Nach den Konzerten in Berlin, Halle, Warschau, Budapest und Prag, bei denen die Berliner Philharmoniker anlässlich des 25. Jahrestags des Mauerfalls Beethovens Neunte Symphonie unter Leitung von Sir Simon Rattle aufgeführt haben, stehen im November und Dezember wieder eine Reihe geschätzter Gastdirigenten am Pult der Berliner Philharmoniker.

Der Mann aus New York

Seit Alan Gilbert im Februar 2006 kurzfristig für den erkrankten Bernard Haitink eingesprungen ist, zählt der gebürtige New Yorker zu den regelmäßigen Gästen des Orchesters. Wie er in einem Interview für die Digital Concert Hall verriet, liegt für ihn als Dirigent die größte Herausforderung darin, eine ausgewogene Balance zwischen der Gesamtarchitektur und den Details einer Komposition zu schaffen. Nur dann gelänge es, die Musik wirklich zum Fließen zu bringen. In den Konzertprogrammen, die er bislang bei den Philharmonikern dirigierte, nahmen die Werke tschechischer Komponisten einen großen Raum ein: Antonín Dvořáks Symphonische Dichtung Die Mittagshexe und sein Cellokonzert, Bohuslav Martinůs Vierte Symphonie oder Leoš Janáčeks Violinkonzert Putování dušičky (Wanderung einer kleinen Seele). Auch bei seinen letzten Konzerten Ende Januar Anfang Februar 2014 erklangt neben Magnus Lindbergs monumentalen Orchesterstück Kraft wieder Dvořáks Cellokonzert mit Daniel Müller-Schott als Solisten. Dieses Mal wendet er sich anderen symphonischen Regionen zu und dirigiert Felix Mendelssohn Bartholdys »Schottische« und Carl Nielsens Dritte Symphonie.

Karajans Entdeckung

Ein Werk Mendelssohns, die Ruy-Blas-Ouvertüre, steht auch auf dem Programm der Konzerte von Riccardo Chailly. Außerdem Sergej Rachmaninows Dritte Symphonie und Robert Schumanns Klavierkonzert mit Martha Argerich als Solistin. Obwohl von Geburt Italiener gilt Chailly als Spezialist für das deutsche romantische Repertoire. Bei seinem letzten Auftritt im Januar 2013 interpretierte er Bruckners Sechste und Mendelssohns Italienische. In einem Interview für die Digital Concert Hall schwärmt er: »Es ist ein Erlebnis mit den Philharmonikern zu musizieren! Die Leichtigkeit und Durchsichtigkeit der Menselssohnschen Musik, die wir uns erarbeitet haben, ist sehr schwer zu erreichen.« Sein philharmonisches Debüt im Januar 1980 verdankt Riccardo Chailly Herbert von Karajan. Der wollte dem jungen, begabten Dirigenten eine Chance geben. Dieses Debüt bescherte dem Italiener auch gleich seinen ersten Posten als Chefdirigent – beim Radio-Symphonie-Orchester Berlin (heute: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin). Von 1981 bis 1989 übte er dieses Amt aus, gleichzeitig trat er häufig als Gast in den philharmonischen Konzerten auf, meist als Interpret des deutschen und russischen Repertoires. Dann wurden seine Gastdirigate spärlicher, seine Aufgaben als Chef des Amsterdamer Concertgebouworkest und später als Gewandhauskapellmeister nahmen ihn zu sehr in Anspruch. 2011 kehrte Riccardo Chailly nach zehnjähriger Pause zum Waldbühnenkonzert ans Pult der Philharmoniker zurück. Sein Eindruck bei seinem Comeback? »In all den Jahren ist das Orchester flexibler geworden, der Klang Karajans ist aber immer noch präsent.«

Mount-Everest-Bezwinger

Kirill Petrenko gab wie Alan Gilbert im Februar 2006 sein philharmonisches Debüt. Dem Berliner Publikum war der junge Russe allerdings zu diesem Zeitpunkt bestens bekannt – als Generalmusikdirektor der Komischen Oper. In der Spielzeit 2002/2003 hatte er dieses Amt angetreten und seither hieß es: Da steht ein Dirigent am Pult, dem es nicht um eitle Selbstdarstellung geht, sondern um die Musik. Bescheiden, aber zäh und unermüdlich hat Petrenko sein Orchester auf musikalisch höchste Höhen geführt. Die Komische Oper wurde sein Sprungbrett in die Welt, denn mittlerweile dirigiert Petrenko an der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Metropolitan Opera und der Bayerischen Staatsoper, deren Generalmusikdirektor er seit der Spielzeit 2013/2014 ist. Der aus Omsk stammende Künstler, der in seiner Heimatstadt und in Wien studierte, hat sein Handwerk zunächst an kleineren Häusern gelernt: am Landestheater Vorarlberg, an der Wiener Volksoper und am Meininger Theater, wo er zusammen mit Christine Mielitz einen vielbeachteten Ring des Nibelungen herausbrachte. In den philharmonischen Konzerten präsentiert sich Petrenko, der sich Berlin noch immer heimatlich verbunden fühlt, gerne als Interpret russischer Meister. Nicht so in dieser Saison, in der ihn das philharmonische Publikum erstmals mit einem Werk Gustav Mahlers, der Sechsten Symphonie, erleben kann. Vor den Berliner Philharmonikern zu stehen, bedeutet ihm Herausforderung und Glück zugleich: »Es ist eine große Sache für mich, mit diesem Orchester zu arbeiten – etwa so, als ob ich den Mount Everest ohne Ausrüstung besteigen würde.«

Dirigent russischer Schule

Nur wenige Monate liegt Tugan Sokhievs letztes Konzert mit den Berliner Philharmonikern zurück: In Juni 2014 dirigierte er neben Henri Vieuxtemps’ Violinkonzert mit Hilary Hahn als Solistin auch Peter Tschaikowskys Manfred-Symphonie. »Sokhiev erwies sich einmal mehr als kraftvoller Organisator, der zu Hochform aufläuft, je komplexer die Partitur ist«, hieß es in der Kritik der Berliner Zeitung. Der 37-jährige Dirigent zählt zu den Shooting-Stars seiner Generation. Im Moment ist er Chef dreier renommierter Klangkörper: des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, des Orchestre National du Capitole de Toulouse und des Orchesters des Moskauer Bolschoi-Theaters. In den drei Konzerten, die er seit seinem Debüt im Janaur 2010 bei den Berliner Philharmonikern gegeben hat, stand stets eine reizvolle Mischung von französischer und russischer Musik auf dem Programm. Dieses Mal leitet er mit Anatoli Ljadows Der verzauberte See, Sergej Prokofjews Violinkonzert (Solist: Vadim Gluzman) und Dmitri Schostakowitschs Fünfter Symphonie einen rein russischen Abend. Nicht nur im Repertoire, sondern auch in seinem Dirigierstil wurzelt der gebürtige Nordossete in der russischen Tradition. Tugan Sokhiev ist ein Schüler des legendären Ilya Musin: »Das war das größte Glück, das mir bisher widerfahren ist. Musin war schon Anfang 90, aber er war großartig. Alles hat sich verändert, seit ich bei ihm war und wir würden heute garantiert nicht hierstehen, wenn ich nicht bei ihm studiert hätte.«