Nikolaus Harnoncourt, der am 6. Dezember 2016 seinen 86. Geburtstag feierte, vereint mehrere musikalische Karrieren: Für die breite Öffentlichkeit am spektakulärsten erscheint die des Alte-Musik-Spezialisten, der mit seiner unbändigen Neugier, seinen unkonventionellen Ideen und dem von ihm gegründeten Ensemble Concentus Musicus die Aufführungspraxis von Renaissance- und Barockmusik revolutionierte. Dann gab es die Laufbahn des Orchestermusikers, die sein Leben 17 Jahre lang, von 1952 bis 1969 als Cellist der Wiener Symphoniker, bestimmte, außerdem die des Pädagogen, Buchautors und schließlich die des gefeierten Dirigenten.

Fruchtbare Zusammenarbeit

In dieser Funktion verband ihn eine 20-jährige fruchtbare Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern. 1991 debütierte Nikolaus Harnoncourt am Pult des Orchesters mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart. Bereits zwei Jahre später kehrte er mit einem klassisch-romantischen Programm zurück, bei dem neben Joseph Haydns Symphonie Nr. 102 Felix Mendelssohn Bartholdys Schottische sowie Franz Schuberts Ouvertüre zur Zauberharfe und vier seiner Lieder in einer von Johannes Brahms orchestrierten Fassung erklangen. »Musikalisch produktiver, besser, begeisternder dürfte in letzter Zeit kaum ein Gastdirigent mit dem Orchester gearbeitet haben«, hieß es anschließend in einer Kritik.

Und immer wieder Schubert

Im Laufe der Jahre realisierten Nikolaus Harnoncourt und die Berliner Philharmoniker 90 Konzerte bzw. 29 Programme in Berlin und bei den Osterfestspielen in Salzburg. Von Händel und Bach über Haydn und Beethoven bis Bruckner reichte das aufgeführte Repertoire. Den musikalischen Schwerpunkt bildeten allerdings die Werke romantischer Komponisten: Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und vor allem Franz Schubert, dessen Werke er immer wieder gerne auf das Programm setzte. Unvergessen sind sein Beethoven- und Brahms-Zyklus sowie 2009 die konzertante Aufführung von Joseph Haydns Dramma eroicomico Orlando Paladino. Bei seinen letzten Konzerten mit dem Orchester 2011 dirigierte Nikolaus Harnoncourt Ludwig van Beethovens Fünfte Symphonie und dessen C-Dur Messe. »Wahrlich ein Monument der eigenwilligen, wegweisenden Interpretation« schrieb der Kritiker der Berliner Morgenpost.

Ein gebürtiger Berliner

Zum Dirigieren kam Nikolaus Harnoncourt, 1929 in Berlin geboren und in Graz aufgewachsen, weil es ihn als Cellist ärgerte, Interpretationen zu verwirklichen, die er nicht nachvollziehen konnte. Seine Erfahrungen als Orchestermusiker – so Harnoncourt in einem Interview für die Digital Concert Hall – habe seine Arbeit als Dirigent entscheidend beeinflusst. Ihm sei es wichtig, den Musikern zu vermitteln, warum er eine Komposition so und nicht anders gespielt haben möchte: »Das bin ich ihnen als Dirigent schuldig.« Musizieren auf Augenhöhe – das gilt ihm als Ideal. Seine Art nahm die Berliner Philharmoniker für ihn ein, ebenso beeindruckte seine profunde Kenntnis der gemeinsam erarbeiteten Werke. »Nikolaus Harnoncourt hat uns eine neue Sicht auf die Werke der großen Meister des 18. und 19. Jahrhunderts ermöglicht. Er hat uns immer wieder neugierig gemacht auf die stilistischen Wahrheiten jenseits der Partituren. Wir sind ihm zu größtem Dank verpflichtet«, meint Peter Riegelbauer, Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker. Seine besondere Wertschätzung für Nikolaus Harnoncourt brachte das Orchester bereits zwei Mal zum Ausdruck – mit der Hans-von-Bülow-Medaille, mit der ihn die Philharmonische Gemeinschaft im Jahr 2000 auszeichnete, und mit der Ehrenmitgliedschaft, die ihm die Berliner Philharmoniker im Rahmen ihres Wien-Gastspiels im März 2014 im Wiener Musikverein verliehen.