Eine Orgel darf in keinem Konzertsaal fehlen, auch wenn sie dort eher selten zum Einsatz kommt. 1965, zwei Jahre nach der Eröffnung der Philharmonie erhielt der große Saal seine »Königin der Instrumente«. Die philharmonische Orgel ist Teil von Hans Scharouns ungewöhnlichem Raumkonzept: Anders als in herkömmlichen Konzertsälen, wo sie ihren Platz an der Stirnseite des Podiums hat, rückte sie in der Philharmonie an die rechte Peripherie – präsent, aber gleichzeitig vornehm zurückhaltend. Form und Gestalt der viermanualigen Orgel, die ursprünglich über 72 Register verfügte, korrespondieren mit wichtigen Linien und Elementen des Raumes. Die Gestaltung des Prospekts entstand nach einer Ideenskizze von Scharoun. Eher unauffällig und hinter Marmor verkleideten Schwellern versteckt ist die kleinere Chororgel, die sich rechts und links der Treppen zum Chorpodium befindet.

Neobarockes Klangideal

Von der renommierten Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke konzipiert, entsprechen die beiden Orgeln dem neobarocken Klangideal, das in den 1930er-Jahren mit der Orgelbewegung in Mode kam. Die Einweihung der Orgel am 16. November 1965 war gleichzeitig ein Gedenkkonzert für den 1963 verstorbenen Paul Hindemith, der an diesem Tag 70 Jahre alt geworden wäre. Der österreichische Organist Anton Heiller spielte das Orgelkonzert, das Hindemith 1962 für die Einweihung der Orgel in der New Yorker Philharmonic Hall im Lincoln Center komponiert hat. »Der Klang verbindet Kernigkeit mit Farbigkeit, erreicht die verschiedenen Sitzplätze infolge der akustischen Tücken des Raumes aber nur mit sehr unterschiedlicher Lautstärke und Fülle«, hieß es in einer Kritik. »Die Zeit muss lehren, wie begrenzt oder unbegrenzt die Möglichkeiten des Instrumentes im einzelnen sind.«

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Lange Jahre war die Karl-Schuke-Orgel ein wenig beachtetes Schmuckstück des Großen Saals der Philharmonie. Doch seit Einführung der Konzertreihe »Orgel« 2008 bringen große Orgelvirtuosen unserer Zeit, u. a. Cameron Carpenter, Jean Guillou, Thomas Trotter, Peter Kofler, Nathan Laube und David Briggs, die »Königin der Instrumente« regelmäßig zum Klingen. Und mittlerweile hatte die Zeit gelehrt, dass die Möglichkeiten der Orgel durchaus nicht allen Anforderungen genügten. Angeregt durch den Organisten Jean Guillou wurde sie in den Jahren 2011 und 2012 mit finanzieller Unterstützung des Freundeskreises renoviert und klanglich erweitert: die Windanlage erhielt ein zweites Gebläse, die Schweller wurden verbessert und es kamen drei »romantische« Register hinzu sowie die »Tuba en chamade« mit horizontal aus dem Prospekt herausragenden Schallbechern in der Tradition eines spanischen Trompetenregisters. Außerdem wurde die Chororgel in das Hauptinstrument integriert, sodass dem Spieler heute insgesamt 88 Register zur Verfügung stehen. Doch die wichtigste Veränderung erfuhr der Spieltisch, der nun dem heutigen Stand der digitalen Technik entspricht und umfassende elektronische Spielhilfen bietet.

Geburtstagskonzert

Zum 50. Geburtstag setzt sich der schwedische Organist Gunnar Idenstam an den Spieltisch der philharmonischen Orgel. Seine Spezialität sind Bearbeitungen symphonischer Werke. Und so präsentiert Idenstam neben Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge G-Dur BWV 541 u. a. Maurice Ravels La Valse und – zusammen mit dem Schlagzeugduo DoubleBeats – den Boléro. Weitere Gäste der nächsten Orgelmatineen sind Wolfgang Rübsam, Sarah Kim und Jean Guillou, der Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu – eine Symphonie des Grauens begleitet.