Wie kein anderes Werk der klassischen Musik wurde Beethovens Neunte Symphonie zwischen 1949 und 1989 in beiden deutschen Staaten im »Kalten Krieg« zu politischen Zwecken »instrumentalisiert«. In der alten Bundesrepublik wie in der DDR nahm die Neunte eine Ausnahmestellung ein. Doch beruhte die gesellschaftliche und politische Inanspruchnahme auf denkbar unterschiedlichen Beethoven-Bildern. Dabei wäre es falsch zu behaupten, die ganze Symphonie sei während der deutschen Teilung populär gewesen. Der letzte Satz mit der »Ode an die Freude« war es, der die ganze Komposition zu einem »Instrument« werden ließ, das diesseits und jenseits des »Eisernen Vorhangs« benutzt und auch ausgenutzt wurde. Doch trotz aller Verwertungen zwischen 1949 und 1989 – und auch darüber hinaus – hat Beethovens Neunte die letzen Jahrzehnte relativ unbeschadet überstanden. So gut, dass wir uns, geht es nach dem Willen der amtierenden Bundesregierung, in den nächsten sechs Jahren wohl der »nationalen Aufgabe« stellen müssen, den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens angemessen vorzubereiten. Schließlich biete der – laut Koalitionsvertrag – »herausragende Chancen für die Kulturnation Deutschland im In- und Ausland«.

Näheres wird dort nicht angeboten, obwohl eine Spezifizierung der »herausragenden Chancen« die Vorbereitung erheblich vereinfachen würde. Problematisch könnten allerdings Anleihen in der deutsch-deutschen Rezeptionsgeschichte während der Teilung sein: Damals zückte man in Ost und West Beethoven und seine Neunte wie eine »Waffe«, um auf den politischen Gegner einzuwirken. Schon die Biografie des Komponisten ließe eine Auslegung in mehrere Richtungen zu: Ausgehend vom frühen Bonner Beethoven könnte man ihn – anknüpfend an die sozialistische DDR-Rezeption – als einen Vorkämpfer für sämtliche kommenden revolutionären Umstürze auslegen. Oder aber man knüpft an das Spätwerk des Titanen an und entwickelt die romantische, heroische Beethoven-Pflege der jungen Bundesrepublik weiter.

Volksnahe Massenerlebnisse

Auf jeden Fall könnte sich die heutige »gesamtdeutsche« Bundesrepublik 2020 im »In- und Ausland« mit der Neunten Symphonie präsentieren – wie beide deutschen Staaten während der Teilung mehr als 850 Mal. Das Werk bietet durch den idealistischen Text zum einen, durch die Musik zum anderen – vor allem durch jene volksliedhaften 16 Takte »Freudenmelodie« –, beste Möglichkeiten, um volksnahe Massenerlebnisse zu ermöglichen. In der Einfachheit entfaltet schließlich das Erhabene seine Wirkung. Besonders die Passagen »Seid umschlungen, Millionen« und »Alle Menschen werden Brüder« bieten sich an: Schon 1952 regte der Kulturbund der demokratischen Erneuerung (der DDR) in seinem Material zur Ausgestaltung von Gedenkfeiern an, das Konzept von der schillerschen Brüderlichkeit in eine Vorstellung von sozialistischer Bruderliebe zu transformieren, was nicht ohne Häme im Westen registriert wurde: Trotz gebetsmühlenartiger Wiederholung wollte man sich dort darauf nicht einlassen. Peter Boenisch schrieb 1977 beispielsweise in »einer großen deutschen Boulevardzeitung«: »Beethoven, das Genie mit menschlichen Schwächen, hoffte gemeinsam mit Schiller: ›Alle Menschen werden Brüder!‹ Es tut mir leid, Genossen, aber: ›Alle Menschen werden Genossen‹, war damit nicht gemeint.«

Man müsse den Schöpfer unter dem Sternenzelt suchen und nicht unter dem roten Stern. Mit einer politischen Ausschlachtung begäbe man sich 2020 so gesehen auf eher dünnes Eis. Mutet es doch bizarr an, wenn außermusikalische Inhalte zu plakativ oktroyiert werden: »Der imperialistische Bonner Staat, der Beethovens Geburtstag [1970] nur allzu gern für sich in Anspruch nehmen wird, um seine historisch überholte, spätbürgerliche Existenz mit der Aura Beethovens zu vergolden, hat keinerlei Anspruch, das Vermächtnis Beethovens anzutreten.« Besonders das Streben nach Atomwaffen stehe in krassem Widerspruch zu Beethovens Ideenwelt, die er mit der »Ode an die Freude« in der Neunten zu einem »weltumfassenden Sinnbild der Verbrüderung der Menschheit« in Töne gesetzt habe. Nur in der DDR, dem antiimperialistischen deutschen Friedensstaat, seien die gesellschaftlichen Voraussetzungen gegeben, als geistige Heimat Beethovens zu gelten, so der Vorsitzende des Ministerrats der DDR Willi Stoph.

Revolutionärer Vorkämpfer oder romantischer Held

Vielmehr könnte man anknüpfen an die Idee, die »Freudenmelodie« als Nationalhymne einzuführen; damit gibt es gute Erfahrungen: Bei den Olympischen Winterspielen in Oslo im Februar 1952 (bei denen eine gesamtdeutsche Mannschaft antrat, weil das IOC das NOK der DDR nicht anerkannt hatte) erklangen für die deutschen Olympiasieger Auszüge aus dem vierten Satz der Neunten Symphonie. Damals war das noch eine Notlösung; die Neunte löste damit den Karnevalsschlager »Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien« ab, mit dem seit Kriegsende erfolgreiche deutsche Sportler geehrt wurden. Für einen neuen Text könnte man auf Vorschläge aus den Akten des Bundespräsidialamtes zurückgreifen, die damals, vor der Entscheidung für die dritte Strophe des Deutschlandliedes, eingereicht wurden – zum Beispiel:

»Deutschland, dir bin ich ergeben,
denn Du bist mein Vaterland;
Alles Sinnen, Schaffen, Streben
ist Dir innig zugewandt.«

Ein nur scheinbar groteskes Ansinnen, denn es zeigt, dass der Melodie ein volksverbindender Charakter beigemessen wurde. Und auch deshalb nicht ganz abwegig, weil mit der politischen Wiedervereinigung auch das Autograf wieder zusammengeführt werden konnte, das in den Kriegswirren aufgeteilt wurde und schließlich 40 Jahre lang ebenso geteilt war wie Deutschland: Die Demarkationslinie verlief genau durch die kontrapunktische Verflechtung der Phrasen »Freude, schöner Götterfunken« und »Seid umschlungen Millionen« – explizit an der Stelle, an der die Alt-Stimmen »Diesen Kuß der ganzen Welt!« singen (Vierter Satz, Takte 697 bis 700).

Wettrüsten der Editionen

Vermutlich wird es 2020 aber auf die Erinnerungskultur hinauslaufen, die seit den 1970er-Jahren im Westen Einzug gehalten hat – eine durchdringende »Verpoppung« des Komponisten, bis hin zu den Peanuts, die dann vielleicht mit »Happy Birthday, Beethoven II« gratulieren? 1970 verkaufte die Deutsche Grammophon Gesellschaft ihre Beethoven-Edition in der ganzen Welt (75 Langspielplatten für 975 Mark), unterlag aber in diesem »Wettrüsten« dem Osten, weil der VEB Deutsche Schallplatten 80 Beethoven-LPs auf den Markt brachte. In Bonn beging man damals ein Beethovenfest, das insgesamt 1,3 Millionen Mark kostete. Das Auswärtige Amt verschickte zehn Tonnen Beethoven-Devotionalien ins Ausland und in allen Goethe-Instituten der Welt konnten Besucher Ausstellungen rund um den Genius besuchen. Der spanische Sänger Miguel Rios schaffte es, seinen »Song of Joy« über 24 Wochen in der bundesdeutschen Hitparade zu platzieren, davon sogar sieben Wochen lang auf Platz eins – allerdings nicht beim Sender Freies Berlin, der ein zeitweiliges Sendeverbot verhängte, um Beethoven-Liebhaber nicht zu verschrecken.

Der Götterfunke schlägt durch

Abgeschlossen wurde dieser Beethoven-Trubel 1977 zum 200. Todestag des Komponisten mit einem »Radiophonen Experiment«: Ein internationales Jugendorchester, das aus bundesdeutschen, englischen, japanischen und russischen Nachwuchsmusikern bestand (das frisch gegründete FDJ-Orchester durfte nicht mitspielen), gab auf dem Bonner Marktplatz die Neunte. Die Aufführung wurde vom WDR live übertragen. Von der Stadtverwaltung erging eine Aufforderung an die Bonner Bevölkerung, »ihre Radios auf die Übertragung einzustellen und die Geräte ins offene Fenster zu postieren«. Der bissige Kommentar im »Spiegel« zu den DDR-Feierlichkeiten, der schöne Götterfunke sei multimedial durch den Arbeiter-und-Bauernstaat geschlagen worden, hätte also auch für die alte Bundeshauptstadt stehen können.

Auch damals war die Beethoven-Ehrung zwar nicht von langer Hand, aber an höchsten Stellen vorbereitet worden. In einem Protokoll des Bundesinnenministeriums heißt es: »Die Gesprächsteilnehmer waren sich einig, daß die 150. Wiederkehr des Todestages dieses bedeutenden deutschen Komponisten durch angemessene Veranstaltungen unter Beteiligung staatlicher Stellen begangen werden sollte, damit auch die Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland gebührend auf Leben und Werk Beethovens hingewiesen wird.« Formulierungen ändern sich …

Nach 40 Jahren wenig freudetrunkener Anfeindungen war es dann wieder die Neunte, die Ost und West in einem Konzert am 25. Dezember 1989 unter der Leitung von Leonard Bernstein vereinen sollte. Er ließ damals »Freiheit, schöner Götterfunken« singen – rief aber damit noch einmal die Ideologen auf den Plan, die wetterten, damit »degradierte [er] die ansonsten hervorragende Aufführung zum pseudoaktuellen Propagandakarren der US-amerikanischen Sponsoren«. Vielleicht gibt es also tatsächlich nur eine herausragende Chance für die Kulturnation Deutschland im In- und Ausland? Eine »Entideologisierung« des Komponisten und seiner Neunten Symphonie mit ihrer systemübergreifenden, humanistischen Botschaft.

Christina M. Stahl schrieb diesen Essay als Originalbeitrag für 128 – Das Magazin der Berliner Philharmoniker, Heft 03/2014.