Das Horn ist kein Instrument für schwache Nerven – darüber herrscht bei den Hornisten der Berliner Philharmoniker Einigkeit. »Das Ding sieht schöner aus und klingt geiler als alle anderen Instrumente und ist zugleich eine unberechenbare, gefährliche Bestie«, meint Fergus McWilliam. Was das Horn so unwägbar macht? Es sei – so die Musiker – schwierig die Töne richtig und exakt zu treffen. Daher wird das Horn auch gerne als »Tonsuchgerät« oder »Glückspirale« bezeichnet. »Wenn man hineinbläst, kommt nicht immer das raus, was man möchte«, gesteht Sarah Willis. »Es gibt so viele Bögen, in denen sich das Kondenswasser sammeln kann. Und dann besteht die Gefahr des Kieksen.« »Das alleine wäre nicht schlimm«, ergänzt Georg Schrekenberger, »aber jeder hört es.« Und daher könne, wenn etwas schief geht, kein anderes Instrument so schnell ein Konzert kaputtmachen wie das Horn. Solo-Hornist Stefan Dohr, der als Neunjähriger ein kleines Jagdhorn geschenkt bekommen und sich gleich beim ersten Ton darin verliebt hat, verweist auf die physischen Herausforderungen des Instruments. »Am Ende eines langen Mahler- oder Bruckner-Programms kann es durchaus vorkommen, dass die Lungen leer und die Lippen taub sind; aber das ist es nach solch grandioser Musik allemal wert.«

Romantisch, intim, heldisch

Physisch fordernd und in der Tongebung unzuverlässig, doch davon abgesehen ist das Horn, das über eine Tonspanne von vier Oktaven verfügt, ein wunderbares Instrument – wegen seiner Vielseitigkeit, seiner Flexibilität und seines einzigartigen Tons, der zärtlich schmeicheln und heldisch schmettern kann. Und nicht nur das: »In einem Gemeinwesen wäre das Horn ein Diplomat, Vermittler zwischen widerstreitenden Gruppen und Interessen, der durchaus machtvoll seine Stimme erhebt, meist aber Harmonie und Ordnung stiftet«, erklärt Klaus Wallendorf, philharmonischer Hornist von 1980 bis 2015. Der Klang des Horns mischt sich ideal mit den anderen Orchesterinstrumenten. Er verleiht dem Blech einen weichen Schimmer, dem Holzbläsersatz metallischen Glanz und schmiegt sich warm und innig leuchtend dem Klang der Streicher an. Sein fortissimo entspricht der Kraft des Stiers, von dessen Hörnern das Instrument seinen Namen hat. Seine Aufgaben sind vielfältig: »Wir Hornisten bekommen in der Regel mächtig was zu tun, wenn in symphonischen Dichtungen, in der Opernliteratur und besonders in der Filmmusik der Held auftritt. Das entschädigt für so manches Solo-Konzert, das uns von Komponisten verwehrt wurde, die sehr wohl eine Affinität zum Horn gehabt haben müssen, weil sie die schönsten Hornsoli in ihren Symphonien erdachten und auch grandiose Kammermusik für das Horn lieferten«, erzählt Stefan Dohr.

Vom Jagdsignal zum vielseitigen Orchesterinstrument

Das Horn gehört mit zu den ältesten Instrumenten der Menschheit. Sein schallender Ton machte es zu einem idealen Kommunikationsmittel. Die von ihm geblasenen Signale waren weithin hörbar und dienten im 17. und 18. Jahrhundert Jägern dazu, sich untereinander zu verständigen. In der Wiener Klassik fand das Horn Eingang in das symphonische Orchester. Allerdings verfügte es damals – da man auf ihm nur die Töne der Naturtonreihe blasen konnte – über einen beschränkten Tonvorrat. Das änderte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Mit Erfindung des Ventilhorns war auf einmal auch das Spiel chromatischer Tonleitern möglich. Dieses vergrößerte die Einsatzmöglichkeiten des Horns im Orchester und machte das Instrument zu dem, was es heute ist: »die Seele des Orchesters« – um es mit den Worten von Robert Schumann auszudrücken. Trotzdem vergaßen die Komponisten nie die Herkunft des Horns: Das gesamte 19. Jahrhundert hindurch blieb es das Symbol der Jagd, des Waldes und der Natur.

Ein Tag rund ums Horn

»Hornisten sind generell gesellige Menschen. Und das triff für die philharmonische Horngruppe im Besonderen zu. Hinzu kommt, dass wir uns völlig aufeinander verlassen können. Und wir sind eigentlich auch für jeden Spaß zu haben«, meint Stefan Dohr. Höhepunkt des philharmonischen Hornjahrs war der »Hornmarathon« Ende September, bei dem die Musiker nicht nur in verschiedenen Vorführungen und Veranstaltungen die Vielseitigkeit ihres Instruments vorstellten, sondern auch die Besucher zum Mitmachen animierten.

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