»Nikolaus Harnoncourt, Ehrendirigent der Berliner Philharmoniker und Träger der Hans-von-Bülow-Medaille, hat wie kaum ein anderer die Lebendigkeit der klassischen Musik verkörpert. Das bloße Verwalten von Traditionen war ihm ein Graus. Mit nie nachlassender Neugier und Frische hat er Notentexte immer wieder neu beleuchtet und befragt. Auf diese Weise haben wir unendlich viel von ihm gelernt – auch und gerade mit Blick auf Repertoire, mit dem wir uns von je her beschäftigt haben. Dieser Prozess war für uns umso anregender, als er sich nie in philologischer Erörterung erschöpft hat. Vielmehr war es Nikolaus Harnoncourt gegeben, sein erstaunliches Wissen in hinreißend vitales Musizieren zu verwandeln. Noch sein letztes Konzert bei uns, ein Beethoven-Abend im Oktober 2011, war von ungeminderter Intensität und wird uns als ein Höhepunkt unserer Zusammenarbeit in Erinnerung bleiben. Nikolaus Harnoncourt war ein im wahrsten Sinne des Wortes unvergleichlicher Musiker und ein wunderbarer, enger Freund der Berliner Philharmoniker. Wir werden ihn sehr vermissen.« Ulrich Knörzer und Knut Weber, Mitglieder des Orchestervorstands

Die Berliner Philharmoniker trauern um Nikolaus Harnoncourt, der am 5. März im Alter von 86 Jahren gestorben ist. Harnoncourt vereinte mehrere musikalische Karrieren: Für die breite Öffentlichkeit am spektakulärsten erscheint die des Alte-Musik-Spezialisten, der mit seiner unbändigen Neugier, seinen unkonventionellen Ideen und dem von ihm gegründeten Ensemble Concentus Musicus die Aufführungspraxis von Renaissance- und Barockmusik revolutionierte. Dann gab es die Laufbahn des Orchestermusikers, die sein Leben 17 Jahre lang, von 1952 bis 1969 als Cellist der Wiener Symphoniker, bestimmte, außerdem die des Pädagogen, Buchautors und schließlich die des gefeierten Dirigenten.

Fruchtbare Zusammenarbeit

In dieser Funktion verband ihn eine 20-jährige fruchtbare Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern. 1991 debütierte Nikolaus Harnoncourt am Pult des Orchesters mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart. Bereits zwei Jahre später kehrte er mit einem klassisch-romantischen Programm zurück, bei dem neben Joseph Haydns Symphonie Nr. 102 Felix Mendelssohn Bartholdys Schottische sowie Franz Schuberts Ouvertüre zur Zauberharfe und vier seiner Lieder in einer von Johannes Brahms orchestrierten Fassung erklangen. »Musikalisch produktiver, besser, begeisternder dürfte in letzter Zeit kaum ein Gastdirigent mit dem Orchester gearbeitet haben«, hieß es anschließend in einer Kritik.

Und immer wieder Schubert

Im Laufe der Jahre realisierten Nikolaus Harnoncourt und die Berliner Philharmoniker 90 Konzerte bzw. 29 Programme in Berlin und bei den Osterfestspielen in Salzburg. Von Händel und Bach über Haydn und Beethoven bis Bruckner reichte das aufgeführte Repertoire. Den musikalischen Schwerpunkt bildeten allerdings die Werke romantischer Komponisten: Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und vor allem Franz Schubert, dessen Werke er immer wieder gerne auf das Programm setzte. Das dokumentiert auch die 2015 veröffentlichte Schubert-Edition der Berliner Philharmoniker mit sämtlichen Symphonien des Komponisten, sowie die beiden letzten Messen und die Oper Alfonso und Estrella. Unvergessen sind sein Beethoven- und Brahms-Zyklus sowie 2009 die konzertante Aufführung von Joseph Haydns Dramma eroicomico Orlando Paladino. Bei seinen letzten Konzerten mit dem Orchester 2011 dirigierte Nikolaus Harnoncourt Ludwig van Beethovens Fünfte Symphonie und dessen C-Dur Messe. »Wahrlich ein Monument der eigenwilligen, wegweisenden Interpretation« schrieb der Kritiker der Berliner Morgenpost.

Ein gebürtiger Berliner

Zum Dirigieren kam Nikolaus Harnoncourt, 1929 in Berlin geboren und in Graz aufgewachsen, weil es ihn als Cellist ärgerte, Interpretationen zu verwirklichen, die er nicht nachvollziehen konnte. Seine Erfahrungen als Orchestermusiker – so Harnoncourt in einem Interview für die Digital Concert Hall – habe seine Arbeit als Dirigent entscheidend beeinflusst. Ihm sei es wichtig, den Musikern zu vermitteln, warum er eine Komposition so und nicht anders gespielt haben möchte: »Das bin ich ihnen als Dirigent schuldig.« Musizieren auf Augenhöhe – das galt ihm, den die Berliner Philharmoniker 2014 zum Ehrenmitglied ernannten, als Ideal.

»Der Verlust von Nikolaus Harnoncourt so kurz nach dem Tod von Pierre Boulez lässt uns alle erschüttert zurück. Diese beiden außergewöhnlichen Menschen, die auf so unterschiedliche Weise unser Hören und Erleben von Musik verändert haben, waren für viele von uns die Eckpfeiler unserer musikalischen Philosophie. Nikolaus hat mit seiner rastlosen und unersättlichen Neugier das Musikmachen unserer Zeit dauerhaft geprägt. Dieser Mann brannte für die Musik und steckte alle um ihn herum mit seiner unwiderstehlichen Intensität an. Zu seinen letzten Konzerten mit den Berliner Philharmonikern gehörte eine unvergessliche Fünfte Symphonie von Beethoven. Ich war bei einer dieser Aufführungen im Publikum unmittelbar bevor ich ein Late-Night-Konzert leiten sollte – im Nachhinein keine weise Entscheidung… Ich war immer noch tief beeindruckt von der Symphonie, während ich versuchte zu dirigieren.

Die Wirkung seines Konzerts auf uns alle glich einem Vulkanausbruch. Ich habe so viele Erinnerungen an seine unglaubliche Großzügigkeit: Es gab bei ihm keine Entdeckung oder Idee, die er nicht bereit gewesen wäre mit anderen zu teilen oder sie gemeinsam weiterzuentwickeln. Als echter Aristokrat behandelte er jeden als ebenbürtig – eine entwaffnende Erfahrung für uns alle. Seine Konzerte waren immer ohne Netz und doppelten Boden, er verließ sich nur auf sein ungeheures Wissen, gepaart mit ebensolchen Überzeugungen, die sich von Jahr zu Jahr ändern konnten, je nachdem, was er gerade Neues entdeckt hatte. Ich habe selten Musizieren mit solch unbeugsamer Lebensfreude und Originalität erlebt wie bei ihm – immer sehr persönlich und zugleich quasi selbstlos. Mein lieber Nikolaus, wir alle schulden dir tiefe Dankbarkeit. Wie soll es ohne dich weitergehen?« Sir Simon Rattle