Diese Konzertreihe ist nichts für Schlafmützen. Wenn andere Konzertgänger sich auf den Heimweg machen, geht es hier erst los: Drei Mal in der Saison bieten die Late-Night-Veranstaltungen Musik nach den philharmonischen Orchesterkonzerten – mit Sir Simon Rattle, namhaften Künstlern und ungewöhnlichen Programmen. Gäste des ersten Late-Night-Konzerts dieser Saison sind die Geigerin Patricia Kopatchinskaja, der Pianist Markus Hinterhäuser und der Gambist Laurence Dreyfus. Das Programm könnte spannungsvoller nicht sein: Auf der Barockvioline und Diskantgambe spielen Patricia Kopatchinskaja und Laurence Dreyfus Bicinien des Mittelalters und der Frührenaissance. Dem zarten, fast spirituell anmutenden Klang dieser Musik stehen die auf modernen Instrumenten vorgetragenen Kompositionen für Geige und Klavier von Galina Ustwolskaja, einer Schülerin Dmitri Schostakowitschs, gegenüber, die sich durch eine leidenschaftliche, expressive Klangsprache auszeichnen.

Winterreise einmal anders

Im zweiten Late-Night-Konzert geht es um Franz Schuberts Winterreise. Der Liederzyklus, der von der ersten Note an von Verzicht, Abschied, Trauer und Tod erzählt, wird allerdings nicht in der gewohnten Weise für Singstimme und Klavier vorgetragen, sondern in der orchestrierten Fassung von Hans Zender. Der Dirigent und Komponist nennt seine Version eine »komponierte Interpretation«. Durch die Instrumentierung des Klavierparts bekommen die bekannte Lieder eine neue, ungewohnte, teils verstörende Klangsprache, die die Musik in die Nähe von Gustav Mahler rückt. Die Stipendiaten der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker spielen Zenders Version unter Leitung von Sir Simon Rattle. Es singt der Tenor Christian Elsner.

Frech, raffiniert, sexy

Das dritte Konzert der Late-Night-Serie führt in ganz andere musikalische Welt: William Waltons Façade aus aus dem Jahr 1923 beschwört die subversive, freche Atmosphäre eines Kabaretts oder einer Music Hall. In dem als »entertainment« bezeichnetem Werk hat der britische Komponist Texte seiner skandalumwitterten Förderin Edith Sitwell in Musik gesetzt. Walton kombiniert hier auf raffinierte Weise Elemente des Jazz und der Volksmusik, Anklänge an Strawinsky und Weill zu einem atemberaubendem, virtuosen musikalischem Kabinettstück in dem vor allem Eines nicht zu kurz kommt: der britische Humor. Aufgeführt wird Facade von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und einem Dream-Team der Late-Night-Konzerte: Sir Simon Rattle und Barbara Hannigan. Die kanadische Sopranistin, eine Spezialistin für das zeitgenössische Repertoire, und der philharmonische Chefdirigent begeisterten im Dezember 2012 mit ihrer witzigen Aufführung von Hans Werner Henzes Kantate Being Beauteous und Auschnitten aus Waltons mitreißenden Werk. Dabei beeindruckte die Sopranistin nicht nur mit ihrem komödiantischen Talent und ihrer akrobatischen Artikulationskunst, sondern auch mit ihren Fähigkeiten als Dirigentin. Sir Simon fiel ebenfalls aus seiner gewohnten Rolle und präsentierte sich als Sänger. Eine vergnügliche Unterhaltung für alle Beteiligten!