Auch wenn die Berliner Philharmoniker Richard Strauss’ Alpensinfonie genau 100 Jahre nach der Weltpremiere auf das Programm ihrer Konzerte unter Leitung von Andris Nelsons gesetzt haben – das Uraufführungsorchester des Werks waren sie nicht, ebenso wenig wie Königliche Hofkapelle in Berlin, der der Komponist damals als Generalmusikdirektor vorstand. Die Dresdner Hofkapelle, heute Staatskapelle Dresden, stellte das Stück am 28. Oktober 1915 erstmals der Öffentlichkeit vor. Ein musikalisches Ereignis ersten Ranges, auf das die Musikwelt schon lange neugierig gemacht worden war – mit Pressenotizen und Anzeigen. Bereits im April 1914 hieß es beispielsweise in einer kurzen Notiz der Neuen Zeitschrift für Musik, dass sich Richard Strauss nach der Korrektur der Partitur der Josephslegende wieder der Alpensinfonie widmen werde, »deren Skizzen er bis zum Herbst zu beendigen hofft. Die Orchesterpartitur will er im kommenden Winter in Berlin niederschreiben.« Die Uraufführung wurde für das nächste Jahr in Aussicht gestellt.

Im Kreuzfeuer der Kritik

»Bluff und Reklame machen solch ein neues Werk des herrschenden Modekomponisten ja immer sensationell«, schrieb der Berliner Korrespondent der Neuen Zeitschrift für Musik in seiner Uraufführungskritik. »Und der Bluff war doppelt. Einmal, weil zu dem Ereignisse die Dresdner Hofkapelle nach Berlin kommen musste, wozu angesichts der Tatsache, dass unser Philharmonisches Orchester solchen Aufgaben durchaus und virtuos gewachsen ist, kein tieferer Grund vorhanden war; und zweitens, indem die Zutrittspreise bis auf fünfzehn und zwanzig Mark hinaufgeschraubt waren.« Die Dresdner, die Strauss’ Erfolgsopern Salome, Elektra und den Rosenkavalier uraufgeführt hatten, wussten allerdings genau, warum sie die ihnen gewidmete Alpensinfonie in der Berliner Philharmonie in der Bernburger Straße präsentierten: Dieser Konzertsaal verfügte im Gegensatz zu den Örtlichkeiten der Elbmetropole über eine entsprechend große Konzertorgel. Noch im Juni 1915 hatte Strauss in einem Brief an den Dresdner Kapellmeister Hermann Kutzschbach darauf hingewiesen, dass »im Gewitter eine große volle Konzertorgel Haupterfordernis« sei. Kritische Stimmen belächelten die Alpensinfonie als orchestrales Blendwerk, das breite Publikum war von ihrer Klanggewalt und den treffenden, musikalischen Naturschilderungen begeistert. Trotz des Weltkriegs gab es Aufführungen in allen größeren deutschen Städten.

Fabelhafter Arthur Nikisch

Arthur Nikisch, gleichzeitig Chef des Leipziger Gewandhausorchesters und der Berliner Philharmoniker, dirigierte die Tondichtung zuerst in Leipzig. In Berlin setzte er das Werk erst am 4. Dezember 1916 auf das Programm der philharmonischen Konzerte. Das Berliner Publikum hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Gelegenheit gehabt, das Werk nicht nur von der Dresdner, sondern auch von der Königlichen Hofkapelle zu hören, dennoch war es ein Konzertereignis, dem »doch niemand fernbleiben konnte, der ›up to date‹ ist und das nötige Geld hat.« (Signale für die musikalische Welt) Dank Nikischs Interpretation gab es für die Zuhörer durchaus noch Neues und Überraschendes zu entdecken. »Es kommt eben, wenn er den Taktstock schwingt, in einem Tongemälde alles noch plastischer und farbiger heraus. Das ist nun einmal dieses Dirigenten kostbares Geheimnis«. (Signale).

Karajans Liebling

Bis zur Zerstörung der alten Philharmonie 1945 führten die Berliner Philharmoniker das Werk in den folgenden Jahren insgesamt zehn Mal auf. Genauso oft setzte Herbert von Karajan in den 1980er-Jahren die Alpensinfonie auf die Programme der philharmonischen Konzerte. Er und Arthur Nikisch waren bislang die einzigen Chefdirigenten, die sich diesem Werk bei den Philharmonikern gewidmet haben. Sämtliche Aufführungen der Alpensinfonie fanden mit Gastdirigenten statt, u.a. mit Richard Strauss, Erich Kleiber, Joseph Keilberth, Zubin Mehta, Seiji Ozawa, Mariss Jansons, Bernard Haitink, Christian Thielemann und zuletzt im Dezember 2008 mit Semyon Bychkov. Die Berliner haben in diesen Tagen die Gelegenheit, das Werk in der Berliner Philharmonie nacheinander von drei renommierten Orchestern zu hören: der Staatskapelle Berlin, der Sächsischen Staatskapelle Dresden und den Berliner Philharmonikern.