Jean Sibelius, dessen Geburtstag sich am 8. Dezember 2015 zum 150. Mal jährt, gilt als der große Komponist Finnlands. Seine durch den National-Epos Kalevala inspirierten Tondichtungen verführen dazu, Musik des Finnen als klangliches Äquivalent zu den weiten Landschaften und poetischen Sagenwelten des Nordens zu sehen. Doch Sibelius verstand seine Aufgabe als Komponist universeller. In einer Zeit, in der sich die musikalische Welt in Anhänger der absoluten Musik, die um die Weiterentwicklung der Symphonie rangen, und Verfechter der programmatischen Musik spaltete, gehörte Sibelius zu den wenigen Komponisten von Rang, die sich auf beide Genres einließen. »Seit Beethovens Zeit sind alle die sogenannten Symphonien, mit Ausnahme von Brahms, symphonische Gedichte gewesen«, schrieb Sibelius. »Das ist nicht mein Ideal einer Symphonie. Meine Symphonien sind Musik – erdacht und ausgearbeitet als Ausdruck der Musik, ohne irgendwelche literarische Grundlage. Ich bin kein literarischer Musiker, für mich beginnt Musik da, wo das Wort aufhört... Wenn ich Symphonische Dichtungen schreibe, ist das Verhältnis natürlich ein anderes.«

In Berlin als Student...

Der Zyklus mit seinen sämtlichen Symphonien, den die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle anlässlich des runden Geburtstags des Komponisten aufführten und der nun auf CD und Blu-ray veröffentlicht ist, rückt das symphonische Schaffen des Meisters in den Fokus und zeigt, wie sehr sich Sibelius mit den musikalischen Entwicklungen seiner Zeit auseinandersetzte und diese in seinen persönlichen Stil integrierte. Wichtige Eindrücke empfing er beispielsweise während seines Berliner Studienaufenthalts von September 1889 bis Juni 1890. Der damals 24-Jährige durchlebte eine Zeit des Zweifelns und der Depression, relativ unmotiviert, etwas Eigenes zu schaffen, trotzdem interessierte ihn das Berliner Kulturleben, von dem die Konzerte des Philharmonischen Orchesters ein wichtiger Teil waren. Besonders die Aufführung des Don Juan von Richard Strauss unter Hans von Bülow beeindruckte ihn sehr. »Die größte Bedeutung meines Berliner Aufenthalts lag darin, dass ich so viel hören konnte, sowohl Orchester- als auch Kammermusik.«

... und als Dirigent

Zwölf Jahre später, im November 1902, spielten die Berliner Philharmoniker zum ersten Mal ein Werk des Finnen: die Tondichtung En saga, die Sibelius selbst dirigierte. Es folgten 1904 Finlandia und 1905 die Aufführung der Zweiten Symphonie. »Die Symphonie ist ein Werk, dessen Bekanntschaft zu machen sich lohnte«, heißt es in einer Konzertbesprechung. Vor allem die Orchesterbehandlung zeige, so der Kritiker, »dass es mit dem klassischen Symphonieorchester noch immer möglich ist, eine Menge durchaus unverbrauchter, neuartiger Klangwirkungen zu erzielen.« Allerdings finden sich Sibelius Werke nicht in den Programmen der renommierten philharmonischen Abonnementkonzerte, sondern in den weit weniger frequentierten »Novitäten-Konzerten«, die der Komponist Ferruccio Busoni, ein Freund Sibelius’, künstlerisch betreute. Erst 1911 dirigierte Arthur Nikisch, der damalige Chefdirigent des Orchesters, im Rahmen der großen philharmonischen Konzerte die Tondichtung Finlandia. Ab den 1920er- und 30er-Jahren stehen Sibelius’ Kompositionen öfter auf den Programmen der Philharmoniker, u.a. unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler, Thomas Beecham und Eugen Jochum. Im März 1941 dirigiert Clemens Krauss ein Festkonzert zum 75. Geburtstag des Komponisten.

Geschätzte Symphonien, beliebtes Violinkonzert

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es vor allem Sergiu Celibidache und später dann Herbert von Karajan, die bei den Berliner Philharmonikern immer wieder Werke des Komponisten interpretierten. Heute haben die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle einen Chefdirigenten, dem Sibelius’ Œuvre besonders am Herzen liegt. Bereits in der Saison 2010/2011 gab es einen Zyklus seiner Symphonien. Das Werk von Sibelius, das die Berliner Philharmoniker jedoch am häufigsten aufgeführt haben, ist das Violinkonzert: Im Oktober 1905 leitete Richard Strauss die Uraufführung der Neufassung. Der Solist war Carl Halir, damaliger Konzertmeister der Königlichen Hofkapelle. »Ein mit Fantasie geschriebenes, in Farbe und Zeichnung gleich fesselndes Werk«, urteilte der Kritiker des Musikalischen Wochenblatts. Viele Geiger haben seither mit dem Konzert bei den Philharmonikern brilliert, angefangen von Franz von Vecsey, dem Schüler Joseph Joachims und Widmungsträger des Werks, bis hin zu Pinchas Zukerman, Itzhak Perlman, Gidon Kremer und – in jüngerer Zeit – Leonidas Kavakos und Nikolaj Znaider.

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