In der Berliner Philharmonie ist bis Ende August Sommerpause, nicht so in der Digital Concert Hall, die ihr Archiv in den kommenden Wochen sukzessive um Konzertaufnahmen aus der jüngeren und jüngsten Vergangenheit der Berliner Philharmoniker erweitert. Sämtliche Mitschnitte sind Fernsehproduktionen von denkwürdigen, teilweise sogar historisch bedeutenden Konzertereignissen.

Sergiu Celibidache und Lorin Maazel

Beispielsweise die Rückkehr Sergiu Celibidaches an das Pult der Berliner Philharmoniker nach 38 Jahren. Der rumänische Dirigent, der das Orchester von Oktober 1945 bis zur Entnazifizierung Wilhelm Furtwänglers künstlerisch geleitet, die Zusammenarbeit jedoch nach Unstimmigkeiten im November 1954 beendet hatte, wurde 1992 von dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gebeten, ein Benefizkonzert zu Gunsten von Kinderheimen in Rumänien zu dirigieren. Celibidache war damals 80 Jahre alt und Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, mittlerweile galt er als einer der wichtigsten Bruckner-Interpreten seiner Zeit. Daher setzte er für das Konzert auch ein Werk dieses Komponisten auf das Programm: die Siebte Symphonie, die Dirigent und Orchester in Celibidaches berühmten langsamen Tempi zelebrierten. Eine weitere musikalische Sternstunde dokumentiert die Aufnahme des Ring ohne Worte unter der Leitung von Lorin Maazel, der nicht nur ein begnadeter Dirigent, sondern auch ein respektabler Komponist war. Für den Konzertsaal hatte er eine 83-minütige, orchestrale Fassung des gesamten Ring des Nibelungen arrangiert, angefangen von der ersten Note des Rheingold bis hin zum letzten Akkord der Götterdämmerung, sozusagen ein symphonischer Kurz-Trip durch die vier Opern von Wagners Meisterwerk.

Europakonzerte in Krakau, Lissabon und Neapel

Seit 1991 erinnern die Berliner Philharmoniker mit ihrem alljährlichen Europakonzert am 1. Mai an die Gründung des Berliner Philharmonischen Orchesters am 1. Mai 1882. Das Konzert findet jeweils an einem kulturgeschichtlich signifikanten Platz in Europa statt und wird weltweit von Rundfunk- und Fernsehanstalten übertragen. Das Archiv der Digital Concert Hall enthält bereits eine Reihe von Europakonzerte und wird jetzt durch drei weitere ergänzt: 1999 gastierte das Orchester mit dem Dirigenten Bernard Haitink in der Marienkirche in Krakau. Neben der Motette Exsultate, jubilate und dem Et incarnatus est aus der c-Moll-Messe von Wolfgang Amadeus Mozart (Solistin: Christine Schäfer) standen das Zweite Klavierkonzert von Frédéric Chopin (Solist: Emanuel Ax) und Robert Schumanns Erste Symphonie auf dem Programm. Ebenfalls im kirchlichen Ambiente, nämlich im Mosteiro dos Jéronimos in Lissabon, fand das Europakonzert 2003 statt. Am Pult stand Pierre Boulez, ein langjähriger Weggefährte des Orchesters, und dirigierte Werke von Maurice Ravel, Claude Debussy und Béla Bartók. Außerdem interpretierte die portugiesische Starpianistin Maria João Pires Mozarts Klavierkonzert Nr. 20, KV 466. 2009 ging es nach Neapel, eines der großen italienischen Opernzentren. Riccardo Muti eröffnete das Konzert im Teatro San Carlo mit der Ouvertüre von Giuseppe Verdis La forza del destino. Die Mezzosopranistin Violeta Urmana sang La canzone dei ricordi von Giuseppe Martucci. Das Finale bildete Franz Schubert »Große« C-Dur-Symphonie.

Drei Mal Waldbühne

Alljährlich beschließen die Philharmoniker die Konzertsaison mit einem Open-Air-Konzert in der Berliner Waldbühne. Auch hierzu werden Weltstars eingeladen, außerdem gibt es stets eine spezielle Programmthematik: Latin America Night lautete das Motto des Konzerts 1998, das Daniel Barenboim dirigierte. Für das spezielle lateinamerikanische Flair sorgte der Gitarrist John Williams mit Joaquin Rodrigos Concierto de Aranjuez. Ganz im Zeichen des amerikanischen Komponisten George Gershwin stand das Konzert 2003 mit Instrumentalklassikern wie Rhapsody in Blue und Concerto in F sang. Die Leitung hatte Seiji Ozawa; Gaststars waren die Musiker des Marcus Roberts Trios. Fellini, Jazz & Co lautete 2011 das Programmkonzept. Riccardo Chailly dirigierte Werke von Dmitri Schostakowitsch, Nino Rota und Ottorino Respighi. Doch so unterschiedlich die Programmatik der Konzerte auch ist, ein Stück darf auf keinem Fall fehlen: Paul Linckes schmissiger Schlager Berliner Luft, mit dem jedes Waldbühnenkonzert traditionell zu Ende geht.

Europa- und Waldbühnenkonzerte