Historisches Streiflicht: Richard Wagners »Rheingold«

Vor 130 Jahren führten die Berliner Philharmoniker ihre erste konzertante Oper auf

Einmal im Jahr werden die Berliner Philharmonikern zum Opernorchester – während der Osterfestspiele, die 1967, vor 50 Jahren, zum ersten Mal stattfanden. Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker starteten im Salzburger Festspielhaus ein ambitioniertes Projekt: die Aufführung von Richard Wagners Ring des Nibelungen. Sie begannen mit Walküre, das Vorspiel zur Tetralogie, Rheingold, mit Thomas Stewart als Wotan und Brigitte Fassbaender als Fricka folgte ein Jahr später. Das Werk wurde bei den Festspielen 1969 wiederaufgenommen. In Verbindung mit einer weiteren Wiederaufnahme 1973 entstand eine Film-Aufzeichnung der Oper, die heute Karajans einziges szenisches Video-Dokument einer Wagner-Oper ist und im Archiv der Digital Concert Hall zur Verfügung steht.

Zum Gedächtnis an Richard Wagner

Auch wenn die Berliner Philharmoniker im Rahmen der Osterfestspiele weltweit erstmals als Interpreten von Wagners Opern wahrgenommen wurden, die erste Aufführung des Rheingolds durch das Orchester fand bereits 80 Jahre früher statt: am 15. Februar 1887. Richard Wagner war am 13. Februar 1883 gestorben und seither erinnerte der Berliner Wagner-Verein jährlich mit einem Gedächtniskonzert an seinen Todestag. Hatten diese Konzerte, die der Verein mit den Berliner Philharmonikern bestritt, bis dahin Ausschnitte aus Wagners Opern präsentiert, so entschloss man sich anlässlich der fünften Gedächtnisfeier zu einer konzertanten Aufführung des Rheingolds. Die musikalische Leitung lag bei Karl Klindworth, einem der engsten Freunde und Bewunderer Wagners, der seit 1882 in Berlin lebte und dort als Klavierpädagoge, Pianist und Dirigent wirkte. Zum Sängerensemble gehörten einige berühmte Namen: Karl Hill, der den Wotan sang, hatte 1876 bei der Bayreuther Erstaufführung den Albericht interpretiert, Anton Erl aus Dresden, Darsteller des Loge, galt als einer der wichtigsten Tenöre seiner Zeit. Wie dem Programmheft zu entnehmen ist, wurde das Philharmonische Orchester auf 100 Musiker verstärkt.

»In Concerttoilette ein Unding«

»Das Orchester, welches sonst in allem Wesentlichen gut am Platze war, lies des Öfteren die nöthige Verfeinerung vermissen«, heißt es in der Kritik der Zeitschrift Signale für die musikalische Welt. Während die musikalische und sängerische Darbietung wohlwollend gewürdigt wurde, wetterte der Rezensent gegen die Form der konzertanten Aufführung: »Die Rheintöchterscene kann man, in den Concertsaal verpflanzt, allenfalls hingehen lassen, das ganze Rheingold aber in Concerttoilette, Frack und weißen Handschuhen ist ein Unding.« Auch die Neue Berliner Musikzeitung bemerkte, Rheingold bedürfe von allen Musikdramen Wagners am meisten den szenischen Rahmen. »Aber um der Musik willen verdient diese Vorführung dennoch Dank.« Immerhin lag die letzte Aufführung des Werks an der Hofoper, die gleichzeitig die Berliner Erstaufführung  war, sechs Jahre zurück. Das Interesse an dem Ereignis schien allerdings mäßig gewesen sein. Denn der Kritiker bemerkte auch die große Anzahl an freien Sitz- und Stehplätzen in der Philharmonie. Mögen Publikum und Presse damals auch reserviert auf die ungewöhnliche konzertante Präsentation reagiert haben, Wagner selbst hätte sich dafür vielleicht erwärmen können. Hatte er doch einmal in Zusammenhang mit einer Parsifal-Aufführung bemerkt: »Ach! es graut mir vor allem Kostüm- und Schminke-Wesen … und nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden!«

 


Rheingold in der Digital Concert Hall

Karl Klindworth
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)