Jenseits des Jägerchors

Der unbekannte Carl Maria von Weber

Illustration zu Webers berühmtem Klavierstück »Aufforderung zum Tanz«. Farbholzstich von Ferdinand von Rezniček, 1906
(Foto: AKG Images)

Was wüssten wir von Carl Maria von Weber, wenn er den Freischütz nicht komponiert hätte? Das ist natürlich eine hypothetische Frage. Aber wenn Werk und Wirken eines so vielseitigen Musikers von einem alles überragenden Opernerfolg dermaßen in den Schatten gestellt werden, darf man den Fokus auch mal auf andere Motive richten.

Neben seinem Freischütz mit Jägerchor, Jungfernkranz und Wolfsschlucht hat Weber in fast allen Genres maßstäbliche Kompositionen hinterlassen. Um bei den Opern zu bleiben: Das Singspiel Abu Hassan spielt mit echten und vorgetäuschten Gefühlen im Zeichen des Geldes, Euryanthe diente Wagner in mehrerer Hinsicht als Blaupause für seinen Lohengrin, und Oberon ist als Hybrid von Musikdrama und Ausstattungsrevue immer noch modern. Dann gibt es den Weber der Instrumentalmusik: Klarinettisten und Fagottisten sind ihm dankbar für die Solokonzerte, die er für sie komponiert hat. In der Kadenz des Horn-Concertinos sind Kombinationstöne verlangt, die durch gleichzeitiges Spielen und Singen entstehen, so dass der Interpret dreistimmige Akkorde erzielen kann. Für Pianisten schrieb er die Aufforderung zum Tanz, außerdem ein kostbares Konzertstück und Sonaten, von denen jede ein Kosmos für sich ist.

Auch mit Worten war Weber virtuos. Seine Schriften füllen über 500 Seiten: Aufführungs- und Werkrezensionen, Einführungstexte, Antworten auf Kritiken und etwas höchst Nützliches: Handreichungen für reisende Musiker in Form von Städteporträts, mit Hinweisen auf Konzertsäle, Veranstalter, Mäzene und Multiplikatoren. Darüber hinaus Poetisches bis hin zur großen Form, dem leider nicht abgeschlossenen Roman Tonkünstlers Leben. Seine Briefe, besonders die an seine Frau Caroline, zeigen ihn als begnadeten Korrespondenten. Auf seine Reformen geht die heute übliche Sitzordnung der Orchester zurück; Weber war auch der erste Orchesterleiter, der beim Dirigieren konsequent einen Taktstock benutzte. Immer trat er für Fortschritt und gegen Behäbigkeit ein, gegen Parteienstreit und für die Kunst. Sein Credo beeindruckt bis heute:

»Der Weg zum Ziele ist breit und mannigfach gestaltet, wir haben alle Platz darauf; er ist auch steil, wohl uns, wenn wir uns alle die Hände bieten; Freude, Frieden und Gedeihen der hohen Kunst seien der Erfolg!«

Von Malte Krasting

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