»Wenn es irgendetwas gibt, das die Romantik definiert und die Mitte des 19. Jahrhunderts ausmacht, dann ist es dieses Werk – für alle Künste. Diese Oper ist wie eine Atombombe«, meint Sir Simon Rattle über Richard Wagners Tristan und Isolde, jenes Musikdrama, das das Herzstück der diesjährigen Osterfestspiele Baden-Baden bildet. Für Rattle, der seine Begeisterung für Wagners Musik bereits als Teenager entdeckte, ist es das dritte Mal, dass er sich dem Tristan widmet. 2001 dirigierte er in Amsterdam eine Neuproduktion der Niederländischen Oper, 2009 folgte eine Aufführungsserie an der Wiener Staatsoper, wo er auch die Gelegenheit hatte, Gustav Mahlers Dirigierpartitur des Tristan mit dessen Aufführungsanweisungen und dynamischen Eintragungen sowie das Notenmaterial von Carlos Kleiber zu studieren. Nun bereitet er die Baden-Badener Opernneuinszenierung vor, in der Eva-Maria Westbroek und Stuart Skelton das Liebespaar singen und Mariusz Treliński Regie führt. Nach dem Festival gibt es noch zwei konzertante Vorstellungen in der Philharmonie.

Makellose Klangkultur

Damit setzen die Berliner Philharmoniker eine Tradition fort. Denn seit der Ära Wilhelm Furtwänglers hat das Orchester Wagners Meisterwerk mit jedem seiner Chefdirigenten aufgeführt. Das erste Mal während eines Gastspiels im Juni 1932 am Théâtre National de l’Opera Paris. Außerdem gab es 1943, während des Zweiten Weltkriegs, eine Aufführung an der Berliner Staatsoper mit Robert Heger als Dirigent. Nach der Gründung der Osterfestspiele 1967 spielten die Berliner Philharmoniker Tristan und Isolde erstmals im März 1972 in Salzburg unter der Leitung Herbert von Karajans. Das Ereignis wurde mit Spannung erwartet, denn Karajan hatte nicht nur die musikalische, sondern auch die szenische Leitung. Das Bühnenbild stammte von Günther Schneider-Siemssen. Das Presseecho auf die Aufführungen war durchaus zwiespältig: Karajans Regie, die viele Kritiker als Gegenentwurf zu der symbolistischen Deutung der Bayreuther Festspiele verstanden, stieß auf Ablehnung. Vor allem seine Personenführung fand man antiquiert. Auch die sängerischen Qualitäten der beiden Hauptdarsteller, Helga Dernesch als Isolde und Jon Vickers als Tristan, würden – so die Kritiker – den Schwierigkeiten der Partien nicht vollkommen gerecht. Uneingeschränkte Bewunderung erregte jedoch die musikalische Darbietung der Berliner Philharmoniker. »Das Erlebnis des differenzierten, in feinste Nuancen schattierten Orchesterklangs ist der schönste Eindruck des Abends« (Der Tagesspiegel). Nur wenige Monate vor den Festspielen hatten das Orchester und Karajan den gesamten Tristan auf Schallplatte eingespielt. Die Aufzeichnung gilt noch heute als Referenzaufnahme. Im folgenden Jahr stand das Werk wieder auf dem Programm der Osterfestspiele und auch bei dieser Reprise war es vor allem das Spiel des Orchesters, das Publikum und Presse begeisterte.

Neue Sichtweise

Anders als Herbert von Karajan, der 1937 und 1938 mit Tristan und Isolde seine Debüts an der Wiener und Berliner Staatsoper bestritt und der das Werk seither immer wieder u. a. bei den Bayreuther Festspielen dirigierte, wagte sich Claudio Abbado erst sehr spät, im Alter von 65 Jahren, an eine öffentliche Darbietung. Im November 1998 präsentierte er zunächst mit den Berliner Philharmonikern eine konzertante Aufführung in Berlin, sozusagen als Vorbereitung für die szenische Darstellung bei den Osterfestspielen 1999 in der Regie von Klaus Michael Grüber. Deborah Polaski und Ben Heppner waren die Interpreten von Isolde und Tristan, Brangäne und König Marke sangen Marjana Lipovšek und Matti Salminen. Abbado hatte sich im Vorfeld intensiv mit der kurz zuvor publizierten kritischen Neuausgabe der Oper auseinandergesetzt. Um seine Klangvorstellungen zu realisieren, nahm er eine ganz eigene, bislang ungewohnte Orchesteraufstellung vor und ihm gelang eine analytisch durchdachte, klare und gleichzeitig neue Lesart des Werks. »Keine Phrase wirkt abgegriffen, kein Klang aus der Tradition geschöpft« (Die Welt). Emotional dicht und doch transparent – so der Tenor der Presse – sei der Tristan, den die Berliner Philharmoniker unter Abbados Leitung erarbeitet hatten. Im Jahr 2000 nahmen das Orchester und sein Chef die Oper mit auf ein Gastspiel nach Tokio. Dieses Mal stand nicht Ben Heppner, sondern Jon Frederic West als Tristan an der Seite von Deborah Polaski. Die drei Aufführungen in der Bunka Kaikan Halle waren innerhalb von drei Stunden ausverkauft.