Beethoven-Zyklen haben bei den Berliner Philharmonikern eine lange Tradition. Im April 1914 widmete das Orchester erstmals dem Wiener Klassiker eine Konzertreihe von sechs Abenden, die eine umfassende Werkschau bot: Neben der Coriolan-, der Egmont- sowie den drei Leonoren-Ouvertüren, dem Violin-, Tripel- und Klavierkonzert Nr. 5, der Chorfantasie sowie Meeresstille und glückliche Fahrt kamen auch sämtliche Symphonien zur Aufführung. Das war durchaus bemerkenswert: Denn obwohl die Kompositionen Beethovens von Anfang an zum festen Repertoire des Berliner Philharmonischen Orchesters gehörten, so waren bislang in den Programmen die Konzerte und Ouvertüren des Meisters sehr viel stärker vertreten als die Symphonien. Und von diesen fanden vor allem die Dritte, Fünfte, Siebte und Neunte Beachtung, während die anderen vergleichsweise selten gespielt wurden.

Das Highlight der Populären Konzerte

Und noch etwas ist aus heutiger Sicht erstaunlich: Dieser erste Beethoven-Zyklus der Berliner Philharmoniker war nicht »Chefsache«. Nicht Arthur Nikisch, der damalige Chef der philharmonischen Abonnementkonzerte, leitete ihn, sondern Camillo Hildebrand, der Dirigent der Populären Konzerte – und das Publikum riss sich um Karten, vor allem um die Aufführung der Neunten Symphonie. Der Kritiker der Neuen Zeitschrift für Musik berichtet, dass sich besonders die »sonst so leicht zum künstlerischen Radikalismus geneigte, musikstudierende Jugend« für dieses Ereignis interessierte. Das musikalische Fazit des Rezensenten lautete: Camillo Hildebrand habe durch seine »natürliche, ungekünstelte Auffassung« erfreut, das Orchester müsse sich aber bei der Beethoven-Interpretation noch einige »Modenarrheiten« abgewöhnen, insbesondere das »aufdringliche Heraustönen allerhand untergeordneter Nebengedanken zum Schaden der Hauptlinie« und die extremen Temposchwankungen. Und er plädiert, mehr auf das zu achten, was Beethoven eigentlich notiert habe. Welch’ moderne Einstellung! Der Beethoven-Zyklus wurde in den folgenden Jahren ein fester Bestandteil der Populären Konzerte. Von 1914 bis 1941 fand er mit wenigen Ausnahmen fast jährlich statt. Die Dirigenten hießen Richard Hagel, Georg Schneevoigt und Julius Prüwer. Letzterer verlor 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aufgrund seiner jüdischen Herkunft sämtliche musikalische Ämter und musste quasi mitten im Zyklus den Taktstock niederlegen. Bis 1941 lag die Konzertserie dann nicht mehr in der Hand eines einzelnen Dirigenten, sondern an jedem Abend stand ein anderer am Pult des Orchesters.

Triumphe in Paris, London, New York und Japan

Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es lange, bis die Berliner Philharmoniker sich wieder mit einem Beethoven-Zyklus präsentierten. Im April 1960 reiste das Orchester mit Herbert von Karajan nach Paris, um alle neun Symphonie, außerdem die Egmont- und die Coriolan-Ouvertüre zu spielen. Die Pariser feierten die Philharmoniker und ihren Chef. Man hatte die Gelegenheit – so die Zeitschrift Arts – den »bestmöglichen Beethoven zu hören«. Karajans Beethoven-Interpretation sei eine glückliche Synthese zwischen der Kraft Toscaninis und der Tiefe Furtwänglers. »Die Berliner scheinen ihrem Dirigenten mit einer Präzision und Nachgiebigkeit zu folgen, die die individuelleren Wiener nicht kennen«, hieß es bewundernd. Karajan und die Philharmoniker machten ihren Beethoven-Zyklus zum »Exportschlager«: In den folgenden Jahren ging es damit nach London, wo die Presse die Klangschönheit der Interpretation bejubelte, nach New York und mehrmals nach Japan. Die Symphonien Beethovens standen im Zentrum von Karajans Repertoire. Nicht weniger als drei Mal hat der Dirigent den Zyklus mit den Berliner Philharmonikern für die Schallplatte eingespielt. Und nicht nur das: Zwischen 1967 und 1972 entstanden für die Firma Unitel die legendär gewordenen filmischen Aufzeichnungen seiner Beethoven-Interpretationen, zudem bei Sony die digitalen Video-Aufnahmen. Die Unitel-Produktionen sind heute Bestandteil des Archivs der Digital Concert Hall. Das Berliner Publikum allerdings hatte nur ein Mal die Gelegenheit das Orchester unter Karajan mit einem kompletten Beethoven-Zyklus zu erleben: zur Jahreswende 1973/1974.

Krönender Abschluss

Auch für Karajans Nachfolger Claudio Abbado bildeten Beethovens Werke eine wichtige Säule der philharmonischen Konzertprogramme. Eine Gesamtaufführung seiner Symphonien realisierte er jedoch erst 2001 am Ende seiner Amtszeit – und dann auch nicht in Berlin, sondern in Rom und Wien. Sein Zyklus umfasste neben den neun Symphonien auch alle fünf Klavierkonzerte. Die Solisten waren Gianluca Cascioli, Martha Argerich, Jewgenij Kissin, Alfred Brendel und Maria João Pires. Während des Gastspiels geriet ganz Rom in einen Philharmoniker-Taumel. Seit Jahrzehnten – so die Presse einstimmig – habe man in Italien keine vergleichbare Beethoven-Interpretation erlebt. »Auf einen Beethoven, so mediterran erwärmt und frühlingshaft durchduftet, hat man hier nur gewartet.« (Die Welt) Und auch in Wien, wo man im Vorfeld der Konzerte raunte, solch’ ein Zyklus sei gerade in dieser Stadt ein riskantes Unternehmen, wurden Dirigent und Orchester gefeiert. Im Gegensatz zu Karajan, der auf einen geschlossenen, kompakten Klang setzte, legte Claudio Abbado Wert auf Durchhörbarkeit. Er musizierte mit einer relativ kleinen Besetzung. Seine Interpretation lege, so ein Kritiker, die unerhörte emanzipatorische Kraft dieser Musik offen – ihre Energie und radikale Individualisierung der Stimmen, die scharfe rhythmische Dynamisierung der Musik. Auch dieser mittlerweile legendär gewordene Zyklus gehört zum Konzertarchiv der Digital Concert Hall.

Beethoven, der Rhethoriker

Und Sir Simon Rattle? Das Berliner Publikum konnte ihn erstmals 2001 mit einem Beethoven-Zyklus erleben. Allerdings dirigierte er nicht das heimische Orchester, sondern die Wiener Philharmoniker, die im Rahmen der Festwochen gastierten. Mit den Berliner Philharmonikern stellte er 2008 die Symphonien des Komponisten in Kontext zu Werken von Anton Webern. Ein ungewöhnliches Unterfangen und eines, das eine neue Blickweise auf beide Komponisten erlaubte. »Hellwach ist dieser Beethoven. Voller Temperament, ohne Pathos, ein glasklarer und doch integrativer Klang. Simon Rattle kehrt das Szenische an Beethoven hervor.« (Tagesspiegel) Sieben Jahre später wagen sich Dirigent und Orchester nun erneut an die Gesamtaufführung von Beethovens Symphonien, die auch auf Tonträgern veröffentlicht werden. Dazu Sir Simon Rattle: »Beethovens Symphonien sind für uns eine Art Mount Everest, den es zu erklimmen gilt. Und sie verlangen von uns sehr aufrichtig zu sein, weil sie eine neue Art von Musik darstellen, eine ehrliche und direkte Musik, die es vorher so nicht gegeben hat ... Ich komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass Beethoven, verglichen mit Mozart, der erstaunlich lyrische Symphonien geschrieben hat, ein Redner und Rhetoriker war.«

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Die Dirigenten der Zyklen von 1914 bis 1933