Es war Sonntag, der 12. November 1989, und ganz Berlin feierte: Nachdem am 9. November Günter Schabowski, damals Sprecher des SED-Zentralkomitees, auf einer Pressekonferenz die neuen Reiseregelungen für DDR-Bürger verlesen hatte und sich daraufhin gegen Mitternacht die Grenzübergänge öffneten, gab es für die Menschen in Ost und West kein Halten mehr. Drei West-Berliner Kulturinstitutionen entschieden sich spontan, an jenem Sonntag ihre Nachbarn aus dem Osten auf besondere Art Willkommen zu heißen: In der Deutschlandhalle veranstaltete man ein Rockkonzert, die Deutsche Oper organisierte auf die Schnelle eine zusätzliche Zauberflöten-Aufführung und die Berliner Philharmoniker entschieden, mit dem Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim, mit dem sie gerade Mozarts Così fan tutte aufnahmen, ein kostenloses Sonderkonzert für die Besucher aus der DDR zu geben.

Konzert mit Symbolcharakter

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von diesem Konzert. Vor der Philharmonie bildete sich eine lange Schlange. Viele Menschen hatten in ihrem Auto übernachtet und warteten seit Stunden auf die Öffnung der Kasse. Die begehrten Karten waren in kürzester Zeit bis auf die letzten Stehplätze vergeben. Zwei Werke von Ludwig van Beethoven standen auf dem Programm: das Erste Klavierkonzert und die Siebte Symphonie. »Beethovens Musik, ohnehin wie keine andere das Gefühl des für den historischen Augenblick ansprechend und steigernd, gewann einen neuen Stellenwert. Ihre elementare Kraft, die das Politische einschließt, wurde von Musikern und Publikum neu erlebt.«, schrieb der Kritiker Hans-Jörg von Jena.

Kein Auge blieb bei diesem Konzert trocken. Noch heute erinnern sich die Musiker an die überwältigenden Emotionen, die ihr Spiel so besonders, anrührend und mitreißend machten. Für viele bleibt es »das Konzert« ihrer Laufbahn. Nicht nur politisch, auch künstlerisch stand damals eine Wende bevor: nach dem Tode Herbert von Karajans ging eine Ära zu Ende, der neue Chefdirigent, Claudio Abbado, war bereits gewählt, aber noch nicht im Amt. Aufbruchsstimmung also auf mehreren Ebenen.

Wieder Ludwig van Beethoven

Mit einem Gedenkkonzert am 9. November 2014 erinnern die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle an die bewegenden Tage vor 25 Jahren. Wieder ist es ein Werk Ludwig van Beethovens, das aus diesem Anlass gespielt wird: die Neunte Symphonie, die das Orchester gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin aufführt. Außerdem erklingt Karol Szymanowskis Stabat mater. Die Gesangssolisten sind die Sopranistin Sally Matthews, die Altistin Bernarda Fink, der Tenor Christian Elsner und der Bariton Hanno Müller-Brachmann. Das seit langem ausverkaufte Konzert wird live in der Digital Concert Hall übertragen.

Das Konzert von 1989

Anschließend gehen die Philharmoniker auf Tournee und geben Gastspiele in den Städten, die damals während der politischen Wende eine entscheidende Rolle spielten: Halle, neben Dresden und Leipzig ein Zentrum der DDR-Bürgerbewegung, Warschau, wo die Streikbewegung der Gewerkschaft Solidarność politische Reformen einleitete, sowie Budapest und Prag, die Zufluchtsorte ausreisewilliger DDR-Bürger. Auf dem Programm der Konzerte steht wiederum Beethovens Neunte, die um ein Werk von einem Komponisten des jeweiligen Landes ergänzt wird: Helmut Lachenmanns Tableau für Orchester (Halle), Karol Szymanowskis Stabat mater (Warschau), György Kurtágs Grabstein für Stephan (Budapest) und Bohuslav Martinůs Viertes Klavierkonzert (Prag). Im Namen seiner Heimatstadt Berlin bedankt sich das Orchester hiermit bei und in den Ländern, die maßgeblich an der friedlichen Revolution vor 25 Jahren mitgewirkt haben.