50 Jahre Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker

Ein historischer Rückblick

1967: Herbert von Karajan bei der Probe zur »Walküre«
(Foto: Siegfried Lauterwasser/Archiv Berliner Philharmoniker)

Das Wetter gab sich noch winterlich. Die Eröffnung der ersten Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker vor 50 Jahren fand bei Kälte, Schnee und Regen statt. Alles was damals Rang und Namen hatte, angefangen von Ex-Kaiserin Soraya, Liane Baronin von Rothschild, Gerd Porsche und Peter von Siemens bis zu den Schauspielern Nadja Tiller und Walter Giller, reiste an, um das Ereignis mitzuerleben. Das Festival war Herbert von Karajans Idee: »In meinem Alter«, so der damals 59-jährige Dirigent in einem Interview mit dem Spiegel, »hat ein Künstler viele, viele Erfahrungen gemacht; und daran möchte er natürlich auch die Umwelt teilhaben lassen.« Die Werke großer Komponisten in optimaler Qualität vor internationalem Publikum zu präsentieren – das war seine Vision. Und er konnte eine Reihe von privaten Förderern begeistern, die die Realisierung dieser Vision ermöglichten. Nicht von ungefähr hatte er als erste Opernproduktion Wagners Walküre gewählt, der in den nächsten Jahren auch die weiteren Teile der Ring-Tetralogie folgen sollten. Seiner Meinung nach wurde Wagners Nibelungen-Epos, vor allem in Bayreuth, »durchwegs fehlerhaft« inszeniert und er wollte einen Gegenentwurf präsentieren: »Es war mein Hauptanliegen, die Musik optisch zu interpretieren, denn meines Erachtens ist mehr nicht gestattet.« Zudem sollten die Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent er damals war, die Möglichkeit bekommen als Opernorchester aufzutreten. Karajans Rechnung ging auf. Die Walküre-Produktion, bei der Karajan nicht nur dirigierte, sondern auch Regie führte, fand in der Presse viel Beachtung. Wenn auch sein Regiekonzept nicht unumstritten war, die musikalische Darbietung erhielt höchstes Lob: »Die Berliner übertrafen alle mir bekannten Opernorchester und auch das Bayreuther Festspiel-Orchester«, schrieb Joachim Kaiser in der Zeit.

Musikalische Kostbarkeiten

Die Operninszenierung bildete zwar die wichtigste, aber nicht die einzige Säule der Osterfestspiele. Zum Festivalkonzept gehörte auch die Aufführung eines chorsymphonischen Werks sowie zwei Konzertprogramme. Bei den ersten Osterfestspielen erklangen Beethovens Missa solemnis, Bruckners Achte und ein reines Bach-Programm, für das Karajan als Continuo-Instrument ein Konzertcembalo »Electronic« mit transistorisierter Verstärkeranlage von der Firma Wittmayer verwendete. In den folgenden 22 Jahren, in denen Karajan das Festival leitete, führten die Berliner Philharmoniker vor allem die Opern Richard Wagners auf, außerdem Beethovens Fidelio, Puccinis La Bohème und Tosca sowie Verdis Troubadour. Die Symphonien von Beethoven, Brahms und Bruckner bildeten den Schwerpunkt des Konzertrepertoires. Im Laufe der Jahre kamen auch große Chorwerke zur Aufführung, u. a. Bachs Matthäus-Passion, die Requiem-Vertonungen von Mozart, Brahms und Verdi, Haydns Schöpfung oder Bachs h-Moll-Messe. 1989 kam es zum Zerwürfnis zwischen Karajan und den Philharmonikern. Der Dirigent plante die Osterfestspiele 1990 ohne das Orchester. Sein plötzlicher Tod im Sommer desselben Jahres schien das endgültige Aus des Festivals zu bedeuten.

Neuanfang mit Georg Solti und Claudio Abbado

Doch es ging weiter. 1991 teilten sich zwei Gastdirigenten die künstlerischen Aufgaben: Bernard Haitink dirigierte Mozarts Le nozze di Figaro, Daniel Barenboim leitete die Konzertaufführungen, die ebenfalls schwerpunktmäßig im Zeichen Mozarts standen. Im folgenden Jahr reisten die Berliner Philharmoniker bereits mit ihrem neuen Chef Claudio Abbado an. Doch die künstlerische Leitung der Festspiele oblag in diesem, wie auch im folgend Jahr noch Georg Solti, der Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss und den Falstaff von Giuseppe Verdi dirigierte. Erst 1994 präsentierte sich Abbado mit der Inszenierung des Boris Godunow von Modest Mussorgksy auch als Leiter des Festivals. Anders als unter Karajan, der sämtliche Veranstaltungen der Festspiele selbst dirigierte, wurden auch Gastdirigenten für die Konzerte eingeladen: Zubin Mehta, Mariss Jansons, Kurt Sanderling, Roger Norrington, Nikolaus Harnoncourt oder Christian Thielemann. Auch die Programmatik der Festspiele änderte sich, es wurden Werke von Richard Strauss, Gustav Mahler, Felix Mendelsohn Bartholdy sowie von russischen Komponisten aufgeführt.

Die Ära Simon Rattle

Als Sir Simon Rattle Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und somit auch Künstlerischer Leiter der Osterfestspiele wurde, war die Presse gespannt, wie sich der »Neue« bei diesem Festival bewährt. Rattle und sein Regisseur Nikolaus Lehnhoff gingen 2003 das Wagnis ein, Beethovens Fidelio ohne Dialoge aufzuführen – und ernteten damit zwiespältige Kritiken. In den Salzburger Nachrichten hieß es: »Rattle hat also seine Ära grundsätzlich erfreulich, riskant begonnen. Man wird sich bei diesem Musiker daran gewöhnen müssen.« Abgesehen davon, dass Simon Rattle wie sein Vorgänger Karajan auch den kompletten Ring von Richard Wagner herausbrachte, kamen mit Mozarts Così fan tutte, Brittens Peter Grimes, Debussys Pelléas et Mélisande und Strauss’ Salome neue Aspekte des Musiktheaters ins Festspielprogramm. Die Konzertprogramme öffneten sich auch zeitgenössischen Werken. 2013 fiel die Entscheidung, von Salzburg nach Baden-Baden umzuziehen, wo sich die Philharmoniker nicht nur mit Oper und Orchesterkonzerten, so auch mit Kammermusik präsentieren können. Mozarts Zauberflöte war die erste Inszenierung in der neuen Heimstätte. Es folgten Puccinis Manon Lescaut, Strauss’ Rosenkavalier und Wagners Tristan und Isolde – und in diesem Jahr – Tosca. Der Gastauftritt von Kirill Petrenko, des zukünftigen Chefs der Berliner Philharmoniker, setzt den Osterfestspielen 2017 neben allen anderen Höhepunkten ein Glanzlicht auf – und gibt eine Ahnung vom weiteren Weg des Orchesters wie auch seiner Frühjahrsresidenz.

1967: bei der Probe
(Foto: Siegfried Lauterwasser/Archiv Berliner Philharmoniker)
1991: Daniel Barenboim, Eliette von Karajan, Wolfgang Stresemann (Intendant der Berliner Philharmoniker) und Bernard Haitink.
(Foto: Cordula Groth/Archiv Berliner Philharmoniker)
1994: »Boris Godunow« unter Claudio Abbado, hier eine Szene mit Anatoli Kotscherga.
(Foto: Cordula Groth/Archiv Berliner Philharmoniker)
Claudio Abbado bei der Probe
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)
Sir Simon Rattle im Orchestergraben des Salzburger Festspielhauses
(Foto: Andreas Knapp/Archiv Berliner Philharmoniker)
2009: Wagners »Siegfried
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)
Baden-Baden 2013: »Zauberflöte«
(Foto: Andrea Kremper/Archiv Berliner Philharmoniker)
Baden-Baden 2017: Probe zu »Tosca«
(Foto: Monika Rittershaus)