Meister des Klanguniversums

Die Organisten der philharmonischen Orgelkonzerte

(Foto: Peter Adamik)

Vom Stummfilm über »Bach pur« bis hin zur Vorführung zu vier Händen und vier Füßen – die Konzertorgel der Berliner Philharmonie zeigt auch in der Saison 2016/2017 ihre Vielseitigkeit. Zum Auftakt der Orgelreihe setzt sich Guy Bovet an ihren Spieltisch. Der Schweizer ist nicht nur ein weltweitgefragter Konzertorganist und Spezialist für historische Orgeln, sondern auch ein genialer Improvisator, hervorragender Komponist und leidenschaftliche Cineast. Bei seinem Auftritt in der Philharmonie, der die Reihe der Orgelkonzerte eröffnet, kann Bovet sämtliche Talente entfalten: An der philharmonischen Orgel begleitet er einen der eindrucksvollsten Dokumentarfilme der 1920er-Jahre: Walter Ruttmanns Streifen Berlin – Die Sinfonie der Großstadt, der einen Tag im Leben der alten Reichshauptstadt festhält, beginnend mit dem allmählichen Aufwachen der Stadt am Morgen über die verschiedenen Ereignisse und Betriebsamkeiten des Tages bis hin zu den Vergnügungen des Abends. Dieser visuellen Symphonie steuert Bovet die akustische bei. »Auf der Orgel muss wegen der Registrierungen alles relativ genau vorbereitet sein«, erklärt er, »man kann also von einer ›vorbereiteten Improvisation‹ sprechen. Es entsteht eine Art Partitur mit den zu jeder Szene verwendeten Themen und die Angabe der genauen Dauer jeder Episode.«

In Kombination mit anderen Instrumenten

Die Orgel ist praktisch ein Orchester für sich. Dank ihrer zahlreichen Register lassen sich ganz unterschiedliche Klangmischungen und -farben erzeugen. Einschließlich der Chor-Orgel verfügt die Orgel der Philharmonie, die aus der Werkstatt der Berliner Orgelbaufirma Karl Schuke stammt, heute über 88 Register. Und so versteht es sich von selbst, dass jeder Organist seinen Ehrgeiz daran setzt, die klanglichen Möglichkeiten des Instruments möglichst wirkungsvoll auszureizen. Der Kölner Domorganist Winfried Bönig setzt bei seinem Debüt in der Berliner Philharmonie mit Werken von Marcel Dupré und Charles Widor auf die glanzvolle symphonische Pracht der französischen Orgeltradition. Besonders festlich wird das Konzert, dessen Programm im Zeichen des nahenden Weihnachtsfests steht, durch das Mitwirken des Blechbläserensembles der Berliner Philharmoniker. Gemeinsam mit Winfried Bönig führt es u. a. Gaston Litaizes Prozessionsmusik für Orgel, drei Trompeten und drei Posaunen sowie Alexandre Guilmants Marsch F-Dur für Orgel, Blechbläser und Pauken auf. Wie gut zwei so gegensätzliche Instrumente wie Orgel und Violoncello harmonieren, zeigen Thomas Ospital, seit 2015 Titularorganiste an der Orgel von Saint-Eustache in Paris, und der philharmonische Solo-Cellist Bruno Delepelaire mit Transkriptionen für diese Instrumentenkombination. Die beiden Musiker verbindet einiges: Beide sind gebürtige Franzosen, nahezu gleich alt und Absolventen des Pariser Conservatoire. Kein Wunder, dass sie bei ihrem Programm den Schwerpunkt auf Werke französischer Komponisten setzen.

Spannende Transkriptionen

Die beiden letzten Konzerte der Reihe präsentieren zwei Werke, die man eher nicht mit der Orgel in Verbindung bringt: Seine berühmten Goldberg-Variationen hat Johann Sebastian Bach ursprünglich für Cembalo komponiert. Hansjörg Albrecht, der nicht nur Organist, sondern auch Leiter des Münchener Bach-Chors & Bach-Orchesters ist, beweist mit seiner Bearbeitung, dass diese Komposition auch hervorragend auf der »Königin der Instrumente« klingt. Den Schlusspunkt der Reihe bildet die Aufführung von Strawinskys spektakulärem Ballett Le Sacre du printemps. Interpretiert wird es von Olivier Latry, Titularorganist an der Kathedrale von Notre-Dame in Paris, und Shin Young Lee. »Die Idee, die Partitur von Strawinskys zu transkribieren, hat mich schon immer interessiert«, meint Latry. »Es ist ein sehr spannendes Werk. Wir gehen von der Fassung für zwei Klaviere aus und kleiden diese in die Farben der Orgel.«

Guy Bovet
(Foto: privat)
Winfried Bönig
(Foto: privat)
(Foto: Mirko Cvjetko) Hansjörg Albrecht
(Foto: Florian Wagner)
Olivier Latry
(Foto: François Badias)
Shin Young Lee
(Foto: privat)