Asien-Reise mit Simon Rattle als Chefdirigent aufbrach, begnügte es sich nicht mit Abschiedsbesuchen bei den alten Freunden in den bekannten Musikzentren. Vielmehr steuerte man zwei neue chinesische Reiseziele an – Megastädte, deren Namen in Europa wenig geläufig sind, von denen aber jede über 10 Millionen Einwohner hat. Zum einen ging es zur 2009 eröffneten Qintai Concert Hall von Wuhan, der zweitgrößten Stadt des chinesischen Binnenlandes, und zum anderen nach Guangzhou, wo die Stararchitektin Zaha Hadid 2010 ein spektakuläres Opernhaus mit kühner Silhouette fertiggestellt hatte. Ein weiterer Beleg für den Aufschwung der klassischen Musik in China war, dass die Berliner Philharmoniker zum ersten Mal für eine Asien-Reise eine chinesische Solistin verpflichtet hatten: die aus Peking stammende Pianistin Yuja Wang, die mit atemberaubendem Feuer Béla Bartóks Klavierkonzert Nr. 2 präsentierte.

Die Moderne gehört dazu

Mindestens so wichtig wie Besetzungsfragen ist bei der Vorbereitung einer Tournee die Zusammenstellung des Programms. Und auch hier ist eine Weiterentwicklung zu erkennen. Wie vor ihm Karajan und Abbado präsentierte auch Simon Rattle auf seinen Asien-Tourneen die großen, unverzichtbaren Standardwerke der Klassik und Romantik. Darüber hinaus gehörte von Anfang an je ein großes Werk der Gegenwart zu Sir Simons Repertoire, wenn er mit den Philharmonikern nach Fernost und eben auch nach China reiste. Dieses couragierte Konzept scheint aufzugehen: »Vor allem in Japan ist das Publikum heute nicht weniger aufgeschlossen für zeitgenössische Musik als im Westen«, so der philharmonische Solocellist und Medienvorstand Olaf Maninger. »Aber auch in China erfassen die Konzertbesucher zunehmend, dass die Moderne zur klassischen Musik gehört.«

So hat sich das chinesische Musikleben seit den Tagen der Kulturrevolution mit einer unglaublichen Dynamik weiterentwickelt. Sicher: Dass es hier keine bruchlose Traditionslinie im Umgang mit klassischer Musik gibt, wirkt bis heute nach. Ein blindes Verständnis zwischen Musikern und Konzertbesuchern wie in anderen Ländern ist noch in der Entwicklung begriffen. Demgegenüber ermöglichen die Reisen nach China den Berliner Philharmonikern andere, einzigartige Erlebnisse: Begegnungen mit einem jungen Publikum, das sich mit Leidenschaft, Entdeckerlust und frischen Ohren auf das Abenteuer klassische Musik einlässt. 

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags von Tobias Möller für das Magazin 128, dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.

Peking 2005: Pressekonferenz mit Sir Simon Rattle
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)
Peking 2011: Die Berliner Philharmoniker in ihrer Funtkion als UNICEF-Botschafter Claudio Abbado und die Philharmoniker in Osaka
(Foto: Helge Grünewald/Archiv Berliner Philharmoniker)
Peking 2011: Essenspause
(Foto: Monika Rittershaus)
Shanghai 2017: Nicht nur als Musiker unterwegs...
(Foto: Monika Rittershaus)
Shanghai 2017: Yuja Wang und Simon Rattle bei der Probe
(Foto: Monika Rittershaus)
Wuhan 2017: Das Publikum erhält die Anweisung, zwischen den Sätzen nicht zu klatschen
(Foto: Monika Rittershaus)

Konzerte

Samstag,

17. Nov 2018,
20:00 Uhr

Shenzhen Concert Hall

Konzertreise

Sa, 17. Nov 2018, 20:00 Uhr
Shenzhen Concert Hall

Berliner Philharmoniker

Gustavo Dudamel Dirigent

Werke von Leonard Bernstein und Gustav Mahler

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Dienstag,

20. Nov 2018,
20:00 Uhr

Xi'an Concert Hall

Konzertreise

Di, 20. Nov 2018, 20:00 Uhr
Xi'an Concert Hall

Berliner Philharmoniker

Gustavo Dudamel Dirigent

Tamara Mumford Mezzosopran

Werke von Leonard Bernstein und Dmitri Schostakowitsch

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Donnerstag,

22. Nov 2018,
19:30 Uhr

National Center for the Performing Arts, Peking

Konzertreise

Do, 22. Nov 2018, 19:30 Uhr
National Center for the Performing Arts, Peking

Berliner Philharmoniker

Gustavo Dudamel Dirigent

Werke von Leonard Bernstein und Gustav Mahler

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Freitag,

23. Nov 2018,
19:30 Uhr

National Center for the Performing Arts, Peking

Konzertreise

Fr, 23. Nov 2018, 19:30 Uhr
National Center for the Performing Arts, Peking

Berliner Philharmoniker

Gustavo Dudamel Dirigent

Lang Lang Klavier

Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Dmitri Schostakowitsch

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