Sie sitzen allein auf dem Podium der Philharmonie und verstehen sich doch als Dirigent, als Herrscher über ein symphonisches Universum: Wenn Cameron Carpenter, Thomas Trotter, Peter Kofler, Nathan Laube und David Briggs, die fünf Organisten der Konzertreihe Orgel, sich an den viermanualigen Spieltisch der Karl-Schuke-Orgel setzen, entlocken sie dem Instrument nicht einfach nur Töne, sondern entfesseln Klangmassen. Die Orgel gilt nicht umsonst als »Königin der Instrumente«. Dank ihrer zahlreichen Register lassen sich – ähnlich wie bei einem Orchester – ganz unterschiedliche Klangmischungen und -farben erzeugen. Einschließlich der Chor-Orgel verfügt die Orgel der Philharmonie, die aus der Werkstatt der Berliner Orgelbaufirma Karl Schuke stammt, heute über 88 Register. Und so versteht es sich von selbst, dass jeder Organist seinen Ehrgeiz darein setzt, die klanglichen Möglichkeiten des Instruments möglichst wirkungsvoll auszureizen.

Auf den Spuren Johann Sebastian Bachs

Cameron Carpenter kann mittlerweile fast als »philharmonischer Hausorganist« bezeichnet werden. Nicht nur, dass er seit 2010 die Reihe der Orgelmatineen eröffnet. Auch bei vielen anderen Gelegenheiten, wie dem Tag der offenen Tür oder dem Fest am Kulturforum, brillierte er mit seinem Können. Seine Programme, in die er gerne eigene Kompositionen und Transkriptionen mischt, sind in der Regel sehr unkonventionell. Diesmal jedoch beschränkt er sich auf einen Komponisten: Johann Sebastian Bach. Doch eines ist sicher: Carpenter, der aus der Tradition der amerikanischen Kino- und Theaterorganisten kommt, wird die wohlbekannten Präludien, Fugen und Choralvorspiele des barocken Komponisten auf bislang ungehörte Weise interpretieren.

Mit philharmonischer Ergänzung

Drei der Organisten treten nicht nur solistisch auf, sondern haben sich noch Verstärkung aus den Reihen der philharmonischen Musiker geholt: Der Brite Thomas Trotter, Birmingham City Organist sowie Organist von St. Margaret’s und Westminster Abbey, führt neben hochvirtuosen Solostücken von Johann Sebastian Bach und Julius Reubel mit Marie-Pierre Langlamet Originalwerke und Bearbeitungen für Orgel und Harfe auf. Die in der Vorweihnachtszeit stattfindende Matinee mit dem in München wirkenden Organisten Peter Kofler erhält durch die Mitwirkung des Blechbläserensembles der Berliner Philharmoniker einen besonders festlich-feierlichen Glanz. Der junge Chicagoer Nathan Laube hat den Solo-Klarinettisten Andreas Ottensamer gewinnen können, mit dem er u. a. Kammermusikwerke von Claude Debussy und Johannes Brahms musiziert. Die ursprünglich für Klavier und Klarinette geschriebenen Kompositionen bekommen durch die Bearbeitung für Orgel und Klarinette einen neuen orchestralen Sound.

Musik zum Film

Schluss- und Höhepunkt der Konzertreihe bildet die Orgelmatinee mit David Briggs. Der Engländer hat sich nicht nur durch die Adaptionen der Symphonien von Gustav Mahler, Franz Schubert und Anton Bruckner einen Namen gemacht, er gilt auch als genialer Improvisator. Dieses improvisatorische Talent ist nun bei der musikalischen Begleitung der Stummfilmvorführung Das Phantom der Oper, ein Filmklassiker aus dem Jahr 1925, gefragt. Obwohl es für den Streifen bereits mehrere komponierte Filmmusiken gibt, lässt sich David Briggs bei seinem Auftritt lieber von den eindrucksvollen Bildern des Films und den Möglichkeiten der Karl-Schuke-Orgel inspirieren.