»Ich muss sie einfach alle singen!«

Porträt der Sopranistin Sonya Yoncheva

Sonya Yoncheva
(Foto: Kristian Schuller)

Die Sopranistin Sonya Yoncheva zählt zu den vielseitigsten und interessantesten Sängerinnen unserer Zeit. Sie hat keine Berührungsängste, stand schon mit Sting auf der Bühne und streut in ihre Programme auch mal einen Song von ABBA ein. Im April ist sie mit einem Liederabend in der Philharmonie Berlin zu Gast.

Da sitzt er, der arme Rodolfo, in seiner trüben, kalten Stube. Hockt am Schreibtisch. Seine miese Situation scheint ausweglos. »Dann komme ich. Verführe ihn. Gebe mich verschämt. Aber in mir brennt es.« Und sagt es mit flammenden Augen und feurigem Lächeln.

So beschreibt Sopranistin Sonya Yoncheva die Ausgangslage der Mimì in Giacomo Puccinis La Bohème. Und dieser Spagat zwischen einem äußeren Anschein von Unschuld und innerlich absoluter Hingabe steht zugleich exemplarisch für die Künstlerin Yoncheva. Sie rauscht nicht raumeinnehmend auf die Bühne wie einst Jessye Norman, sie hält nicht Hof und inszeniert sich auch nicht selbst, und dennoch wird meist schon mit ihrem ersten Ton klar, wie sehr Yoncheva für die Musik lebt.

Eine Sängerin mit Sitz im Leben. Eine Sängerin, die in einem wundersamen Schnellgang die ersten Adressen der Opernwelt erobert und eine ungewöhnlich breite Palette von Partien bereits hinter sich hat. »Die Stimme ist der Ausdruck der Seele«, sagt sie schlicht und weist auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen hin, denn »Musik besitzt generell viel Macht. Sie kann uns in unserer Stimmung regelrecht runterziehen, aber sie kann uns auch euphorisieren und viel Kraft geben.«

Die Kinder sollen Musiker werden

Die Sterne sind ihr von Anfang an gewogen, die äußeren Umstände zunächst nicht. Geboren wird Sonya Yoncheva am ersten Weihnachtstag des Jahres 1981 in Plowdiw, der zweitgrößten Stadt im heutigen Bulgarien. Es herrscht viel Armut. Es gibt wenig zu essen und noch weniger Strom. In dieser Lage kommt der Mutter die Idee, dass Sonya und ihr Bruder Marin Musiker werden könnten. Also werden Noten gekauft, Instrumente, Karten für Konzerte. Bei beiden geht die Rechnung auf: Marin studiert Kontrabass und Klavier und ist heute in Bulgarien ein gefeierter Popstar, in dessen Windschatten auch schon mal seine Schwester mit ihm gemeinsam auftreten darf.

Sonya studiert zunächst in ihrer Heimatstadt, dann in Genf. Sie ist noch keine 20, als sie bereits Erfolge bei verschiedenen Wettbewerben verbuchen kann, u. a. gewinnt sie 2010 den Plácido Domingos Operalia-Wettbewerb. Nur ein Jahr später erscheint ihr Debüt-Album Rebirth bei einem der renommierten Labels. »Natürlich hätte ich mir als Kind niemals träumen lassen, dass ich eines Tages so ein Leben führen würde.«

Trotzdem hatte ich immer so ein Gefühl, dass ich etwas mit Kunst machen muss«, erklärte sie einmal in einem Interview. An Fantasie und Kreativität hat es ihr nie gemangelt. In frühen Jahren hat sie gemalt, Theater und Klavier gespielt. »Dass alles solch große Formen annehmen würde, konnte ich ja nicht ahnen.«

In Genf lernt Yoncheva den Dirigenten William Christie kennen: »Ein toller Dirigent und ein wunderbarer Lehrer«, wie sie in der Welt erklärt. Rückblickend spricht die Sängerin von einer Schicksalsbegegnung. Sie darf dem Grandseigneur der Alten Musik eine Arie aus Georg Friedrich Händels Oper Alcina vorsingen. Es ist das erste Mal, dass Yoncheva sich diesem Repertoire widmet. Doch schon beim Vorsingen beweist sie, was ihr im weiteren Verlauf der Karriere immer wieder zugutekommen wird: einen gesunden Instinkt.

Das Barock-Repertoire wird zum Sprungbrett

Christie zeigt sich an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert, Yoncheva vertieft sich in altes und ältestes Repertoire: Monteverdi. Und immer wieder Händel. »Für mich war es interessant zu sehen, wie unterschiedlich er Harmonien und Melodien einsetzt, um Kleopatra, Agrippina oder Theodora zu beschreiben.« Yoncheva findet Lust daran, »diese Unterschiede herauszuarbeiten und die verschiedenen Gesichter zu zeigen«. Sie möchte »Geschichten erzählen«.

Genau das ist eines ihrer Markenzeichen. Sie singt nicht, sie stellt dar. Sie präsentiert keine Rolle, sie schlüpft hinein. Nie sieht man sie auf einer Bühne statisch prunken oder lähmend schaukeln, sie wirbelt und tänzelt, und selbst wenn sie den Rollentod stirbt, spiegeln sich in ihr Grazie und Elend gleichzeitig. Ein Blick in ihre hellwachen, oft rollenden, kommentierenden, fragenden, kokettierenden Augen genügt, um zu erkennen, dass Gesang für Yoncheva ein physisches Gesamtunterfangen ist.

Das Barock-Repertoire wird schließlich zum Sprungbrett. Mit Tipps und Tricks versorgt sie auch die Dirigentin Emmanuelle Haïm. Sie lernt umzugehen mit Ornamenten und einer rhetorisch pointierten Aussprache – »Dinge, über die man als Sänger des 19. Jahrhundert-Repertoires gern hinwegsieht«. So werden die Erfahrungen mit Musik des 17. und 18. Jahrhunderts zu einer Art von pädagogischer Reifeprüfung. »Es hilft, viele spätere Fehler gleich von Anfang an zu vermeiden.«

Es folgen verschiedene Einspringer-Gelegenheiten. Absagen anderer werden für Yoncheva zum Karrierebeschleuniger. Mehrfach wird sie angefragt, nachdem Anna Netrebko Zusagen zurückgenommen hat. Etwa als Marguerite in Gounods Faust. Bei den Pfingstfestspielen Baden-Baden 2014 muss Netrebko passen. Die zunächst einspringende Angela Gheorghiu sagt wegen Vorbehalten gegen das szenische Konzept wieder ab und die damals 33-jährige Yoncheva ergreift die Gelegenheit freudig beim Schopf. Ein Triumph vor und hinter den Kulissen.

Fünf Rollendebüts

Die Saison 2018/19 wird zu einem ungeplanten Rekordjahr. Gleich fünf Rollendebüts füllen ihren Kalender. »Da war ich für Versuchungen noch empfänglicher«, gesteht sie selbstkritisch im Gespräch mit der Zeitschrift Das Opernmagazin.

Yoncheva kann und möchte nicht Nein sagen. Tosca – »vielleicht hätte ich sie noch nicht singen sollen«, Elisabetta in Verdis Don Carlo, Luisa Miller – »die für mich schwerste Rolle«, dazu Cherubinis Médée in Berlin und schließlich Imogene in Bellinis Il pirata für die Scala, die Geschichte einer unglücklich verheirateten Frau, die sich heillos in den falschen Mann, einen Piratenanführer, verliebt, dem Wahnsinn verfällt und auf den eigenen Tod wartet.


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Yoncheva wird als die erste Sängerin gefeiert, die nach Maria Callas diese Rolle in Mailand gesungen hat. Die Gepriesene verneint allen öffentlichen Hype und wirft ein, nach der Callas habe es eine weitere große Imogene gegeben: Montserrat Caballé, welche die Partie zwar nicht an der Scala, jedoch ohne einen einzigen gestrichenen Takt gesungen hat. Darin folgt ihr auch Yoncheva, erst in Mailand, dann in Madrid – mitsamt dem zwanzigminütigen Marathonabgesang am Schluss.

Doch warum mutet sie sich so viel zu? Eine Portion Leichtsinn mag vielleicht dabei gewesen sein, viel zentraler aber ist Sonya Yonchevas eigene Motivation. Sie sieht sich nicht als Sängerin, nicht als Sopranistin, vielmehr als Künstlerin. Faszination und Inspiration, um all diese Angebote anzunehmen, »kamen nicht in erster Linie über die Musik, sondern über den Charakter, den ich da zu verkörpern habe«. Sie liebt nun mal die starken, aber auch die ambivalenten Frauenpartien. »Ich muss sie einfach auf der Bühne alle singen!«

Eine Bühnenleidenschaft, so ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen? Denn da ist schließlich noch ein Privatleben. Ihr Ehemann kennt glücklicherweise das Metier. Der gebürtige Venezolaner Domingo Hindoyan ist Dirigent und war beim ersten Kennenlernen bereits Assistent von Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden. Ihre beiden gemeinsamen Kinder verlangen Fürsorge, und Yoncheva benennt eine weitere zentrale Kunst in ihrem Leben: die des alltäglichen Organisierens.

Oper, Lied, Filmmusik, ABBA

Zu ihrer Erdung trägt sicher auch bei, dass sie nicht alles auf die Karte Oper setzt, sondern auch im Lied eine zweite Heimat sieht. Es reizt sie, »dieses sehr intime Erlebnis auszukosten«, hat sie einmal erklärt. Auch hier reichen die Wurzeln zurück zu ihrem »barocken Training«. Im Lied fühlt sich Yoncheva nicht als einzelnes Rädchen wie im großen Getriebe Oper, das ständig geölt werden muss und dennoch Gefahr läuft, heiß zu laufen. Schließlich bietet ihr auch das Liedfach Raum für die Begegnung mit spannenden Frauenfiguren: Clara Schumann, Pauline Viardot, Carlotta Ferrari, eine italienische Komponistin, die mit Verdis späterer Ehefrau Giuseppina Strepponi am Konservatorium in Mailand studiert hat.

Doch straffe Genregrenzen zieht Yoncheva ohnehin nicht. Aus ihrem Faible für Filmmusik macht sie keinen Hehl, mit Elvis Costello ist sie bereits ebenso aufgetreten wie mit Sting. In ihren Liederabend bei den letztjährigen Salzburger Festspielen hat sie ein Lied von ABBA eingestreut. Auch Werke aus ihrer bulgarischen Heimat sind ihr wichtig. Heimat? Längst ist Sonya Yoncheva in anderen Ländern heimisch geworden, sie wohnt in der Schweiz oder in Berlin …

Christoph Vratz

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