Grenzgänger der Kulturen

Zubin Mehta, Ravi und Anoushka Shankar

Anoushka Shankar
(Foto: promo)

Sie gelten, jeder auf seine Weise, als musikalische Brückenbauer: Zubin Mehta, der als erster Inder eine internationale Dirigentenkarriere hinlegte, und sein 2012 verstorbener Landsmann Ravi Shankar, der dem westlichen Publikum die Schönheit und Faszination der indischen Musik nahegebracht hat. Shankar, der in den 1930er-Jahren als Mitglied der Tanztruppe seines Bruders durch Europa und USA tourte und dadurch ein tiefes Verständnis für die westliche Musikkultur entwickelte, entschied sich erst spät, im Alter von 18 Jahren, ein professioneller Sitar-Spieler zu werden. Er studierte die asiatische Langhalslaute sechs Jahre lang bei dem Sitarmeister Allauddin Khan, gründete später das Indische Nationalorchester und war Musikdirektor beim All India Radio. Was seinen Weltruhm, begründete waren jedoch seine zahlreichen Tourneen in die Länder des westlichen Kulturkreises, sein legendärer Auftritt 1969 in Woodstock und das »Concert for Bangladesh« 1971 in New York sowie die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern der Klassik und des Pop: mit dem Geiger Yehudi Menuhin, dem Ex-Beatle George Harrison oder dem Komponisten Philip Glass. »Musik überwindet alle Sprachen und Grenzen und ist die schönste Art zu kommunizieren. Musik vermittelt uns allen verschiedene Emotionen oder ›Navarasa‹, wie wir es nennen«, lautete sein Credo.

»Vater der Weltmusik«

Als Komponist versuchte er immer wieder, die auf Improvisation basierende Klangwelt Indiens, mit ihren subtilen, differenzierten Melodien, Raga genannt, und die abendländische Musik mit ihrer mehrstimmigen Struktur zu verbinden. Er gehörte somit zu den ersten Cross-over-Künstlern und wird von vielen gerne auch als »Vater der Weltmusik« bezeichnet. Die Verknüpfung von indischen und klassischen Musiktechniken zeichnet auch sein Zweites Sitarkonzert Raga-Mālā aus, das Shankar 1981 im Auftrag des New York Philharmonic und seines damaligen musikalischen Chefs Zubin Mehta schieb. Mehta, ein langjähriger künstlerischer und persönlicher Freund Shankars, erinnert sich noch gut an die Entstehung des Werks: »Ravi hat die Ragas zunächst auf der Sitar gespielt, und da er die abendländische Notation nicht beherrschte, habe ich alles aufgeschrieben. Danach hat er mit unseren Stimmführern gearbeitet und eine Art indische Improvisation ausgeschrieben.« Auf diese Weise entstand ein sinnlicher Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester, der für westliche Ohren fremd und gleichzeitig vertraut klingt.

Familiäres Erbe

Bei seinem nächsten Berliner Gastauftritt führt Mehta das Konzert seines Freundes mit den Philharmonikern auf. Für klassische Musiker sei das – so der Dirigent – eine unbekannte Welt und eine ungewohnte Tonsprache. Und er freut sich, dass die Berliner Philharmoniker so mutig sind, sich darauf einzulassen. Solistin ist Anoushka Shankar, die Tochter des Komponisten, die im Uraufführungsjahr des Konzerts auf die Welt kam und als Siebenjährige Schülerin ihres Vaters wurde. Heute gilt sie selbst als eine der führenden Sitarspielerinnen ihrer Zeit und als würdige Erbin von Ravi Shankars Bestreben, verschiedene Musiktraditionen zu vereinen: »Ich bin in drei verschiedenen Ländern aufgewachsen, und der Spagat zwischen der westlichen und der östlichen Kultur fiel mir sichtlich leicht«, meint sie. »Das unterscheidet mich von den meisten Musikern aus Indien.« Nicht jedoch von Zubin Mehta, der ebenso wie Ravi und Anoushka Shankar zu den musikalischen Kosmopoliten unserer Zeit zählt.

Ravi Shankar in Woodstock
(Foto: Wikicommons/Markgoff2972)
1985 mit Zubin Mehta bei der Probe
(Foto: AKG/Marion Kalter)
Gemeinsames Konzert mit Anoushka
(Foto: Rechte bei A. Shankar)

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