Trommeln, Klavierspielen, zu Schallplattenaufnahmen dirigieren – von frühester Kindheit an war Sir Simon Rattle von Musik besessen. »Ich war ein absoluter musikalischer Monomane«, gesteht er. Schon als Zweijähriger bewies er rhythmisches Talent, als der Vater auf dem Klavier Gershwin-Songs spielte und er den Takt dazu klopfte. Simon Rattle wurde am 19. Januar 1955 in Liverpool in eine musikalische Familie hineingeboren. Der Vater, Geschäftsführer einer Im- und Exportfirma und später Lehrer, außerdem enthusiastischer Jazzfan, spielte exzellent Klavier, ebenso wie die Mutter, die vor ihrer Heirat ein Musikgeschäft betrieb. Beide unterstützten ihren musikbegabten Sohn, der neben Schlagzeug auch Klavier und Geige lernte, als Siebenjähriger mit großer Begeisterung Hector Berlioz’ Instrumentationslehre las und früh anfing, sich für die Musik des 20. Jahrhunderts zu interessieren. Im Alter von 15 Jahren stand er zum ersten Mal bei einem von ihm organisierten Wohltätigkeitskonzert am Pult eines Symphonieorchesters, 16-jährig wurde er Student der Royal Academy of Music.

Shootingstar der Musikszene

Als Simon Rattle am 14. November 1987 sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab, galt er als einer der vielversprechendsten Dirigenten seiner Generation, der sich vor allem durch seine Engagements in England und den USA sowie durch seine Tätigkeit als Erster Dirigent und Künstlerischer Berater des City of Birmingham Symphony Orchestra, dessen Chef er 1990 werden sollte, einen Namen gemacht hatte. Er dirigierte Mahlers Sechste Symphonie, ein Werk, das die Philharmoniker mehrfach unter Herbert von Karajan gespielt hatten. »Rattle versteht sich auf Mahlers Endzeit-Idiome«, hieß es im Tagesspiegel. »Seine – man möchte sagen – ›kaltschnäuzige‹ Art, [...] evoziert ein Mahler-Bild von radikaler Modernität.« Nach diesem erfolgreichen Einstieg kam Simon Rattle fast jährlich wieder – häufig mit Werken von Komponisten, die vom Orchester bislang selten gespielt wurden: Béla Bartók, Karol Szymanowski, Leoš Janáček oder Jean Sibelius sowie zeitgenössische Komponisten. Unter seiner Leitung führten die Philharmoniker 1996 auch erstmals Mahlers Zehnte Symphonie in der Aufführungsfassung von Deryck Cooke auf.

Visionärer Chef

Simon Rattle überzeugte jedoch nicht nur durch einen energiegeladenen, mitreißenden und begeisternden Dirigierstil, er besaß auch künstlerische Visionen. Beides machte ihn für die Berliner Philharmoniker zu einem überzeugenden Kandidaten, als es 1999 darum ging, einen Nachfolger für Claudio Abbado zu wählen. Bei seinem Antrittskonzert am 7. September 2002 mit Mahlers Fünfter Symphonie und Thomas Adès’ Asyla waren die Weichen für die Zukunft bereits gestellt: Die Gründung der Stiftung Berliner Philharmoniker und das Education-Programm wären ohne die Beharrlichkeit des Dirigenten nicht realisiert worden. Hinzu kam als Initiative aus dem Orchester 2009 die Digital Concert Hall, das Videoportal der Berliner Philharmoniker im Internet, die wie das Education-Programm von der Deutschen Bank unterstützt wird. Auch die Entscheidung, mit den Osterfestspielen von Salzburg nach Baden-Baden umzuziehen, und die Gründung des hauseigenen Labels Berliner Philharmoniker Recordings wurden maßgeblich von ihm mitgetragen. Zu den künstlerischen Höhepunkten der vergangenen Jahre zählen neben den symphonischen Zyklen von Sibelius, Mahler, Brahms und Schumann die von Peter Sellars inszenierten Aufführungen von Bachs Matthäus- und Johannes-Passion sowie die Einführung der Late-Night-Konzerte.

Zum Geburtstag Sibelius und Mahler

Die Berliner Philharmoniker feiern den 60. Geburtstag von Sir Simon Rattle mit einem kompletten Zyklus der Symphonien von Jean Sibelius erst in Berlin und dann im Rahmen einer einwöchigen Residenz des Orchesters in London. Während dieser Reise, die die Berliner Philharmoniker und ihren Chefdirigenten auch nach Amsterdam und nach Paris in die neue Philharmonie führt, wird außerdem Mahlers Symphonie Nr. 2 gespielt – ein weiteres Lieblingswerk Rattles, der als 12-Jähriger durch eine Aufführung der Symphonie inspiriert wurde, den Dirigentenberuf zu ergreifen. Auch die weitere Zusammenarbeit zwischen dem Orchester und seinem Chef gibt Anlass zur Vorfreude. Aufregende Projekte stehen in den nächsten Jahren bevor, darunter ein Zyklus sämtlicher Symphonien Beethovens in der kommenden Saison. Auch wenn der Dirigent vor zwei Jahren ankündigte, 2018 nach 16 Jahren sein Berliner Amt aufzugeben, sind sich die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle einig, dass die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit darüber hinaus fortgesetzt wird. Das künstlerische Miteinander von Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle ist noch lange nicht ausgeschöpft.

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