Die »andere« Maria – neuer Blick auf ein biblisches Thema

John Adams Passionsoratorium bei den Berliner Philharmonikern

Der Komponist: John Adams
(Foto: Vern Evans)

Die biblische Maria Magdalena, ihr Bruder Lazarus und ihre weniger prominente Schwester Martha: Dies sind die drei Protagonisten des Passionsoratoriums The Gospel According to the Other Mary von John Adams, einem der einflussreichsten und zugleich populärsten US-amerikanischen Komponisten der Nachkriegszeit, der in dieser Saison den Berliner Philharmonikern als Composer in Residence verbunden ist. Librettist dieser zweistündigen Betrachtung der Leiden Christi aus der Perspektive der »anderen« Maria ist Peter Sellars. Der Regisseur stellte hierfür ein Zitatgerüst aus dem Alten und dem Neuem Testament zusammen, das er mit weiteren Textfragmenten verwob: mit Schriften der afro-amerikanischen Schriftstellerin June Jordan, der mexikanischen Dichterin Rosario Castellanos, der amerikanischen Schriftstellerin Louise Erdrich, des nicaraguanischen Autors Rubén Darío, der amerikanischen Sozialistin und Frauenrechtlerin Dorothy Day, des italienischen Schriftstellers, Chemikers und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi sowie der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen.

Vom Frauengefängnis nach Golgatha

Die Inspiration für dieses 2012 in Los Angeles uraufgeführte Oratorium bildet eine apokryphe Schrift aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, deren ursprüngliche Verfasserin vermutlich Maria Magdalena war – die erste Zeugin der Auferstehung Jesu, die von der Theologie allerdings kontrovers diskutiert wird. Dieser ebenso konfessions- wie zeitlosen Annäherung an das Passionsgeschehen und ihrer Bedeutung in der Gegenwart begegnet Adams mit einer Musik von großer Stilvielfalt. Drei Countertenöre übernehmen die Rolle des Evangelisten, wie man es aus den Passionen von Johann Sebastian Bach kennt. Die Handlung der ersten Szene von Akt 1 spielt zu unserer Zeit in einem Gefängnis, bevor sich zwei Szenen der Vorstellung der Protagonisten Maria und Lazarus widmen. Es folgt ein Rückblick auf das Abendmahl in Bethanien sowie auf das vom Apostel Markus beschriebene Passahfest, bei dem die Jünger Maria attackieren. Im zweiten Akt folgen auf Polizeirazzia und Festnahmen die Hinrichtung Jesu auf Golgatha, die darauffolgende Nacht der Trauer, das Begräbnis Jesu sowie als letzte Szene am Morgen der Auferstehung Erdbeben und Erkennen. Maria Magdalena ist die erste, die dem auferstandenen Gottessohn begegnet. Und Christus, so berichtet es das Johannes-Evangelium, erkennt sie und sprich sie als »Maria« an. Damit endet Adams’ Komposition, die musikalisch wie textlich einen weiten Bogen schlägt – mit einem neuen Blick auf die »andere« Maria (Magdalena), auf die Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft sowie auf jeden einzelnen von uns.