Die New Yorker Carnegie Hall ist eines der berühmtesten und glamourösesten Konzerthäuser der Welt. Finanziert von dem amerikanischen Industriellen Andrew Carnegie und erbaut von dem Architekten William Burnet Tuthill dient sie seit ihrer Eröffnung 1891 als Podium für herausragende Konzertereignisse. Wer dort auftritt, gehört zur musikalischen Weltelite. Auch die Berliner Philharmoniker zählen zu den regelmäßigen Gästen des Hauses – seit 60 Jahren. Ihr Debüt gaben sie dort am 1. März 1955 im Rahmen ihrer ersten Amerika-Tournee, die das Columbia Artists Management noch gemeinsam mit Wilhelm Furtwängler geplant hatte. Ein deutsches Orchester unter einem deutschen Dirigenten mit Werken der deutschen Klassik und Romantik – das war die Idee der Veranstalter. Der Chefdirigent der Philharmoniker war jedoch im November 1954 gestorben und das verwaiste Orchester hatte schnell einen neuen Dirigenten verpflichten müssen: Herbert von Karajan.

Herbert von Karajans große Chance

Der damals 46-jährige Karajan, der lange darauf hingearbeitet hatte, Furtwänglers Nachfolge anzutreten, sah seine Stunde gekommen. Auf dieser Tournee konnte er beweisen, wie gut er und das Orchester harmonierten. Joseph Haydns  Symphonie Nr. 104, Vorspiel und Liebestod aus Richard Wagners Tristan und Isolde sowie Ludwig van Beethovens Fünfte Symphonie – mit diesen Werken sollte das New Yorker Publikum erobert werden. Die deutschen Gäste waren allerdings nicht bei allen Amerikanern willkommen. Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Schrecken des Nazi-Regimes noch zu präsent, und den Auftritt des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Karajan empfanden viele als Affront. Während vor der Carnegie Hall Demonstranten ihren Protest zum Ausdruck brachten, überzeugten die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chef im Saal das Publikum. Es gab tosenden Beifall. »A Superior Concert!«, jubelte der Kritiker des New York Journal-American. Karajan sei ein »outstanding conductor«. Die Presse urteilte durchwegs positiv über das Gastspiel, bewunderte den homogenen Streicherklang und die wunderbare Phrasierung der Philharmoniker, gleichwohl wurde immer wieder gerne hervorgehoben, dass der Klang nicht so voll und brillant sei wie bei den amerikanischen Orchestern. Bereits ein Jahr später konzertierten die Berliner Philharmoniker und Karajan wieder in der Carnegie Hall.

Beethoven-Zyklus mit Morddrohung

1961 und 1976 folgten weitere Gastauftritte. Dazwischen lag 1965 ein Gastspiel, bei dem Karajan und die Philharmoniker als erstes ausländisches Orchester einen Beethoven-Zyklus aufführten. Noch waren die Vorbehalte gegen den Dirigenten in der Bevölkerung nicht ganz verschwunden. Vor dem ersten Konzert bekam Karajan eine Morddrohung und der Abend fand unter Polizeischutz statt. Während das Publikum das Orchester von Anfang an feierte, regierten die Kritiker nach dem ersten Konzert eher kühl. Karajans Beethoven-Interpretation sei »aseptisch«, «ausdruckslos«, «enttäuschend«. Doch diese Meinung änderte sich im Verlauf des Zyklus. Nach der Aufführung der Neunten Symphonie hieß es im Journal American: »Seit Toscanini ist nichts ähnliches wie das hier zu hören gewesen.« Dirigent und Orchester waren ein Garant für ein ausverkauftes Haus. Die Konzertsaison1982/1983 stand ganz im Zeichen des 150. Geburtstags von Johannes Brahms, und das Orchester präsentierte sich aus diesem Anlass im Oktober 1982 mit einem Brahms-Zyklus. Ein Rezensent bemerkte, es wäre wohl das letzte Mal, dass man die Philharmoniker mit dem damals 74-jährigen Maestro in New York erleben könnte. Welch prophetische Worte!

In Aufbruchstimmung

Das nächste Carnegie-Gastspiel des Orchesters 1991 zum 100. Geburtstag des Konzerthauses fand ohne Karajan statt, der 1989 gestorben war. Die Philharmoniker reisten jedoch nicht mit ihrem neuen Chef Claudio Abbado an, sondern mit Bernard Haitink. Die New Yorker konnten Abbado und die Philharmoniker erst zwei Jahre später erleben – mit einem reinen Mahler-Programm. Die Erwartungen waren hoch, so hoch wie die Schwarzmarktpreise für die Karten. Doch die ersten beiden Konzerte überzeugten noch nicht, erst nach der Aufführung von Mahlers Neunter am dritten Abend stellte sich die gewohnte Begeisterung wieder ein. Die Kritik reagierte zurückhaltend, bemerkte aber die künstlerische Aufbruchstimmung und konstatierte, der Klang des Orchesters besitze mehr Wärme als unter Karajan. Besondere Erwähnung in der Presse fanden die neuen Solo-Bläser: Flötist Emmanuel Pahud, Hornist Stefan Dohr und Klarinettist Wenzel Fuchs waren ebenso wie Oboist Albrecht Mayer neu ins Orchester gekommen und bestachen durch ihre jugendliche Musizierweise. Nach diesem Einstand folgten 1996, 1998 und 2001 weitere Auftritte mit Claudio Abbado in der Carnegie Hall. Mahler, Brahms und Beethoven bildeten die Säulen der Programme.

Neue Programmatik

Mit Sir Simon Rattle änderte sich die Programmatik der Gastspiele. Bei seinem ersten New Yorker Auftritt mit den Philharmonikern im November 2003 dirigierte der neue künstlerische Leiter neben Joseph Haydns Symphonien Nr. 86 und 88, Claude Debussys La Mer und Franz Schuberts »Großer« C-Dur-Symphonie György Ligetis Violinkonzert, Henri Dutilleux’ Correspondances und Heiner Goebbels Aus einem Tagebuch. Werke zeitgenössischer Komponisten gehören seither in das musikalische Reisegepäck. Die Stiftung Berliner Philharmoniker und die Carnegie Hall Corporation begannen, gemeinsam Kompositionsaufträge zu vergeben: beispielsweise Thomas Adès’ Werk Tevót, das das Orchester 2007 beim Festival Berlin in Lights dem New Yorker Publikum vorstellte. Im Rahmen dieses Festivals, an dem sich auch das Education-Programm mit dem The Rites of Spring-Projekt beteiligte, wurde die Philharmonikern zum UNICEF-Botschafter ernannt. Im Oktober 2014 präsentierten Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker im Rahmen einer Carnegie-Hall-Residency u. a. ihren Schumann-Zyklus; darüber hinaus gab es wieder eine Komposition, die die Philharmoniker zusammen mit der Carnegie Hall in Auftrag gegeben haben: dark dreams von Georg Friedrich Haas. In dieser Saison kehren das Orchester und sein Chef nach New York zurück, um abermals einen Zyklus zu spielen: 50 Jahre nach Karajans spektakulären Beethoven-Zyklus gibt Simon Rattle seine Lesart der neun Symphonien des Wiener Klassikers.