Wenn Kirill Gerstein in die Tasten greift, wirken selbst die wuchtigsten Passagen transparent und fast schwerelos. Sein Spiel besitzt Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, gleichzeitig erscheint jede Note wohl platziert, jeder Takt vollkommen durchdacht. Es gebe – so der Künstler einmal in einem Interview – in den Werken großer Komponisten keine »Nebensächlichkeiten«. Diese Einstellung, das merkt der Hörer sofort, prägt sein Musizieren. Nach seinem Konzertdebüt beim Züricher Tonhalle-Orchester im Jahr 2000 nahm die internationale Konzertkarriere des jungen Russen rasant Fahrt auf: 2001 gewann Kirill Gerstein den Internationalen Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv, im Jahr darauf wurde er mit dem Gilmore Young Artist Award ausgezeichnet, es folgten umjubelte Debüts u. a. bei der Staatskapelle Dresden, den Münchner und den Wiener Philharmonikern, dem Cleveland Orchestra, dem Los Angeles und dem New York Philharmonic, außerdem bei den Salzburger Festspielen und dem Lucerne Festival. 2010 erhielt er den Gilmore Artist Award und nutzte das Preisgeld von 300.000 Dollar, um Kompositionsaufträge an Timothy Andres, Chick Corea, Alexander Goehr, Oliver Knussen und Brad Mehldau zu vergeben. Heute zählt der Musiker zu den spannendsten Pianisten seiner Generation.

Jazz oder Klassik?

1979 in Woronesch als Sohn eines Mathematiklehrers und einer Musiklehrerin geboren, wuchs Gerstein, der bereits im Alter von zwei Jahren mit dem Klavierspiel begann, in zwei musikalischen Welten auf: der Klassik und dem Jazz. Anfänglich schien es, als ob der Jazz ihn mehr faszinierte. 14-jährig kam er als jüngster Stipendiat nach Boston ans Berklee College of Music, um sich als Jazzpianist ausbilden zu lassen. Zwei Jahre später entschied er sich jedoch für die klassische Musik, studierte zunächst bei Solomon Mikowsky an der Manhattan School of Music, später bei Dmitri Bashkirov an der Escuela Superior de Música Reina Sofía. Seit 2007 unterrichtet Kirill Gerstein selbst – als Professor an der Musikhochschule in Stuttgart, eine Tätigkeit, die, wie er zugibt, nicht ganz uneigennützig ist. Nirgendwo würde er selbst so viel lernen wie beim Unterrichten, er bekäme dadurch die Gelegenheit, sich nochmal ganz anders mit den Kompositionen auseinanderzusetzen. Als Kammermusiker konnte man den Pianisten bereits in einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker erleben: Gemeinsam mit seinen Partnern, dem Geiger Kolja Blacher und dem Cellisten Clemens Hagen, präsentierte er im Mai 2013 Klaviertrios von Haydn, Beethoven und Schubert. Dieser Auftritt sei, so der Kritiker im Kulturradio des Rundfunks Berlin-Brandenburg, eine Sternstunde der Kammermusik gewesen.

Hinterfragen von Aufführungstraditionen

Im April 2016 gibt er nun unter Leitung von Semyon Bychkov sein Debüt in den Orchesterkonzerten der Berliner Philharmoniker – mit dem Zweiten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. »Es ist eines jener vielgespielten Werke, bei denen es unbedingt notwendig ist, genau in die Partitur zu schauen und bekannte Aufführungstraditionen zu hinterfragen«, meint der Pianist. »Beeinflusst von Tschaikowsky, enthält dieses Konzert, im Vergleich zu den späteren, eine Fülle von jugendlichem, unschuldigem Lyrismus. Die Art der Rubati und dynamischen Balance erlaubt eine kammermusikalische Zusammenarbeit zwischen Dirigent, Orchester und Solist. Ich kann mir keine besseren Partner als Semyon Bychkov und die Berliner Philharmoniker vorstellen, um dieses wundervolle Stück gemeinsam zu erforschen und zu interpretieren.« Aufführungstraditionen zu hinterfragen – auch das ist ein Markenzeichen von Kirill Gerstein. Erst jüngst hat er auf Grundlage einer neuen Urtextedition die Originalfassung von Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert vorgestellt, die transparenter und lyrischer erscheint als die bislang gebräuchliche Version.