Von der Magie der Vergangenheit

Claudio Abbados Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin

Claudio Abbado 1973
(Foto: bpk/Bayerische Staatsbibliothek/Felicitas Timpe)

Die Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin besitzt seit geraumer Zeit die Nachlässe der ersten drei Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker – Hans von Bülow, Arthur Nikisch und Wilhelm Furtwängler; nun wurde die Sammlung kürzlich um das musikalische Erbe eines anderen Chefdirigenten erweitert: Claudio Abbado. Es ist ein großzügiges Geschenk, das die von den Erben in Mailand gegründete »Fondazione Claudio Abbado« der Staatsbibliothek machte. Zum Nachlass gehören rund 1700 Partituren, handschriftliche Aufzeichnungen, zahlreiche Audio- und Videoveröffentlichungen, musikwissenschaftliche Fachliteratur sowie ein umfangreicher Briefbestand.

Erstes Empfehlungsschreiben

Zu den ältesten Dokumenten gehört die Kopie eines Empfehlungsschreibens Herbert von Karajans vom August 1965 an den Intendanten der Hamburgischen Staatsoper Rolf Liebermann. »Ich fühle die Verpflichtung in mir, Sie über den jungen italienischen Dirigenten Claudio Abbado zu informieren«, beginnt Karajan. »Es ist außer Zweifel, dass er die größte Begabung ist, die es meines Wissens heute gibt. Vor dem Orchester ist er derart sicher als würde er schon 20 Jahre dirigieren.« Ebenso amüsant wie bewegend ist Abbados Briefwechsel mit seinem Kollegen Carlos Kleiber. Im Mai 1976 schrieb Kleiber aus München an den »lieben Claudio«: »Hier sitze ich in einem Hotel gegenüber dem Bürgerbräu, wo Hitler seine Bomben-Sache hatte. Darin machen wir ›Traviata‹-Aufnahme, molto merdoso. Claudio, ich wollte mich bei Dir nochmals bedanken, und auch bei Gabriella, für Deine Gastfreundschaft und Güte in Mailand; und dafür, dass Du mich nicht hast lassen abreisen beim Rosenkavalier. Dein Vertrauen ist etwas ganz Großes für mich.«

Briefwechsel mit großen Künstlern

Claudio Abbado hat sich wiederholt für Carlos Kleiber eingesetzt. Im Herbst 1995 wollte er den kapriziösen Freund als »Conductor in residence« an das Wissenschaftskolleg zu Berlin vermitteln. Wolf Lepenies, der Rektor der Einrichtung, schickte Kleiber auf Abbados Bitte hin eine reizende Einladung, erhielt aber eine deutliche Absage: »Da ich absolut nichts beizusteuern habe – abgesehen davon, anderen Menschen zuhören zu können –, muss ich definitiv ablehnen.« Der Briefwechsel mit Rudolf Serkin ist von wechselseitiger Verehrung geprägt, immer wieder bedankte sich der gut 30 Jahre ältere Pianist bei Abbado für die gemeinsamen Konzerte und für das freundschaftliche Miteinander. Abbado antwortete nicht minder emotional – Kopien dieser Briefe befinden sich ebenfalls im Nachlass. Gleich mehrere Mappen beinhalten die Zuschriften von Fans aus aller Welt. Mancher Zeitgenosse dankte überschwänglich für ein bestimmtes Konzert unter Abbados Leitung, andere Briefe haben hingegen einen kuriosen Charakter.

Einblick in Abbados Dirigierwerkstatt

Den für Musiker interessantesten Teil der Sammlung bilden Claudio Abbados Dirigierpartituren. Auf der Innenseite eines jeden Bandes vermerkte Abbado mit Bleistift fein säuberlich alle Aufführungsorte und -daten. Die Partituren selbst hat Abbado mit ungezählten handschriftlichen Angaben zu Dynamik, Tempo und Artikulation versehen. Von erheblichem Wert sind auch die kleinen »Dirigierzettel«, die der Maestro zu jedem Stück angefertigt hat. Kaum größer als eine Zigarettenschachtel, enthalten sie mit wenigen Worten, Strichen und Symbolen Abbados Grundidee der jeweiligen Komposition. Es bleibt allerdings zu vermuten, dass nur Musiker, die ihn sehr gut kannten, auf Anhieb verstehen, was dort gemeint ist.

Ausstellung

Dokumente und Exponate aus dem musikalischen Nachlass Claudio Abbados werden nun erstmals in der Ausstellung »Claudio Abbado – Lebenswege« gezeigt, die anlässlich des 5. Todestags des Dirigenten ab 20. Januar  im Foyer der Philharmonie zu sehen ist. Die Stücke werden ergänzt durch Dokumente und Fotografien aus dem Archiv der Stiftung Berliner Philharmoniker. Die Ausstellung kann zu den Kassenöffnungszeiten und zu den Konzerten in der Philharmonie besichtigt werden.

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags von Oliver Hilmes für das Magazin 128 (Band 04/2018), dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.

Claudio Abbados Dirigierpartitur von Mahlers Erster Symphonie
(Foto: Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv)

Vertragsunterzeichnung 1990: Claudio Abbado und die damalige Kutursenatorin Anke Martiny
(Foto: Reinhard Friedrich)
Freunde fürs Leben: Claudio Abbado, Maurizio Pollini, Zubin Mehta und Yehudi Menuhin
(Foto: Reinhard Friedrich)
1994: Claudio Abbado und György Kurtág bei Proben zu »Stele«
(Foto: Reinhard Friedrich)
Beim Proben
(Foto: Reinhard Friedrich)