Weichenstellungen für die Zeitenwende

Andrea Zietzschmann ist die neue Intendantin der Berliner Philharmoniker

(Foto: Paul Schirnhofer)

Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Eine Promotion, wissenschaftliches Arbeiten oder doch Operndramaturgie? All das wäre für Andrea Zietzschmann – gelernte Musikwissenschaftlerin und Betriebswirtin – denkbar gewesen. Aber dann fragte Claudio Abbado sie 1996 beim Edinburgh Festival, ob sie nicht mit ihm ein neues Orchester gründen und als Intendantin leiten wolle: das Mahler Chamber Orchestra. Damit waren die Weichen Richtung Orchestermanagement gestellt. Erste Erfahrungen in diesem Metier hatte Andrea Zietzschmann zuvor ebenfalls an Abbados Seite gesammelt, als freie Mitarbeiterin im Gustav Mahler Jugendorchester. Ihre Aufgaben hier deckten ein beeindruckendes Spektrum ab: von der Tourneeorganisation bis hin zu einem Noteinsatz vor einer Fernsehübertragung, als dringend Abbados Frackhemd zu bügeln war. »Auf diesem Wege habe ich etwas Wichtiges gelernt,« so Zietzschmann heute, »dass man die unterschiedlichsten Voraussetzungen schaffen muss, damit Künstler auf der Bühne ihr Bestes geben können.«

Junge Orchester, große Traditionen

Mit dem Mahler Chamber Orchestra erlebte sie eine inspirierende Aufbruchsstimmung. »In der Anfangsphase haben alle fünfhundert Prozent gegeben, ohne Rücksicht auf Probenzeiten und finanzielle Bedingungen,« so Zietzschmann. Spannend waren für sie auch die demokratischen Strukturen des jungen Klangkörpers, in denen man gemeinsam um künstlerische und organisatorische Entscheidungen rang. Auf ihren nächsten beruflichen Etappen sammelte sie dann komplementäre und damit umso wertvollere Erfahrungen. Als Orchestermanagerin und Musikchefin des Hessischen Rundfunks und später als Managerin der Klangkörper und Konzertreihen des NDR arbeitete sie mit Orchestern und Chören mit großer Geschichte zusammen, die in komplexe Organisationen eingebettet sind.

Die Bereitschaft zur Grenzüberschreitung

Mit der Saison 2017/18 übernimmt Andrea Zietzschmann das Amt der Intendantin der Stiftung Berliner Philharmoniker, und im Prinzip kommen ihr hier die Erfahrungen aller ihrer bisherigen Karrierestufen zugute. Demokratische Entscheidungsprozesse eines Orchesters sind ihr ebenso vertraut wie die Gremienarbeit, sie kennt Personalverantwortung, die strategische Konzertplanung und den Medienmarkt. Zudem weiß sie um die Bedeutung von Traditionen für künstlerische Institutionen. Und dann gibt es bei den Berliner Philharmonikern eine Charaktereigenschaft, die Andrea Zietzschmann an die Frühzeit ihrer Berufsjahre zurückdenken lässt: »Jeder hier im Orchester ist nicht nur ein hervorragender Musiker – alle sind bereit, Grenzen zu überschreiten und diesen gewissen Punkt zu erreichen, wo ganz große Kunst entsteht.«

Philharmonische Umbruchphase

Die Frage, ob die Berliner Philharmoniker ihr Lieblingsorchester seien, beantwortet Andrea Zietzschmann mit einem schnellen, knappen »Ja.«. Schon während ihrer Studienjahre in Berlin hat sie fast kein Konzertprogramm versäumt, viele Musiker des Orchesters haben als Solisten und Tutoren mit dem Gustav Mahler Jugendorchester und dem Mahler Chamber Orchestra zusammengearbeitet. Die philharmonische Intendanz übernimmt sie in einer Umbruchphase, was für sie durchaus positive Seiten hat. »Ich bin zunächst sehr froh, noch für eine Spielzeit mit Simon Rattle zusammenzuarbeiten, denn ich bin sicher, dass ich sehr von seinem unglaublichen Erfahrungsschatz profitieren kann. Danach gestalten wir eine Saison ohne Chefdirigenten, aber diese bietet die wunderbare Chance, viele verschiedene Gastdirigenten einzuladen. Und gleichzeitig haben wir die Möglichkeit, die Amtszeit von Kirill Petrenko mit einem guten Vorlauf zu planen.«

Ein offenes Konzerthaus des 21. Jahrhunderts

Über die konkrete Konzertplanung hinaus verfolgt die neue Intendantin selbstverständlich auch längerfristige Ziele. Zunächst möchte sie aber erst einmal eine systematische Bestandsaufnahme machen, um dann für die Weiterentwicklung von Orchester und Haus die richtigen Weichen zu stellen. Das Potential dafür hält sie für sehr groß: »Die Philharmonie ist so großartig in der Mitte Berlins gelegen,« sagt Andrea Zietzschmann, »da kann und sollte sie auch ideell im Zentrum stehen. Als ein offenes, profiliertes Konzerthaus des 21. Jahrhunderts, das man am liebsten jeden Tag besuchen würde.«

Andrea Zietzschmann Vertragsunterzeichnung mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller Mit dem designierten Chefdirigenten Kirill Petrenko