Kein zeitgenössischer Komponist war den Berliner Philharmonikern so lange und künstlerisch so eng verbunden wie Hans Werner Henze. Er starb am 27. Oktober 2012 im Alter von 86 Jahren, genau an dem Tag, an dem die Berliner Philharmoniker den 25. Geburtstag ihres Kammermusiksaals feierten. Die große künstlerische Bedeutung des Komponisten hat das Orchester früh erkannt. 1954 spielte es im Rahmen der Konzertreihe Musik unserer Zeit erstmals ein Werk des damals 28-Jährigen: die Dritte Symphonie, die – laut Tagesspiegel – ein »Zeugnis großer Begabung« sei. Und die Neue Zeitung Berlin prophezeite: »Wenn Henze lernt, die ihn bedrängende Menge der Visionen zu bändigen, sich auf wenige Gedanken zu konzentrieren, wird sein Genie ganz unbestritten sein.«

Die Berliner Philharmoniker lernten in den nächsten Jahren jedoch nicht nur den Komponisten, sondern auch den Dirigenten Hans Werner Henze schätzen: 1961 stand er erstmals am Pult des Orchesters, um neben seinem eigenen Werk Drei Dithyramben auch Karl Amadeus Hartmanns Erste Symphonie, Benjamin Brittens Nocturne op. 60 und Igor Strawinskys Symphonie in drei Sätzen zu dirigieren. Zwei Jahre später leitete er die Uraufführung seiner Vierten Symphonie, jene mystisch-poetische Traumsequenz, die er ursprünglich als Schlussbild für den zweiten Akt seine Oper König Hirsch vorgesehen hatte. »Hans Werner Henze interpretierte sein Werk als feinhöriger, mit elastischem Schlage leitender Dirigent«, hieß es anschließend im Tagesspiegel. Bis 1991 kam der Komponist, der seit 1955 in Italien lebte, regelmäßig zu den Berliner Philharmonikern, hauptsächlich als Interpret in eigener Sache, aber auch als Mozart-, Mahler- und Monteverdi-Dirigent.

 

Das Œuvre von Hans Werner Henze bildet seit langem einen festen Bestandteil des philharmonischen Repertoires. Nahezu sämtliche wichtigen Werke haben das Orchester oder philharmonische Ensembles aufgeführt, angefangen von Henzes Konzerten für Klavier und Violine über seine zehn Symphonien, der Cantata della fiaba extrema und dem Floß der Medusa bis hin zu den Neuen Volksliedern und Hirtengesängen. Von den Uraufführungen durch die Philharmoniker seien vor allem neben der Vierten die Premieren der Siebten und der Neunten Symphonie 1984 und 1997 genannt. Die Dirigenten waren Gianluigi Gelmetti und Ingo Metzmacher. Im Januar 2011 ehrte die Stiftung Berliner Philharmoniker den Komponisten zu seinem 85. Geburtstag mit Konzerten des Scharoun Ensembles Berlin und der Orchester-Akademie. Hans Werner Henze, der sich den gängigen kompositorischen Moden verweigte, ließ sich beim Komponieren nur von einem leiten: von der »Sehnsucht nach dem vollen, wilden Wohlklang«.

Sir Simon Rattle, der mit dem Komponisten bereits in seiner Zeit als Chef des City of Birmingham Symphony Orchestra zusammengearbeitet hat, würdigt den Verstorbenen mit folgenden Worten: »Er war so bedeutend – nicht nur als Komponist, sondern auch als Mensch, der andere Menschen, junge Komponisten und junge Dirigenten ermutigte.«