Es gibt viele Arten einem Instrument seine Liebe zu erklären. Enthusiastisch wie der Erste Solo-Bratscher Máté Szűcs: »Du bist für mich das beste Instrument, um meine komplexen und extremen Gefühle auszudrücken.« Liebevoll wie Ulrich Knörzer: »Die Bratsche klingt süß und zugleich herb, sie kann warm und dann auch wieder hell und durchdringend klingen.« Schwärmerisch wie Matthew Hunter: »Ich mach’ die Augen zu, lass die Finger langsam über deinen Ebenholz-Rücken streichen – deine Stimme, wie ein Schoko-Schnurren, wispert ins Ohr: Du bist meins, wir sind eins, du meine einzige, meine ... Bratsche« Oder fast fluchend wie Martin Stegner: »Du bist eine Scheißkiste, aber ich liebe dich trotzdem!«

In den Fokus gerückt

Dass Bratscher und vor allem die Bratscher der Berliner Philharmoniker ein inniges Verhältnis zu ihrem Instrument haben, erscheint nur selbstverständlich. Im Allgemeinen steht die Bratsche jedoch immer ein wenig im Schatten der anderen Streichinstrumente, der hohen Violinen und der tiefen Celli und Kontrabässe. Nicht so in diesem Jahr, denn der Landesmusikrat Berlin hatte in Zusammenarbeit mit dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein die Bratsche zum Instrument des Jahres 2014 ausgerufen. Das bedeutet, dass die Viola dieses Jahr im Musikleben mehr in den Fokus rückte. Auch wenn für die philharmonischen Bratscher, wie sie einhellig betonen, jedes Jahr ein Bratschen-Jahr ist, haben sie sich in diversen Veranstaltungen für ihr Instrument engagiert. Ulrich Knörzer beispielsweise wirkte im Februar 2014 beim Hindemith-Festival der Universität der Künste mit und führte dort Des Todes Tod von Paul Hindemith auf, der selbst ein leidenschaftlicher Bratscher war. Auch Martin Stegner, der sich in diesem Jahr eine neue Viola gönnte, war viel in Sachen Bratsche unterwegs: »Ich spielte viele Konzerte mit ungewöhnlichen Besetzungen, Stilen und Bearbeitungen. So konnte ich die Bratsche vielen von einer wohl weniger bekannten Seite vorstellen.«

Die Kosmopolitin

Schon Hector Berlioz schrieb in seiner Instrumentationslehre, von allen Instrumenten im Orchester sei die Viola dasjenige, dessen ausgezeichnete Eigenschaften man am längsten verkannt habe. Behende wie eine Violine, aber vom Klang tiefer besäße sie einen traurig-leidenschaftlichen Klangcharakter. Die philharmonischen Bratscher kennen die Stärken und Schwächen ihres Instruments genau: Sie schätzen, dass die Viola der menschlichen Stimme nahe ist, und bedauern, dass sie in der Mittellage klanglich leicht zugedeckt werden kann. »Die Bratsche«, so Ulrich Knörzer, »vermittelt zwischen den Polen: Geige oben, Bass unten. Das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Als Mittelstimme kittet sie die anderen zusammen und weil sie eine eigene Klangfarbe besitzt wird sie von den Komponisten auch reich mit schönen Stellen bedacht. Dafür kann sie sich als Melodieinstrument nicht so klar profilieren wie die Violine, und für den Bass fehlt ihr das Volumen. Aber Bratschisten haben im Idealfall die Ohren immer bei ihren Kollegen.« »Unsere Rolle ist sehr kosmopolitisch«, ergänzt Matthew Hunter, »mal sind wir die Nebenstimme, mal wie eine Rythmus-Gitarre schlagend, oder die Harmonie prägend, und dann natürlich auch die Melodie spielend.« Auf diese Weise gibt die Bratsche dem Orchesterklang eine räumliche Tiefe, eine dritte Dimension. Máté Szűcs betont, die Bratsche sei darüber hinaus ein ideales Instrument für die Kammermusik: »Man kann mit ihr tief in die Musik eintauchen und ihr Tausende an Klangfarben entlocken.«