Nach langer, krankheitsbedingter Pause steht Seiji Ozawa wieder am Pult der Berliner Philharmoniker – pünktlich um gemeinsam mit ihnen die 50-jährige freundschaftliche Zusammenarbeit zu feiern, die Dirigent und Orchester verbindet. 1966 gab Seiji Ozawa nahezu zeitgleich mit Claudio Abbado sein philharmonisches Debüt. Beide waren Entdeckungen Herbert von Karajans und die Presse überschlug sich in ihrem Lob über das untrügliche Gespür des Maestros für herausragende Talente. Seiji Ozawa, Sieger des Dirigentenwettbewerbs in Besançon, Kussewitzky-Preisträger sowie ehemaliger Assistent von Karajan und Leonard Bernstein, war damals gerade seit einem Jahr Musikalischer Leiter des Toronto Symphony Orchestra und hatte sich kurz vorher glänzend in Salzburg eingeführt. Im Vergleich zu dem eleganten Abbado wirkte der zierliche Japaner mit der mächtigen Haarmähne wie ein Hippie. »Kolibrihaft« – so hieß es in einer Kritik – würde er sich vor dem Orchester bewegen, aber seine »gestalterische Energie« sei genial und man feierte ihn als »dirigierenden Paganini«. Er leitete Beethovens Symphonie Nr. 1, Schumanns Klavierkonzert und Hindemiths Symphonie Mathis der Maler – eine Programmzusammenstellung, die auch typisch für kommende Konzerte werden sollte.

Klassisch, romantisch, modern

Denn wann immer Ozawa ans Pult der Berliner Philharmoniker trat – und das tat er seither oft und regelmäßig – gab es Klassisch-Romantisches, häufig mit einer Prise Moderne gewürzt. Das Berliner Publikum machte er im Laufe der Jahre zudem mit Werken seiner japanischen Landsleute bekannt: mit Takemitsus November Steps und Requiem sowie Ishiis Polaritäten für Orchester; aber auch mit Messiaens Oper Saint François d’Assise, die der Dirigent 1983 in Paris uraufgeführt hatte und von der er drei Jahre später Auszüge in einem philharmonischen Konzertprogramm vorstellte. Seiji Ozawa ist wohl der erste Japaner, der es als Dirigent zu Weltruhm gebracht hat. Das profunde Verständnis für die westliche klassische Musik erhielt er von seinem Lehrer und Mentor Hideo Saito, der ihn an der Toho Musikhochschule in Tokio unterrichtete. Hideo Saito – so Ozawa in einem Interview für die Digital Concert Hall – verdanke er viel: In einer Zeit, in der es in Japan noch so gut wie keine Kenntnisse der westlichen Musikkultur gab, vermittelte Saito, der in Deutschland studiert hatte, seinem Schüler das Wesentliche der klassischen Musik. Herbert von Karajan habe ihn vor allem bei der Erarbeitung eines repräsentativen Repertoires geholfen.