Amnon Weinstein, Geigenbauer aus Tel Aviv, hat Violinen ehemaliger KZ-Häftlingen gesammelt, restauriert und die Geschichte ihrer Besitzer erforscht. Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar werden die Instrumente in einer Ausstellung sowie einem Konzert mit Guy Braunstein und Mitgliedern der Berliner Philharmoniker präsentiert.

Viele Musiker, die in Hitler-Deutschland als »Nichtarier« verfolgt waren, fanden in Palästina eine neue Heimat und ein neues Betätigungsfeld. Der Geiger Bronisław Huberman hatte dort ein Symphonieorchester gegründet, dessen Eröffnungskonzert am 26. Dezember 1936 kein geringerer als Arturo Toscanini leitete. Nur die besten Musiker waren für dieses »hervorragendste Orchester im kleinsten Lande« ausgewählt worden. Als dann aber einige Jahre später auch in Palästina das Ausmaß des Holocausts bekannt wurde, brach für viele Orchestermitglieder eine Welt zusammen. Die ganze deutsche Kultur wurde ihnen auf einmal fragwürdig. Konnten sie noch weiter wie bisher deutsche Musik spielen? Auch die Musikinstrumente, die sie aus Deutschland mitgebracht hatten, erschienen ihnen jetzt als wertlos. Unter dem Schock über die massenhafte Ermordung der europäischen Juden zerstörten mehrere Mitglieder des Palestine Orchestra ihre Geigen.

Schock und Trauer

Einige aber schreckten vor diesem barbarischen Akt zurück und überließen ihre Instrumente für wenig Geld dem Geigenbauer Moshe Weinstein. Er war 1938 aus Polen nach Palästina übergesiedelt und hatte ein Jahr später in Tel Aviv eine Geigenwerkstatt eröffnet. Nachdem er in den ersten Jahren nur Reparaturen durchgeführt hatte, begann er 1945 mit dem Kauf von Instrumenten. Die erste Geige, die er erwarb, war ein 1775 gebautes Instrument des Geigenbauers Benedict Wagner aus Ellwangen, die ihm ein Mitglied des Palestine Orchestra billig angeboten hatte, weil er nicht länger auf einem deutschen Instrument spielen wollte. Weinstein erwarb danach weitere deutsche Geigen, die trotz ihrer oft sehr guten Qualität wegen ihrer Herkunft in Israel als unverkäuflich galten. Sie blieben deshalb in seinem Besitz.

Auch Amnon Weinstein, sein Sohn, wurde Geigenbauer. Er lernte zuerst bei seinem Vater, dann im italienischen Cremona, dem Mekka des Geigenbaus, sowie in Paris. Nachdem der Vater 1986 gestorben war, übernahm Amnon Weinstein das Geschäft. Obwohl alle seine in Osteuropa zurückgebliebenen Verwandten im Holocaust ermordet worden waren, versuchte er, diese düstere Vergangenheit aus dem Bewusstsein zu verdrängen – bis Ende der 1980er-Jahre ein Mann seine Werkstatt betrat, der in Auschwitz Geige gespielt hatte. Sein Instrument, das er seitdem nicht mehr angerührt hatte, wollte er in gutem Zustand seinem Enkel übergeben. Er beauftragte Weinstein deshalb mit der Reparatur. Die Oberseite der Geige war beschädigt, weil sie auch bei Regen und Schnee verwendet worden war. Weinstein nahm das Instrument auseinander und entdeckte im Innern Aschereste. Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte ihn: Stammte diese Asche etwa aus den Krematorien von Auschwitz?

Ein schrecklicher Gedanke

Erst Jahre später war Amnon Weinstein in der Lage, sich intensiver mit dieser Frage zu beschäftigen. Wesentliche Anstöße dazu gab der Dresdner Bogenbaumeister Daniel Schmidt, der ab 1992 für zwei Jahre in Weinsteins Werkstatt in Tel Aviv arbeitete. Schmidt fragte immer wieder nach der Herkunft der dort befindlichen Instrumente und interviewte mehrere jüdische Musiker, die aus Deutschland nach Palästina bzw. Israel emigriert waren. Dieses Interesse inspirierte Amnon Weinstein, nach weiteren Instrumenten verfolgter Juden zu suchen, sie zu restaurieren und ihre Geschichte zu erforschen. 1999 wurde er zu einer Tagung der deutschen Geigenbauer und Bogenmacher nach Dresden eingeladen, um dort über deutsche Geigen in Israel zu sprechen. Nach diesem Vortrag intensivierte er seine Suche. Das israelische Fernsehen berichtete über das Projekt, worauf Weinstein mehrere entsprechende Instrumente angeboten wurden.

Heute umfasst seine Sammlung etwa 50 Geigen, die für Amnon Weinstein symbolhaft mit dem Holocaust verbunden sind. Da sie oft schwere Schicksale begleiteten und sogar Leben retten konnten, nannte er sie »Geigen der Hoffnung« – »Violins of Hope«. Fast alle Instrumente dieser Sammlung sind restauriert und spielfähig. Sie erklangen bereits bei Gedenk-Konzerten in Jerusalem, Paris, Madrid, London und Rom. Zum internationalen Holocaust-Gedenktag 2015 am 27. Januar sollen sie in der Berliner Philharmonie von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker gespielt werden, was Amnon Weinstein als einen emotionalen Höhepunkt empfindet. Einige Instrumente aus Weinsteins Sammlung werden in einer Ausstellung im Foyer des Kammermusiksaals gezeigt.

Individuelle Schicksale

Jedes dieser Instrumente verkörpert ein eigenes Schicksal, das auf den Begleittafeln erzählt wird. So gehörte eine Geige einem Jungen, der ein deutsches Massaker 1944 in der Ukraine überlebte und sich daraufhin einer jüdischen Partisanengruppe anschloss. Ihm gelang es, in seinem Geigenkasten Sprengstoff in einen deutschen Offiziersclub zu schmuggeln. Der Anschlag verlief erfolgreich, trotzdem wurde der Junge (genannt »Motele«) später aufgegriffen und erschossen. Der Partisanenkommandeur nahm seine Geige nach Israel mit, wo Amnon Weinstein auf sie stieß. In jahrelanger Arbeit hat er dieses Instrument restauriert.

Geigen, die Leben retteten

Zu sehen ist auch die Geige des aus Lemberg stammenden Heinrich Haftel, der bei Jenö Hubay in Budapest und bei Carl Flesch in Berlin studiert hatte, bevor er als Meisterschüler zu Bronisław Huberman kam. Dieser rettete ihm das Leben, als er ihn für das Palestine Orchestra engagierte. Andere der ausgestellten Violinen wurden in Auschwitz gespielt oder begleiteten ihre Besitzer auf langen Irrfahrten des Exils. Im Rahmen dieser Ausstellung wird zudem an die großen jüdischen Geiger Joseph Joachim, Fritz Kreisler, Carl Flesch und Max Rostal erinnert, die in Berlin als wegweisende Solisten und Pädagogen wirkten. Ein Epilog widmet sich schließlich vier jüdischen Konzertmeistern der Berliner Philharmoniker: Tossy Spivakowsky, Syzmon Goldberg, Michel Schwalbé und Guy Braunstein.