1957 gastierten die Berliner Philharmoniker zum ersten Mal in Japan – als erstes großes europäisches Symphonieorchester. Nach zwei erfolgreichen Tourneen durch die USA wollten sie, angeführt durch ihren neuen Chefdirigenten Herbert von Karajan, nun auch das Land der aufgehenden Sonne erobern. Diese Reise hatte – schenkt man den damaligen Presseberichten Glauben – nicht allein eine kulturelle, sondern auch eine politische Dimension. In einer Zeit, in der die Welt durch den Kalten Krieg in eine östliche und eine westliche Hemisphäre gespalten war, sollten über solche musikalischen Ereignisse die Verbundenheit zwischen Japan und Deutschland unterstrichen werden. Die japanischen Musikfans erwarteten die Gäste aus Deutschland mit Spannung und Freude. Karajan und seinen Musikern stand ein straffer Zeitplan bevor: In knapp drei Wochen galt es, 16 Konzerte in acht Städten zu geben. Allein sieben Konzerte waren in Tokio angesetzt, wo es bereits drei Stunden nach Vorverkaufsbeginn keine Karten für die Veranstaltungen mehr gab. Die Highlights der klassischen Musik standen auf den Programmen dieser Konzerte, u. a. Vorspiele aus Opern von Richard Wagner und Carl Maria von Weber, die bekanntesten Symphonien von Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms und Antonín Dvořák sowie Tondichtungen von Richard Strauss und Bedřich Smetana. Diese erste Japan-Tournee, bei der Karajan und die Philharmoniker wie Popstars gefeiert wurden, legte den Grundstein für die gegenseitige Zuneigung, die Land und Orchester seither verbindet.

Begeisterung mit Beethoven und Brahms

Fast zehn Jahre dauerte es, ehe Karajan und die Berliner Philharmoniker wiederkamen. Dieses Mal brachten sie ihren gefeierten Beethoven-Zyklus mit, mit dem sie schon in Paris, London und New York Triumphe gefeiert hatten. Und auch das japanische Publikum war sich einig: So lebendig, transparent und gleichzeitig so beseelt habe man Beethovens Symphonien noch nie gehört. »Es ist nicht so, dass Beethoven Karajan beherrscht, sondern Karajan beschwört Beethoven«, hieß es in einer Zeitungskritik. Bei der Tournee von 1977 gab es dann sogar zwei komplette Zyklen: Anlässlich des 20. Jahrestages des ersten Japan-Gastspiels sowie des 80. und 150. Todestages von Brahms und Beethoven widmeten sich die Berliner Philharmoniker den symphonischen Werken beider Komponisten – Brahms in Osaka und Beethoven in Tokio. Karajan besaß mittlerweile in Japan den Status eines Halbgotts, schier grenzenlos war die Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde. Der Dirigent wiederum war beeindruckt von der hohen Konzentrationsfähigkeit seines Publikums, das damals – auch das wird in den Presseberichten immer wieder erwähnt ¬– vor allem aus jungen Männern zwischen 17 und 30 Jahren bestand. Während der Gastspielreisen entwickelten sich zwischen den Musikern und den Japanern zahlreiche private Kontakte und Freundschaften, eine davon ist die Verbindung zur Waseda-Universität und ihrem engagierten Studentenorchester. Insgesamt zehn Mal reisten die Berliner Philharmoniker während der Ära Karajan nach Japan, nur ein einziges Mal stand ein anderer Dirigent am Pult: Seiji Ozawa leitete das Orchester 1986 im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten der Suntory Hall in Tokio, die nach dem Vorbild der Berliner Philharmonie entstand.

Neuer Klang, neues Repertoire

Doch das blieb, ebenso wie zwei Konzerte, die Mariss Jansons während der philharmonischen Gastspielreise 2000 in Tokio und Yokohama dirigierte, eine Ausnahme. Auch für Karajans Nachfolger waren die Japan-Tourneen der Philharmoniker »Chefsache«. 1992 blickten japanische Fans wie Philharmoniker mit Neugier und Bangen dem ersten Gastspiel unter der Leitung Claudio Abbados entgegen. Konnte er die Erwartungen erfüllen, zumal er sich mit dem Programm, einem Brahms-Zyklus, auf ein Terrain begab, auf dem sein Vorgänger Maßstäbe gesetzt hatte? Abbado gelang es, sämtliche Erwartungen zu übertreffen. Die japanische Presse konstatierte einen neuen Klang des Orchesters und man nahm auch die Verjüngung der Mitglieder wahr. Ein führender Musikkritiker der Zeitung Asahi Shinbun bemerkte, dass zum Ende der Karajan-Zeit die Aufführungen nicht mehr so gespannt gewesen seien, doch unter Abbado seien »die frühere Lebendigkeit, Stärke, Vollkommenheit und Reinheit zurückgekehrt«. Für die Philharmoniker war es wichtig – so der damalige Orchestervorstand Hellmut Stern – zu demonstrieren, dass »die Welt nach dem Tod Karajans nicht untergegangen ist«. Auch wenn Abbado klanglich einen frischen Wind mitbrachte, so änderte sich programmatisch bei den Japan-Gastspielen eher wenig. Die Säulen blieben Beethoven, Brahms und das spätromantische Repertoire. Eine Wandlung trat erst in der Amtszeit Simon Rattles ein, der bei seiner ersten Tournee 2004 zwei Komponisten auf das Programm setzte, die das Orchester bislang noch nie in Japan gespielt hat: Joseph Haydn und Magnus Lindberg. Gerade die Neue Musik bekam unter Rattle einen besonderen Stellenwert in den Tour-Programmen: Thomas Adés, Toshio Hosokawa, Pierre Boulez. »Auf jeder Tour versuchen wir, auch mindestens ein großes zeitgenössisches Stück zu spielen«, erzählte Simon Rattle bei der letzten Japan-Tournee 2013 in einem Interview. Beim diesjährigen Gastspiel steht wieder nur ein einziger Komponist im Zentrum: Ludwig van Beethoven, dessen neun Symphonien die Philharmoniker und ihr Chef in Tokio interpretieren. Auch diese Tradition will gewahrt bleiben ...