»Für eine Kulturinstitution einzigartig«

10 Jahre Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker

»Wenn man nicht live dabei sein kann, ist dies ganz sicher die zweitbeste Lösung«, erklärte Sir Simon Rattle, damals Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, als die Digital Concert Hall in der Spielzeit 2008/2009 online ging. Am 6. Januar 2009 erfolgte im Rahmen eines Sonderkonzerts die erste Live-Übertragung. In einzigartiger Weise dokumentiert der »digitale Konzertsaal« die Arbeit der Philharmoniker in ihrer ganzen Breite: Während der Saison werden in nahezu wöchentlichem Rhythmus Auftritte live aus der Philharmonie, aber auch von Konzertreisen und Festivals übertragen und einige Tage später in das auf diese Weise stetig wachsende Archiv der Plattform aufgenommen. Ergänzt wird das Angebot durch ältere Fernseh- und Filmaufzeichnungen, Interviews mit Gastdirigenten und -solisten sowie einer Reihe von Dokumentationen, die etwa von der Geschichte der Philharmoniker im »Dritten Reich« und den letzten Lebensjahren Wilhelm Furtwänglers berichten oder dem Geheimnis der Chefdirigenten Herbert von Karajan und Claudio Abbado nachspüren.


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Dazu schenken wir Ihnen ein 48-Stunden-Ticket, das Sie bis zum 6. Januar einlösen können und das Ihnen Zugang zu allen Konzerten und Bonus-Filmen gewährt.


Kompendium der klassischen Musik

Im Archiv der Plattform ist mehr als die Hälfte von Sir Simons Amtszeit fast lückenlos dokumentiert. Im Zentrum stehen dabei über 190 Konzertaufzeichnungen, die ein nahezu konkurrenzlos breites und vielseitiges Repertoire abbilden. Auch vom Wirken Kirill Petrenkos, des designierten Chefdirigenten, der sich mehrfach begeistert über die Digital Concert Hall geäußert hat, kann man sich einen Eindruck verschaffen: Auf die einzigen audiovisuellen Konzertaufzeichnungen, die von ihm überhaupt verfügbar sind, können die Nutzer der Plattform exklusiv zugreifen. »Inzwischen können mehr als 500 Konzerte auf der Plattform abgerufen werden können«, meint Olaf Maninger, philharmonischer Solocellist und Co-Geschäftsführer der die Digital Concert Hall beheimatenden Berlin Phil Media GmbH. Robert Zimmermann, neben Maninger zweiter Initiator und Geschäftsführer der Berlin Phil Media, ergänzt: »Es war von Anfang an klar, dass wir die gesamte Arbeit des Orchesters dokumentieren, auch die unbekannteren Werke und nicht nur die Highlights«. Er bezeichnet die Summe der inzwischen verfügbaren Aufzeichnungen als »eine Art Kompendium der klassischen Musik und des Schaffens der Berliner Philharmoniker«.

Eine ganz eigene Bildästhetik

Die Digital Concert Hall stellt nicht zuletzt eine produktive Antwort auf die tiefgreifende Krise dar, mit der sich die vom Internetzeitalter kalt erwischte Tonträgerindustrie konfrontiert sah. Als Reaktion erklärten die Philharmoniker mit der Gründung einer eigenen Produktionsfirma gewissermaßen ihre medienpolitische Unabhängigkeit. Dabei erwies es sich als Glücksfall, dass sich die seit Jahrzehnten eng mit dem Orchester kooperierende Deutsche Bank zur finanziellen Unterstützung des Projekts bereit erklärte: »Die Deutsche Bank hat die verwegene, abenteuerliche und eigentlich aberwitzige Idee damals mit aus der Taufe gehoben«, erklärt Olaf Maninger. Technologisches Neuland betrat man mit der Durchsetzung einer den besonderen Bedingungen geschuldeten Bildästhetik: Um Musiker wie Publikum nicht von der Konzentration auf die Aufführungen abzulenken, wird auf die bei Fernsehaufzeichnungen übliche sehr helle Beleuchtung verzichtet, zudem werden die fest installierten Kameras per Fernbedienung von einem Videostudio aus gesteuert.

Neue, kreative Wege

Mit einem Alter von zehn Jahren ist die Berlin Phil Media GmbH natürlich nach wie vor ein junges Unternehmen; dennoch haben sich in der Zwischenzeit bahnbrechende technologische Innovationen durchgesetzt. Zu Beginn des Experiments steckte YouTube noch in den Kinderschuhen, waren Livestreams klassischer Musik und Smartphones nahezu, mit dem Internet verbundene Fernsehgeräte gänzlich unbekannt. Das explosionsartige Wachstum der Social Media war in keiner Weise vorauszusehen und Mediatheken konnte man im Prä-Netflix-Zeitalter in analogen Stadtbüchereien, aber keineswegs Online aufsuchen. Von allen diesen Entwicklungen hat die DCH profitiert. Die flexiblen Angebote für Abonnenten wurden dem Verhalten der mittlerweile streaming-affinen Nutzer angepasst, die verschiedenen Foren der Social Media sind zu einem zentralen Kommunikationsmittel geworden: Jüngst sprach Olaf Maninger von 80 Millionen Videoaufrufen der kurzen Orchester-Clips bei YouTube und von 1,2 Millionen Facebook-Freunden, »was für eine Kulturinstitution tatsächlich einzigartig ist«. Von den ungefähr eine Million registrierten Nutzern besitzen rund 50.000 innerhalb einer Spielzeit einen bezahlten Zugang. Schließlich gehörte laut Robert Zimmermann zu den Kerngedanken der Unternehmung, dass kostbare Inhalte nicht gratis verfügbar sein sollten. Mittlerweile wurde das dritte Studio im Konzertsaal eingerichtet, die im August 2016 begonnene Zusammenarbeit mit Panasonic verspricht in absehbarer Zukunft eine weitere Potenzierung des seit letztem Jahr angewendeten kontrastreichen und brillanten 4K-Formats.

Der Text ist die gekürzte Fassung eines Beitrags von Benedikt von Bernstorff für das Magazin 128 (Band 04/2018), dessen Ausgaben in unserem Online-Shop und im Shop der Philharmonie erhältlich sind.

Ferngesteuerte 4K-Kamera in der Philharmonie
(Foto: Peter Adamik)
Das Studio 2008
(Foto: Peter Adamik)

Zur Digital Concert Hall

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