Das letzte Paris-Gastspiel der Berliner Philharmoniker liegt noch gar nicht lange zurück: Am 18. Februar 2015 traten das Orchester und Sir Simon Rattle zum ersten Mal in der Philharmonie auf. Das neue Konzerthaus, von dem Architekten Jean Nouvel im 19. Arrondissement auf einem ehemaligen Schlachthofgelände errichtet, war erst vier Wochen vorher eröffnet worden, und das Konzert der Berliner, bei dem Helmut Lachenmanns Tableau für Orchester und Gustav Mahlers Auferstehungssymphonie erklangen, beeindruckte sehr. Konzerte wie diese – so der Tenor der Presse – seien bestens dazu geeignet, die neue, an der Pariser Peripherie gelegen Philharmonie zu einem Ort zu machen, zu dem man hingehen muss. Gefeiert wurde auch die wunderbare Akustik, die den Klang der Philharmoniker luxuriös zum Strahlen brachte. Dieses Konzertereignis bildete einen vorläufigen Höhepunkt in der langen und intensiven Beziehung, die das Orchester und das Publikum der Seinemetropole verbindet.

Ungünstige Umstände, künstlerischer Triumph

Das erste Gastspiel der Philharmoniker unter Leitung des damaligen Chefdirigenten Arthur Nikisch im Mai 1897 fand unter ganz anderen Umständen statt: Noch war in der Pariser Bevölkerung der Schmerz über den verlorenen Deutsch-Französischen Krieg nicht ganz überwunden und der Polizeipräsident befürchtete Ausschreitungen gegen die Musiker aus Deutschland. Aus diesem Grund wollte er die fünf Konzerte im Cirque d’hiver nur genehmigen, wenn auf den Plakaten der Hinweis »Berlin« gestrichen wird. Doch Dank des diplomatischen Geschicks des Konzertagenten Hermann Wolff durfte das Orchester auftreten – obgleich immer noch Berlin auf den Plakaten stand. Und noch etwas trübte dieses erste Gastspiel: Am Tag vor dem ersten Konzert war während eines Wohltätigkeitsbazars ein Brand ausgebrochen, bei dem viele Menschen starben. Ganz Paris stand unter Schock, viele Bühnen hatten ihren Spielbetrieb eingestellt. Arthur Nikisch reagierte auf das Ereignis, indem er die Dritte Symphonie von Beethoven auf das Programm setzte und seine Musiker den Trauermarsch stehend spielend ließ. Gab es zu Beginn des Konzerts von einem Besucher noch wütende Pfiffe, klatschte das Publikum am Ende enthusiastisch Beifall. Die Berliner Philharmoniker hatten sich eine treue Fangemeinde erobert. Zwei Mal kehrte das Orchesters in der Ära Nikisch nach Paris zurück: 1901 mit seinem Chef und 1908 unter Leitung von Richard Strauss.

»Außenstelle« Paris

Nach diesem vielversprechenden Anfang gab es, bedingt durch den Ersten Weltkrieg und seine Folgen, eine zwanzigjährige Pause, ehe die Philharmoniker im Mai 1928 wieder in Paris zu hören waren. Dieses Mal spielten sie in der Salle Pleyel unter Leitung von Wilhelm Furtwängler Werke von Georg Friedrich Händel, Ludwig van Beethoven, Richard Strauss und Richard Wagner. Im Vorfeld des Konzerts wurden große Erwartungen geschürt, die – laut Presseberichten – bei weitem übertroffen wurden. In den folgenden Jahren kamen das Orchester und sein Chefdirigent mindestens ein Mal im Jahr nach Paris, sie traten in verschiedenen Spielstätten auf: in der Salle Pleyel, dem Théâtre des Champs-Élysées und in der Opéra Garnier. Bei seinen Konzerten spielte das Orchester in der Regel deutsches Repertoire, wobei der Schwerpunkt auf Werken von Beethoven und Wagner lag. Während des Zweiten Weltkriegs gaben die Philharmoniker unter Dirigenten wie Eugen Jochum und Hans Knappertsbusch regelmäßig Konzerte in der französischen Hauptstadt.

Gefeierte Beethoven- und Brahms-Zyklen

In der Ära Herbert von Karajans blieb Paris ebenfalls eines der wichtigsten Reiseziele der Berliner Philharmoniker. Karajan war es auch, der den Parisern 1960 erstmals einen kompletten Beethoven-Zyklus mit den Philharmonikern bot. Gespielt wurden alle neun Symphonien, außerdem die Egmont- und die Coriolan-Ouvertüre. Ganz Paris war begeistert. Karajans Beethoven-Interpretation sei – so die Presse – eine glückliche Synthese zwischen der Kraft Toscaninis und der Tiefe Furtwänglers. Drei Jahre später folgte ein Brahms-Zyklus. Fanden diese beiden Zyklen im Théâtre des Champs-Élysées statt, so wurde in den folgenden Jahren die Salle Pleyel zum Auftrittsort der Philharmoniker. 1967/1968 entstanden dort zwei der drei Filmaufzeichnungen, die Karajan als Interpret Johann Sebastian Bachs zeigen. Claudio Abbado griff 1992 die von Karajan initiierte Idee eines Komponisten-Zyklus wieder auf und präsentierte mit den Philharmonikern nicht nur alle Symphonien von Johannes Brahms, sondern auch seine Konzerte, die Haydn-Variationen und das Deutsche Requiem. In diesen Tagen sind die Berliner Philharmoniker wieder mit einem Zyklus zu Gast in Paris: In der neuen Philharmonie interpretieren sie unter der Leitung von Sir Simon Rattles alle neun Symphonien Ludwig van Beethovens.