Nur sehr wenige Dirigenten können für sich reklamieren, bereits mit 25 Jahren am Pult der Wiener und der Berliner Philharmoniker gestanden zu haben. Zu ihnen gehört Zubin Mehta, der am 18. September 1961 im besagten Alter in Berlin sein philharmonisches Debüt gab und der am 29. April dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feiert. Nach dem Konzert wurde er von der Presse als »Entdeckung aus Indien« gefeiert, als der »kommende Mann seiner Altersklasse«. Welch prophetische Worte! Nicht nur, dass der in Bombay geborene Zubin Mehta in kürzester Zeit eine phänomenale Karriere hinlegte, in Hinblick auf die Berliner Philharmoniker hat kaum ein anderer Gastdirigent so lange, regelmäßig und beständig mit dem Orchester zusammengearbeitet wie er. Nahezu jährlich stand er auf dem Podium der Philharmonie oder dirigierte bei den Osterfestspielen in Salzburg und Baden-Baden. In der Rückschau beeindruckt die stilistische Bandbreite seines Repertoires. Er bediente sämtliche Stilrichtungen und Genres: Klassik, Romantik, Moderne, Neue Musik, Symphonisches, Oper, Oratorium. In der bald 55-jährigen Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern gelingt es Zubin Mehta immer wieder, mit Neuem, Unkonventionellem zu überraschen: Man denke nur an seinen letzten Auftritt im September 2015, bei dem er neben Camille Saint-Saëns’ Orgelsymphonie und Erich Wolfgang Korngolds Violinkonzert das Zwischenspiel aus der Oper Notre Dame von Franz Schmidt aufs Programm setzte, einem heute nahezu unbekannten Komponisten, der während der Ära Mahler Cellist im Wiener Hofopernorchester war.

Frühe Begeisterung für westliche Musik

Obwohl Zubin Mehta in einer Kultur aufgewachsen ist, für die der Zugang zur und die Beschäftigung mit westlicher Musik keine Selbstverständlichkeit ist, wurde der Grundstein für seine musikalische Laufbahn bereits im Elternhaus gelegt: Mehtas Vater Mehli, ein Geiger und Dirigent sowie Gründer des Bombay Symphony Orchestra, setzte alles daran, seinen Sohn für die klassische Musik zu begeistern und ihm eine solide musikalische Ausbildung zu geben. Das handwerkliche Know-how für den Dirigentenberuf erwarb sich Zubin Mehta, der als wichtigste Vorbilder Wilhelm Furtwängler und Arturo Toscanini nennt, während seines Studiums an der Wiener Musikakademie. Zu Beginn der 1960er-Jahre startete Zubin Mehta, der 1958 den internationalen Dirigierwettbewerb in Liverpool gewonnen hatte, künstlerisch durch – auf mehreren Ebenen. Nicht nur, dass in diese Zeit die eingangs erwähnten Debüts bei den Wiener und Berliner Philharmonikern fielen, er wurde Chef des Orchestre Symphonique de Montréal und des Los Angeles Philharmonic Orchestra, außerdem dirigierte er als Einspringer für den erkrankten Eugene Ormandy erstmals das Israel Philharmonic Orchestra. Ein schicksalhaftes Ereignis. Mehta und die Musiker entbrannten sofort füreinander, gleichzeitig erlebte der Dirigent hautnah die politischen Konflikte in Israel und versteht seither seine künstlerische Arbeit auch als Mittel der Völkerverständigung. 1969 wurde er Berater, 1977 Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra, schließlich 1981 Musikdirektor auf Lebenszeit.

Künstlerische Ankerpunkte

Wenn Zubin Mehta ein Amt annimmt, bleibt er meist lange: Von 1978 bis 1991 war er Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, von 1998 bis 2006 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, seit 1985 ist er Chef des Maggio Musicale in Florenz. Mehta, der im Laufe seines Lebens mit Ehrungen und Auszeichnungen überhäuft wurde, darunter der »Nikisch-Ring« und der Furtwängler-Preis, kennt – salopp gesagt – die internationale Konzert- und Opernszene wie seine Westentasche. Gleichwohl sorgte er all die Jahre dafür, dass es in diesem bewegten Leben einige wenige, aber wichtige künstlerische Ankerpunkte gibt. Die Berliner Philharmoniker sind, wie er immer wieder in Interviews betont, einer von ihnen.