Trauer um Seiji Ozawa

Das Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker verstarb im Alter von 88 Jahren

Seiji Ozawa bei seinem letzten Konzert mit den Berliner Philharmonikern, April 2016
(Foto: Holger Kettner)

Die Berliner Philharmoniker trauern um ihr Ehrenmitglied Seiji Ozawa, der am 6. Februar 2024 im Alter von 88 Jahren verstarb. Eva-Maria Tomasi und Stefan Dohr, Orchestervorstände der Berliner Philharmoniker: »Für uns als Orchester war Seiji Ozawa mehr als ein hochgeschätzter Dirigent – sein großes handwerkliches Können, seine vollkommene Kenntnis der Partitur und seine freundliche und bescheidene, ehrliche und humorvolle Art machten ihn seit seinem Debüt 1966 zu einem engen Freund und Wegbegleiter des Orchesters. Wir sind sehr dankbar, dass wir im April 2016 noch einmal mit ihm musizieren durften und verneigen uns in tiefer Trauer vor einem großen Dirigenten und wunderbaren Menschen. In Gedanken sind wir bei seiner Familie.«

Seiji Ozawa gab nahezu zeitgleich mit Claudio Abbado sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern. Beide waren Entdeckungen Herbert von Karajans und die Presse überschlug sich in ihrem Lob über das untrügliche Gespür des Maestros für herausragende Talente. Seiji Ozawa, Sieger des Dirigentenwettbewerbs in Besançon, Kussewitzky-Preisträger sowie ehemaliger Assistent von Karajan und Leonard Bernstein, war damals gerade seit einem Jahr Musikalischer Leiter des Toronto Symphony Orchestra und hatte sich kurz vorher glänzend in Salzburg eingeführt. Seine »gestalterische Energie« – so die Presse nach seinem Berliner Debüt – sei genial und man feierte ihn als »dirigierenden Paganini«. Er leitete Beethovens Symphonie Nr. 1, Schumanns Klavierkonzert und Hindemiths Symphonie Mathis der Maler – eine Programmzusammenstellung, die auch typisch für kommende Konzerte werden sollte.

Klassisch, romantisch, modern

Denn wann immer Ozawa ans Pult der Berliner Philharmoniker trat – und das tat er seitdem oft und regelmäßig – gab es Klassisch-Romantisches, häufig mit einer Prise Moderne gewürzt. Das Berliner Publikum machte er im Laufe der Jahre zudem mit Werken seiner japanischen Landsleute bekannt: mit Takemitsus November Steps und Requiem sowie Ishiis Polaritäten für Orchester; aber auch mit Messiaens Oper Saint François d’Assise, die der Dirigent 1983 in Paris uraufgeführt hatte und von der er drei Jahre später Auszüge bei den Berliner Philharmonikern vorstellte. Seiji Ozawa war der erste Japaner, der es als Dirigent zu Weltruhm gebracht hat. Das profunde Verständnis für die westliche klassische Musik erhielt er von seinem Lehrer und Mentor Hideo Saitō, der ihn an der Tōhō Musikhochschule in Tokio unterrichtete. Hideo Saitō – so Ozawa in einem Interview für die Digital Concert Hall – verdanke er viel: In einer Zeit, in der es in Japan noch so gut wie keine Kenntnisse der westlichen Musikkultur gab, vermittelte Saitō, der in Deutschland studiert hatte, seinem Schüler das Wesentliche der klassischen Musik. Herbert von Karajan habe ihn vor allem bei der Erarbeitung eines repräsentativen Repertoires geholfen.

Ständiger Gastdirigent

Ozawa war 29 Jahre lang Chef des Boston Symphony Orchestra und von 2002 bis 2010 Musikalischer Leiter der Wiener Staatsoper. Trotz seiner vielen internationalen Verpflichtungen hatte er für einen Gastauftritt bei den Berliner Philharmonikern stets Zeit. Ehe er 2009 aufgrund einer Krebserkrankung seine geplanten Konzerte absagte und sich aus dem Musikleben weitgehend zurückzog, kam er oft zwei Mal pro Konzertsaison zu den Berliner Philharmonikern. Als musikalische Leuchttürme ragen aus den vielen Konzerten, die Ozawa dirigierte, einige Veranstaltungen heraus: die Festkonzerte zum 100-jährigen Bestehen der Berliner Philharmoniker 1982 und zum 100. Geburtstag von Herbert von Karajan 2008, das erste Konzert der Philharmoniker in der neueröffneten Suntory Hall in Tokio, das Silvesterkonzert 1989 sowie die Waldbühnenkonzerte 1993 und 2003.

Seine letzten Konzerte gab Seiji Ozawa nach siebenjähriger Pause im April 2016. Von seiner Krankheit geschwächt, aber trotzdem voller Leidenschaft dirigierte er nach dem Auftritt eines Kammermusikensembles ein halbes Konzertprogramm mit Beethovens Egmont-Ouvertüre und dessen Chorfantasie. Ein für den Dirigenten und das Orchester, das Ozawa im Rahmen dieses Auftritts zum Ehrenmitglied ernannte, bewegendes Ereignis. Was für Seiji Ozawa das Besondere der Berliner Philharmoniker ausmachte? »Jedes Mitglied spielt wie ein Kammermusiker. Das ist sehr wichtig. Ich denke, das macht die Tradition des Orchesters aus.«

 

 

Aus gegebenem Anlass stellt die Digital Concert Hall das Konzert mit Seiji Ozawa vom 17. Mai 2009 kostenlos zur Verfügung.