Jean Sibelius, dessen Geburtstag sich im Dezember 2015 zum 150. Mal jährte, gilt als der große Komponist Finnlands, der mit seinen durch den National-Epos Kalevala inspirierten Tondichtungen dem Land ein eigenes Klangidiom gegeben hat. Kaum einer würde allerdings den Finnen mit Berlin in Verbindung bringen. Dabei spielte die deutsche Metropole in Sibelius’ künstlerischen Werdegang eine wichtige Rolle. Das macht der zweite Philharmonische Salon dieser Saison, der unter dem Motto »Sibelius in Berlin« steht, anhand von Texten und Musik deutlich. Gäste des von Götz Teusch konzipierten Konzerts sind das Philharmonia Quartett sowie der Schauspieler und Sprecher Heikko Deutschmann.

In Berlin als Student...

Sibelius verlebte als Student zwischen Herbst 1889 und Sommer 1890 einige Monate in Berlin und empfing in dieser Zeit inspirierende Eindrücke.  Der damals 24-Jährige durchlebte eine Zeit des Zweifelns und der Depression, relativ unmotiviert, etwas Eigenes zu schaffen, trotzdem interessierte ihn das Berliner Kulturleben, von dem die Konzerte des Philharmonischen Orchesters ein wichtiger Teil waren. Besonders die Aufführung des Don Juan von Richard Strauss unter Hans von Bülow beeindruckte ihn sehr. »Die größte Bedeutung meines Berliner Aufenthalts lag darin, dass ich so viel hören konnte, sowohl Orchester- als auch Kammermusik.«

... und als Dirigent

Zwölf Jahre später, im November 1902, spielten die Berliner Philharmoniker zum ersten Mal ein Werk des Finnen: die Tondichtung En saga, die Sibelius selbst dirigierte. Es folgten 1904 Finlandia und 1905 die Aufführung der Zweiten Symphonie. »Die Symphonie ist ein Werk, dessen Bekanntschaft zu machen sich lohnte«, heißt es in einer Konzertbesprechung. Vor allem die Orchesterbehandlung zeige, so der Kritiker, »dass es mit dem klassischen Symphonieorchester noch immer möglich ist, eine Menge durchaus unverbrauchter, neuartiger Klangwirkungen zu erzielen.« Allerdings finden sich Sibelius Werke nicht in den Programmen der renommierten philharmonischen Abonnementkonzerte, sondern in den weit weniger frequentierten »Novitäten-Konzerten«, die der Komponist Ferruccio Busoni, ein Freund Sibelius’, künstlerisch betreute. Erst 1911 dirigierte Arthur Nikisch, der damalige Chefdirigent des Orchesters, im Rahmen der großen philharmonischen Konzerte die Tondichtung Finlandia. Ab den 1920er- und 30er-Jahren stehen Sibelius’ Kompositionen öfter auf den Programmen der Philharmoniker, u.a. unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler, Thomas Beecham und Eugen Jochum. Im März 1941 dirigiert Clemens Krauss ein Festkonzert zum 75. Geburtstag des Komponisten.

Geschätzte Symphonien, beliebtes Violinkonzert

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem Sergiu Celibidache und später dann Herbert von Karajan, die bei den Berliner Philharmonikern immer wieder Werke des Komponisten interpretierten. Heute haben die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle einen Chefdirigenten, dem Sibelius’ Œuvre besonders am Herzen liegt. Bereits in der Saison 2010/2011 gab es einen Zyklus seiner Symphonien; zum 150. Geburtstag wiederholten sie ihn und veröffentlichen sämtliche Symphonien auf CD und Blu-ray. Das Werk von Sibelius, das die Berliner Philharmoniker jedoch am häufigsten aufgeführt haben, ist das Violinkonzert: Im Oktober 1905 leitete Richard Strauss die Uraufführung der Neufassung. Der Solist war Carl Halir, damaliger Konzertmeister der Königlichen Hofkapelle. »Ein mit Fantasie geschriebenes, in Farbe und Zeichnung gleich fesselndes Werk«, urteilte der Kritiker des Musikalischen Wochenblatts. Viele Geiger haben seither mit dem Konzert bei den Philharmonikern brilliert, angefangen von Franz von Vecsey, dem Schüler Joseph Joachims und Widmungsträger des Werks, bis hin zu Pinchas Zukerman, Itzhak Perlman, Gidon Kremer und – in jüngerer Zeit – Nikolaj Znaider und Leonidas Kavakos.