Sofia Gubaidulina und die Berliner Philharmoniker

Zum 85. Geburtstag der Komponistin

1990: die Komponistin und Simon Rattle
(Foto: Reinhard Friedrich)

Als die Berliner Philharmoniker 1990 zum ersten Mal ein Werk von Sofia Gubaidulina spielten, gehörte die tatarisch-russische Komponistin seit knapp 10 Jahren zu den tonangebenden Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit. Ihr Alleluja für Chor, Knabensopran und Orchester war ein Auftragswerk der Berliner Festspiele und wurde durch die Philharmoniker uraufgeführt. So offen rhythmisch, so strahlend farbig habe Gubaidulina noch nie komponiert, schrieb der Tagesspiegel über das Stück. Die Karriere der aus Tschistopol stammenden Komponistin, die im Oktober 2016 ihren 85. Geburtstag feierte, war lange Jahre geprägt von der Stalinära, dem kalten Krieg und der rigiden Kulturpolitik des Sowjetregimes. Ihre eigensinnigen Werke fanden in der damaligen Sowjetunion wenig Beachtung, sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Filmmusik. 1981 gelang der damals 50-Jährigen mit dem Violinkonzert Offertorium, eine Auseinandersetzung mit Bachs Musikalischem Opfer, die sie für den Geiger Gidon Kremer komponierte, der internationale Durchbruch.

Musik als sakrale Dimension

Bei der Uraufführung von Alleluja stand mit Sir Simon Rattle ein großer Bewunderer von Gubaidulinas Musik am Pult der Philharmoniker. Nach seinem Amtsantritt als Chefdirigent des Orchesters wurden die Werke der Komponistin, die seit 1992 in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg lebt und arbeitet, fester Bestandteil des philharmonischen Repertoires. 2006 interpretierte Gidon Kremer erstmals mit den Philharmonikern Offertorium. Ein Jahr später folgte beim Lucerne Festival die Uraufführung des zweiten Violinkonzerts In tempus praesens, das Sofia Gubaidulina im Auftrag der Paul-Sacher-Stiftung für die Geigerin Anne-Sophie Mutter geschrieben hat. Es sei ein Stück, so die Komponistin, »über Zeit und Gegenwart« sowie über Sophia, die Göttin der Weisheit. Die spirituelle Verbundenheit mit dem göttlichen Kosmos prägt nicht nur dieses Werk, sondern Gubaidulinas gesamtes Schaffen. Auch ihr Konzert für Schlagzeugensemble Glorious Percussion, das die Philharmoniker 2009 unter Leitung von Gustavo Dudamel interpretierten, spiegelt – wie die Komponistin in einem Interview für die Digital Concert Hall verriet – in seinen Intervallen und Akkorden die rhythmischen Pulsationen wieder, die in der ganzen Welt und der Natur präsent sind. 2010 war Vadim Repin der Solist ihres Ersten Violinkonzerts. Im Dezember 2016 leitet Christian Thielemann weitere Aufführungen von In tempus praesens mit Gidon Kremer als Solisten, der nach einer Pause von 10 Jahren zu den Berliner Philharmonikern zurückkehrt. Nicht zu vergessen die zahlreichen Kammermusikwerke Sofia Gubaidulinas, die regelmäßig von den philharmonischen Ensembles aufgeführt werden. Die Wertschätzung, die Gubaidulina bei den Berliner Philharmonikern genießt, freut sie besonders. Denn bei ihnen – gesteht sie voller Dankbarkeit – böten sich erstklassige Möglichkeiten für die Aufführung ihrer Musik.

1988: Gidon Kremer und Sofia Gubaidulina
(Foto: Monroe Warshaw/New York)
2009: mit Gustavo Dudamel beim Schlussapplaus von »Glorious Percussion«
(Foto: Kai Bienert)